23.06.2004 · Peter Gabriel ist auch nach seiner Trennung von Genesis wandlungsfähig geblieben. Das gilt für sein Äußeres, seine Musik und seine Geschäftsinteressen. Zuletzt feierte er einen Erfolg als Unternehmer im Internet.
Von Carsten KnopPeter Gabriel ist wandlungsfähig. Das hat der britische Musiker schon auf der Bühne mit der von ihm gegründeten Gruppe Genesis in verschiedensten Kostümierungen bewiesen. Wandlungsfähig ist Gabriel auch nach seiner Trennung von Genesis geblieben, die nun schon mehr als 25 Jahre zurückliegt. Das gilt für sein Äußeres, seine Musik und seine Geschäftsinteressen.
Gabriel, Sohn eines Elektrotechnikers und einer musikalischen Mutter, ist 54 Jahre alt. Man sieht ihm das Alter durchaus an, doch ist er mindestens im Geiste jung geblieben. Das sieht er wohl auch selbst so. Seine jüngste Tournee, die ihn im Mai auch in die Frankfurter Festhalle geführt hat, trägt den Titel: "Still growing up". Das Wichtigste aber: Gabriel ist noch immer erfolgreich.
In einer Konzertkritik hieß es gar, er sei vielleicht in der Form seines Lebens, wahrscheinlich sei er das aber schon seit vielen Jahren. Seine erfolgreichsten Stücke heißen "Solsbury Hill", "Sledgehammer" oder "Don't give up". Die Stücke sind denjenigen, die in den achtziger Jahren von der Schule abgegangen sind, ebenso bekannt wie denen, die damals schon längst im Beruf waren, oder jungen Leuten, die heute noch zu Schule gehen.
Kaum einer ist so lange im Geschäft
Es gibt nur wenige, die so lange im Geschäft sind wie Gabriel, und es hat ihm nicht geschadet, daß er sich zwischen seinen Studioalben immer sehr viel Zeit läßt. Diese Zeit verwendet Gabriel nicht nur auf das Schreiben neuer Songs. So hat er das Festival "World of Music Arts and Dance" gegründet, das verschiedenste Musiker aus aller Welt zusammenbringen sollte. Das erste Festival fand im Jahr 1982 statt und wurde ein finanzielles Fiasko. Gabriels Experimentierfreude hat das - sowohl musikalisch als auch im Geschäftsleben - keinen Abbruch getan. Zunächst rief er Ende der achtziger Jahre eine eigene Plattenfirma mit dem programmatischen Namen "Real World" ins Leben. Seit einigen Jahren hat Gabriel auch mit dem Medium Internet sehr viel mehr Erfolg als in der Rolle des Festivalveranstalters.
"On Demand Distribution" gegründet
Gemeinsam mit seinem Partner Charles Grimsdale hat er das Unternehmen "On Demand Distribution" (OD2) gegründet, eine Gesellschaft, die Online-Plattformen für Musik bereitstellt, die von Dritten zum Aufbau eigener Internetshops für das bezahlten Herunterladen von Musik genutzt werden können. Das Geschäft lebt auch von sportlichem Ehrgeiz, der bei Gabriel noch nicht erlahmt ist. Kurz vor der Einführung des "iTunes Music Store" des amerikanischen Computerkonzerns Apple in Europa preschte OD2 mit dem Online-Musikdienst "Sonic Selector" voran, der von Microsoft MSN, Packard Bell, MTV und Tiscali für Online-Musikangebote eingesetzt wird. Der Lohn: Soeben haben Gabriel und Grimsdale ihre Gesellschaft für mindestens 38,2 Millionen Dollar in Aktien und bar an das amerikanische Unternehmen Loudeye verkauft.
An den großen Plattenlabels vorbei
Doch ging es Gabriel beim Aufbau seines Festivals, von "Real World" oder OD2 niemals in erster Linie ums Geld. Einmal will er den Begriff "Weltmusik" mit Gehalt füllen, ein anderes Mal eine Vertriebsplattform etablieren, mit der jeder Künstler seine Musik direkt verkaufen kann. OD2 soll dabei ausdrücklich ein Vermarktungsweg sein, der an den großen Plattenlabels vorbei zum Kunden führt. In dieser Hinsicht ist sich Gabriel über sein ganzes Künstlerleben hinweg treu geblieben: Er ist nicht angepaßt, er verfolgt nicht den Weg des geringsten Widerstands, doch er arrangiert sich auch mit den Gegebenheiten, will nicht mit dem Kopf durch die Wand. Er kommt ohne Genesis aus, läßt sich von seinen ehemaligen Bandkollegen aber auch einmal aus einer finanziellen Notlage befreien. Er spielt solo und doch immer wieder gemeinsam mit großartigen Künstlern. Und Gabriel ist nicht nur Künstler; er fühlt sich auch auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos wohl. Dort hat er im vergangenen Winter zum Beispiel mit Carly Fiorina, der Chefin des Computerkonzerns Hewlett-Packard, geplaudert. Worüber? "Wir hatten ein gutes Gespräch."
Carsten Knop Jahrgang 1969, Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für die Unternehmensberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.
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