13.11.2006 · Schon zweimal hat René Obermann seinen Freund Kai-Uwe Ricke auf dessen Posten beerbt. Nun steht wieder ein Wechsel an: Der 43 Jahre alte Obermann soll Telekom-Chef werden. Das ist jetzt amtlich. Ein Porträt.
Von Georg MeckJetzt ist es amtlich: René Obermann wird der neue Vorstandsvorsitzende der Deutschen Telekom. Das teilte der Konzern am Montag nach einer Sondersitzung des Aufsichtsrats in Bonn mit. Wegen anhaltenden Kundenschwunds und schlechter Zahlen hatte das Gremium am Vorabend Rickes Ablösung nach vier Jahren im Amt bekanntgegeben. Obermann wird seinen neuen Posten mit sofortiger Wirkung antreten.
Der Vorstandswechsel geschah laut Angaben aus Konzernkreisen auf Druck der Bundesregierung und des Finanzinvestors Blackstone, der 4,5 Prozent des Bonner Konzerns kontrolliert. Hauptaufgabe von Obermann wird sein, die darbende Festnetzsparte T-Com wieder auf den Wachtumspfad zurückzuführen.
Das Szenario wirkt bekannt
Nach seiner Berufung durch den Aufsichtsrat erklärte der 43-Jährige vor Journalisten, die Telekom solle „Marktführer in Sachen Service werden“ und gleichzeitig die Kosten weiter senken. „Das ist schwierig, das ist ein Spagat“, betonte der Manager. Es gelte nun, jeden Cent zwei Mal umzudrehen. Zugleich müsse das Unternehmen dahin kommen, „hochzufriedene und loyale Kunden“ zu haben. „Nur dann werden auch die Aktionäre zufrieden sein.“ Seit Jahresbeginn wechselten 1,5 Millionen Kunden zur Konkurrenz. Ein Aderlaß, der Ricke zur Senkung der Prognose für 2006 und 2007 zwang.
Das Szenario wirkt bekannt: Die Zahlen der Deutschen Telekom enttäuschen. Der Chef gerät ins Straucheln. Es wird intrigiert, die Eigentümer murren. Der Vorstandsvorsitzende stürzt. Nachfolger wird der bis dahin loyale Chef der Mobilfunksparte. So geschah es im Sommer 2002. So gelangte Kai-Uwe Ricke an die Führung der Telekom. Und so läuft es auch dieses Mal.
Keine Zigarette, dafür reichlich Auslauf
René Obermann ist der Mann vom Mobilfunk, der Manager mit der Leidenschaft für schnelle Motorräder und Sportwagen, der zweifache Familienvater, der mit der Disziplin eines Leistungssportlers lebt: selten Kaffee, lieber grüner Tee. Keine Zigarette, dafür reichlich Auslauf.
Als am Samstag allerorten über seine anstehende Beförderung geredet wurde, wollte er dies auf Anfrage nicht kommentieren. Unter keinen Umständen mag er als derjenige dastehen, der Rickes Abgang betreibt, gar den Dolch zieht. In der Vergangenheit hat er sich mehrfach klar zu ihm bekannt, hat jede Spekulation über einen Rauswurf als „komplett überflüssig“ bezeichnet.
Stück für Stück mehr Macht
Obermanns Aufstieg ist geradezu logisch. Schließlich hat niemand so viel Übung im Ricke-Nachrücken wie er. Zweimal schon ist er an dessen Stelle gerückt: zunächst als Chef von T-Mobile Deutschland, dann von T-Mobile International, als Ricke zum Vorstandsvorsitzenden befördert wurde
Der amtierende Konzernchef selbst war es, der Obermann zuletzt Stück für Stück mehr Macht gegeben hat. Als Ricke Anfang September mit einem Sieben-Punkte-Plan Aufsichtsrat und Aktionäre zu besänftigen versuchte, wurde schnell klar: Der Sieger in dem Spiel heißt Obermann. Zuvor nur für den Mobilfunk zuständig, hat er die Verantwortung für den stationären Vertrieb, die T-Punkte, übertragen bekommen - eine klare Schwächung für Vorstandskollegen Walter Raizner vom Festnetz.
„Wenn nötig, geht er keinem Streit aus dem Weg“
Die drei Smarties von der Telekom-Spitze - Ricke, Raizner, Obermann - redeten viel von Teamarbeit, gingen bisweilen auch einträchtig zum Fußball, die Fan-Schals lässig über die Anzüge gehängt, in der täglichen Arbeit im Vorstand aber hat es bisweilen kräftig gekracht. Der Grund dafür liegt weniger in persönlichen Animositäten als am Webfehler des Konzerns: dem Neben- und Gegeneinander der Sparten, das den Betrieb lähmt und den Kunden in die Verzweiflung treibt.
In diesem Dauerkonflikt setzte Ricke lange auf Konsens. Zu lange, wie Aufsichtsratschef Klaus Zumwinkel moniert. Obermann dagegen haut schon mal auf den Tisch, wird von internen Gegnern als „Bulldozer“ beschimpft. „Der fackelt nicht lange“, sagen die. Das sagen seine Gefolgsleute auch, nur deuten die das als Ausweis von Führungsstärke: „Wenn nötig, geht er keinem Streit aus dem Weg.“
Obermanns Stern strahlt um so heller
Stets ging es in dem Konflikt um die Frage: Wer gibt die Richtung vor im Konzern? Obermanns Mobilfunker, die sich als die marktwirtschaftliche Speerspitze der Telekom sehen, gestählt im internationalen Wettbewerb, oder die Traditionalisten, die Bewahrer der Behörden- und Beamtenpost, daran gewöhnt, die Festnetzanschlüsse der Bundesbürger mehr schlecht als recht zu verwalten.
Seit die Kunden zu Hunderttausenden ihre Anschlüsse bei der Telekom kündigen, drückt das auf deren Ergebnis. Der Aufsichtsrat vermißt bei Ricke eine Antwort auf den technologischen Wandel. Er reagiere zunehmend nervös, seine Umgebung registriert Anzeichen von Resignation. Um so heller erstrahlt der Stern Obermanns, der den Wachstumsmotor der Telekom bedient: Die Umsätze im Mobilfunk steigen; weniger in Deutschland, wo es inzwischen mehr Handys als Menschen gibt und Billiganbieter den Marktführer angreifen, als im Ausland, in Amerika vor allem.
„Und Kai war mein Stellvertreter“
3,3 Milliarden Euro hat die Telekom dort kürzlich für neue Lizenzen ausgegeben, im festen Glauben an kräftig sprudelnde künftige Gewinne. „Die Amerikaner telefonieren fast sechsmal so lange mit dem Handy wie die Europäer“, sagt Obermann, der seinen Noch-Chef und designierten Vorgänger Ricke aus den wilden Anfangszeiten des Mobilfunks kennt.
Gemeinsam waren beide in einem Verband, in dem sich damals die ersten privaten Telekom-Anbieter in Deutschland zusammengeschlossen hatten. Obermann war der Präsident. „Und Kai war mein Stellvertreter.“ Jener Kai heißt mit Nachnamen Ricke und war damals Manager einer Firma namens Talkline. „Wir senden auf der gleichen Wellenlänge“, hat Obermann mal das Verhältnis beschrieben. Die Macht der Deutschen Telekom zu knacken war damals ihr gemeinsames Ziel, der ehemalige Staatsmonopolist war der Gegner, der sie einte.
„Der wird schon noch ruhiger werden“
Eines Morgens las Obermann in der Zeitung von Rickes Wechsel zur Deutschen Telekom. Mit seiner Frau besprach er am Frühstückstisch, ob es nicht auch für ihn an der Zeit wäre für den Absprung: aus der Liga der kleinen Provider rüber zum großen Netzbetreiber. Eine Stunde später klingelte das Telefon. Freund Ricke war dran. Ob René nicht nachkommen wolle nach Bonn. Obermann wollte.
Die ersten Eindrücke von den strengen Sitten in einem Großkonzern sammelte er in der Vorstellungsrunde, als er mehrfach in Bonn vorsprechen mußte. Der forsche Aufsteiger ohne Universitätsabschluß ließ sich nicht einschüchtern von den Hierarchen. „Der wird schon noch ruhiger werden“, hatte sich ein Vorstand damals getröstet - und sich geirrt. Bis heute bewahrt sich Obermann den Biß des Underdogs, der sich ebenso zäh wie flink nach oben gekämpft hat.
„Meine Familie war alles andere als vermögend“
Der neue Vorstandsvorsitzende der Telekom ist noch keine 44 Jahre alt - und somit eigentlich zu jung für diese Gewichtsklasse. Das war schon immer sein Problem. Nie hat das Alter Schritt gehalten mit seiner Karriere. Dankbar müsse er sein für die ersten grauen Strähnchen, frotzeln Freunde, endlich passe sich das Äußere seiner Position an. Dabei trat er schon als Jungspund hochprofessionell auf, stets korrekt gekleidet.
Ins studentische Milieu paßte er nicht so richtig, als er sich Mitte der achtziger Jahre in Münster als Student der Volkswirtschaftslehre eingeschrieben hatte. Das Studium brach er vor dem Vordiplom ab. Nicht, weil ihn die Hörsäle gelangweilt hätten, er hatte schlicht keine Zeit, da er Geld verdienen mußte, so hat er es später erzählt: „Meine Familie war alles andere als vermögend.“
Weiter auf Kurs - nur mit mehr Energie
Noch im ersten Semester hat Obermann eine eigene Firma gegründet: ABC Telekom hieß die und verkaufte unter anderem Anrufbeantworter sowie Autotelefone. Schnell entwuchs die Firma der Garage, interessierten sich asiatische Investoren dafür. Obermann verkaufte schließlich an Hutchison, widerspricht aber der Legende, seither habe er finanziell ausgesorgt: „Das wird überschätzt.“ Bewahrt hat er sich aus der Zeit das Gefühl, kein Angestellter sein zu wollen. „Ich bin Unternehmer.“
In welche Richtung Obermann die Telekom künftig führen wird, ist bei einem Blick auf sein bisheriges Wirken im Konzern unschwer zu erraten: Auf seinen bisherigen Positionen hat er als Nachfolger Rickes jeweils dessen Kurs fortgesetzt, nur mit mehr Energie und mehr Lust an der Konfrontation.
Der Mensch
René Obermann, im März 1963 in bescheidenen Verhältnissen in Düsseldorf geboren, absolviert nach Abitur und Bundeswehr eine kaufmännische Ausbildung bei BMW. Das Studium der Volkswirtschaftslehre rückt schnell in den Hintergrund, da er bereits im ersten Semester ein eigenes Unternehmen gründet: die ABC Telekom in Münster, die er später an Asiaten verkauft. 1998 wechselt er zur Deutschen Telekom und macht dort im Windschatten von Kai-Uwe Ricke Karriere. Im Moment ist Obermann Vorstandschef von T-Mobile International. Jetzt wird er Telekom-Chef.
Das Unternehmen
Vor ziemlich genau zehn Jahren hat der damalige Vorstandschef Ron Sommer die Deutsche Telekom an die Börse gebracht: Am 18. November 1996 wurde die T-Aktie erstmals notiert. Glücklich wurden die wenigsten Anleger mit der angeblichen Volksaktie. Der Kurssturz kostete Sommer im Juli 2002 den Job, auch jetzt murren die Großaktionäre. Wichtigster Teilhaber ist noch immer der Bund mit etwa 32 Prozent (17 Prozent gehalten von der KfW), mit weitem Abstand folgt der Finanzinvestor Blackstone.
Die Deutsche Telekom beschäftigt heute 250 483 Angestellte. Sie erwirtschafteten im vorigen Jahr einen Umsatz von 59,6 Milliarden Euro, 34,3 Milliarden Euro davon wurden im Inland erzielt. Der Gewinn vor Steuern belief sich auf 6,2 Milliarden Euro. Kummer bereitet dem Konzern vor allem die Flucht aus dem Festnetz; in den ersten neun Monaten dieses Jahres hat die Telekom dort 1,5 Millionen Kunden verloren.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.386,72 | +0,72% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| EUR/USD | 1,2526 | −0,12% |
| Rohöl Brent Crude | 106,92 $ | −0,32% |
| Gold | 1.574,60 $ | +0,32% |
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