22.06.2005 · Bei den Internetdiensten ist alles in Bewegung: AOL startet ein zweites Leben als Internetportal, Google, Yahoo und Microsoft erweitern ihre Produktpalette und Online-Werbung wird zum Wachstumsmarkt.
Von Roland LindnerWenn am 2. Juli das über acht Städte in der ganzen Welt verteilte Konzertereignis "Live 8" des Musikers Bob Geldof über die Bühne geht, dann soll dies auch für den Internetdienst AOL ein denkwürdiger Tag werden.
Die Gesellschaft will mit "Live 8" ihre Wiederauferstehung feiern und hat mit den Organisatoren eine Vereinbarung getroffen, die Konzerte auf ihren Internetseiten zu übertragen. Die Konzertübertragung ist das erste Großereignis im gerade gestarteten zweiten Leben von AOL als frei zugängliches Internetportal. AOL soll künftig gegen Anbieter wie Yahoo, Google und den Microsoft-Internetdienst MSN konkurrieren.
Zugangsgebühren sind kein Geschäft mehr
Für AOL - nach der desaströsen Übernahme des Medienkonzerns Time Warner im Jahr 2001 mittlerweile zur ungeliebten Tochtergesellschaft degradiert und aus dem Firmennamen gestrichen - ist der Neustart ein radikaler Strategiewandel: Das Unternehmen erzielt bislang den weitaus größten Teil seines Umsatzes mit Abonnementgebühren für Internetzugang, insbesondere über das Einwahlverfahren (Dial-Up).
Allerdings verliert AOL immer mehr Abonnenten, vor allem weil viele Kunden zu Hochgeschwindigkeitszugängen von Kabel- oder Telefonanbietern wechseln.
Außerdem liegt das wachstumsträchtigste Geschäft nicht in Zugangsgebühren, sondern in der Online-Werbung. Das ist der Grund, warum Unternehmen wie Google und Yahoo, die hauptsächlich von Werbung leben, Quartal für Quartal immense Zuwachsraten ausweisen.
Google plant Online-Bezahldienst
So erklärt sich auch, daß die Internetdienste sich im Moment mit neuen Angeboten an die Verbraucher regelrecht überschlagen. Damit wollen sie Internetnutzer an sich binden, so ihre Attraktivität als Werbeplattform steigern und vielleicht auch neue Umsatzquellen erschließen. An diesem Geschäft will nun auch AOL verstärkt teilhaben.
Gerade bei den beiden am meisten genutzten Internet-Suchdiensten Yahoo und Google ist im Moment von einem neuen Service nach dem anderen die Rede. Am Wochenende gab es in den Vereinigten Staaten Medienberichte, wonach das Unternehmen einen Online-Bezahldienst plant.
Dies könnte eine Attacke auf das Online-Auktionshaus Ebay und dessen in Amerika sehr populären Bezahlservice Paypal sein. Analysten halten es für möglich, daß Google den Bezahldienst im Gegensatz zu Paypal kostenlos anbietet und über Werbung finanziert.
Denkbar ist aber auch, daß Google damit schlicht Zusatzumsätze machen will. Derweil hat Yahoo vor einigen Tagen die Übernahme eines kalifornischen Internet-Telefonie-Spezialisten angekündigt und macht damit ernst in diesem wachstumsträchtigen Gebiet.
Verschärfter Wettbewerb schafft neue Angebote
Die Liste der neuen Dienste von Yahoo, Google und anderen Internetgesellschaften läßt sich noch lange fortsetzen: Es gibt neue Werkzeuge zur lokalen Suche und zur Suche auf Computerfestplatten, außerdem Einkaufsführer, Landkartenangebote, Musikdienste oder Instrumente zur Fotobearbeitung oder zur Veröffentlichung von Internettagebüchern (Blogs).
Die immer neuen Angebote hängen vor allem mit dem verschärften Wettbewerb zusammen. Dafür hat in diesem Jahr nicht zuletzt der größte Softwarekonzern der Welt, Microsoft, gesorgt, als er für seinen Internetdienst MSN eine eigene Suchmaschine herausgebracht und MSN damit zu einem ernsthafteren Wettbewerber im lukrativen Geschäft mit der Internetsuche gemacht hat.
Google am höchsten bewertet
Besonders aufmerksam beobachtet die Branche allerdings, welche Wege Google derzeit einschlägt. Google ist nach seinem zunächst verpatzten Börsengang vom vergangenen August mittlerweile zum Liebling der Wall Street geworden und ist die am höchsten bewertete Internetgesellschaft.
Im Moment gibt Google der Branche mit einem neuen, noch im Versuchsstadium befindlichen Service Rätsel auf, der es Nutzern erlaubt, die Startseite zu personalisieren und um Nachrichten, Wettervorhersagen oder E-Mail zu ergänzen. Das ist eine klare Abkehr von dem bisherigen spartanischen Erscheinungsbild und rückt Google ein Stück näher an Internetportale wie Yahoo oder MSN.
Das aber könnte der Weg für eine ganz neue Werbestrategie sein: Bislang erzielt Google seine Umsätze ausschließlich mit Textanzeigen, die im Zusammenhang mit Suchvorgängen erscheinen, während Portale wie Yahoo und MSN auch gewöhnliche Anzeigen auf ihren Seiten verkaufen.
Konzepte werden ähnlicher
Die Gehversuche von Google in Richtung eines Portals und der Aufbau eines Bezahldienstes sind nur weitere Beispiele dafür, wie sich die Konzepte der großen Internetunternehmen aufeinander zu entwickeln und damit immer ähnlicher werden. So hat Ebay kürzlich den auf Preisvergleiche spezialisierten Internetdienst Shopping.com gekauft - ein Geschäft, in dem zum Beispiel auch Google mit seinem Service Froogle vertreten ist.
Der Kauf signalisiert auch, daß das Auktionshaus verstärkt das Geschäft mit dem Handel zu Festpreisen ausbaut. Auf der anderen Seite hat der Internethändler Amazon.com in den vergangenen Jahren mit einem eigenen Gebrauchtwarenhandel zunehmend die einstige Domäne von Ebay erschlossen.
Die Internetdienste, die ihr Geld vor allem mit Werbung verdienen, erleben im Moment goldene Zeiten. Für werbetreibende Unternehmen ist es schwer, prominente Anzeigenplätze auf den populären Internetseiten zu buchen.
Online-Werbung vor dem Durchbruch
Google-Chef Eric Schmidt jubelte unlängst, bei den Kunden gebe es keinerlei Preissensibilität und man könne die Preise erhöhen, wie man wolle. Yahoo-Chef Terry Semel sagte kürzlich, das Potential von Internetwerbung sei noch nicht annähernd ausgeschöpft. Obwohl heute schon 15 Prozent der gesamten Mediennutzungszeit auf das Internet entfielen, würden viele werbetreibende Unternehmen heute nur ein paar Prozent ihres Budgets für Online-Werbung ausgeben.
Die Investmentbank Goldman Sachs erklärte vor wenigen Tagen 2005 zum "Jahr des Durchbruchs" für die Online-Werbung. Die Bank erwartet in Amerika einen Anstieg der Werbeausgaben im Internet um 28 Prozent von 9,6 Milliarden auf 12,3 Milliarden Dollar. Der deutsche Markt nimmt sich dagegen mit 550 Millionen Euro im vergangenen Jahr bescheiden aus. Experten erwarten aber auch hier in diesem Jahr einen Zuwachs um 20 bis 25 Prozent.
Spekulationen um AOL reißen nicht ab
Die Voraussetzungen für einen Neustart von AOL als Internetportal sind also günstig. Allerdings könnte sich auf der anderen Seite die Erosion bei den Abonnentenzahlen beschleunigen, wenn der Zugang zu vormals den Mitgliedern vorbehaltenen Inhalten auf einmal umsonst ist.
AOL hält dem entgegen, daß die Mitglieder ihr Abonnement vor allem mit Zusatzleistungen wie Kindersicherungen oder Virenschutzprogrammen begründen und nicht mit den Inhalten. Auf jeden Fall steht mit dem Neustart die Zukunft von AOL innerhalb des Time-Warner-Konzerns auf dem Spiel. Die Spekulationen, wonach AOL verkauft oder zumindest separat an die Börse gebracht werden könnte, reißen nicht ab.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.386,39 | +0,70% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| EUR/USD | 1,2526 | −0,12% |
| Rohöl Brent Crude | 106,92 $ | −0,32% |
| Gold | 1.574,60 $ | +0,32% |
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