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Netzwirtschaft Die Blogosphäre hat ihren Zenit überschritten

21.05.2007 ·  Die Zahl der Blogs wächst langsamer. Mittlerweile wird nur noch jedes fünfte Tagebuch aktualisiert. Viele Blogger schreiben inzwischen lieber in Online-Gemeinschaften wie Myspace. Ist Bloggen bald wieder aus der Mode?

Von Roland Lindner
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Ist Bloggen bald wieder aus der Mode? Millionen von Menschen haben heute ihre eigenen Internetseiten, auf denen sie regelmäßig über sich selbst oder selbstbestimmte Themen schreiben. Die Zahl dieser Blogger ist in den vergangenen Jahren regelrecht explodiert. Inzwischen schwächt sich das Wachstum aber etwas ab. Außerdem gibt es immer mehr Blogs, die kaum oder gar nicht aktualisiert werden und gewissermaßen zu Karteileichen im Internet werden. Die Blogs, die es geschafft haben und häufig gelesen werden, gewinnen als Plattform für Werbung aber zunehmend an Bedeutung.

Im Moment entstehen nach Angaben der Blog-Suchmaschine Technorati jeden Tag 175.000 neue Blogs weltweit. Das Wachstum der Blogosphäre hat sich aber etwas abgeschwächt. Bis 2006 hat sich die Zahl der Blogs im Internet noch alle fünf bis sieben Monate verdoppelt, mittlerweile dauert es fast ein Jahr. Das Marktforschungsinstitut Gartner hat vorausgesagt, dass Bloggen in diesem Jahr seinen Zenit überschreiten wird.

Als Indiz dafür wies Gartner auf die hohe Zahl von 200 Millionen nicht mehr aktiven Blogs hin, die seit längerem nicht mehr aktualisiert worden sind. Auch Technorati gibt zu, dass heute nur gut 20 Prozent aller Blogs aktiv sind, vor knapp einem Jahr waren es noch 36 Prozent.

Populäre Plattformen

Ein Grund für diese Entwicklung könnte nach Ansicht von Experten darin liegen, dass sich Internetnutzer anderen, breiter gefassten Plattformen zuwenden. Alternativen sind zum Beispiel das Kontaktforum Myspace, die Videoseite Youtube oder die Nachrichtengemeinde Digg.com - alles sehr populäre Seiten, bei denen Bloggen eine Teilfunktion ist, aber nicht im Mittelpunkt steht.

In Deutschland hat Bloggen noch nicht annähernd die Popularität wie in anderen Ländern. Das sieht man daran, dass nach Angaben von Technorati nur ein Prozent aller Blogs auf Deutsch geschrieben wird. Dagegen kommt zum Beispiel Italienisch auf 3 Prozent. Spitzenreiter in der Blogosphäre ist Japanisch mit 37 Prozent, gefolgt von Englisch mit 36 Prozent.

Blogs sind in den späten neunziger Jahren entstanden. Zunächst hatten Blogs vor allem die Form persönlicher Online-Tagebücher. Es ging darum, Erlebnisse und Gedanken in chronologischer Reihenfolge aufzuschreiben und über Links Verbindungen zu anderen Internetseiten zu schaffen.

Wort des Jahres

Allmählich widmeten sich Blogs stärker Themengebieten wie Politik, Technik oder Musik. Den großen Durchbruch in Amerika schafften Blogs im Jahr 2004 während des damaligen Präsidentschaftswahlkampfs: Privatpersonen, politische Beobachter, Mitarbeiter der Wahlkampagnen und selbst die Kandidaten verbreiteten ihre Meinungen auf eigenen Blogs. Oft sorgten die Blogs selbst für Nachrichten, indem sie Skandale aufdeckten.

Das bekannte amerikanische Lexikon Merriam-Webster kürte "Blog" zum Wort des Jahres 2004. Seither spielen Blogger bei Großereignissen oft eine große Rolle. Beim Hurrikan "Katrina" im Jahr 2005 zum Beispiel lieferten Blogger vor Ort Bilder und Informationen, an die Massenmedien nicht herankamen.

Die populärsten Blogs in Amerika drehen sich heute um Politik, Technologie und Prominentenklatsch. Die Blogosphäre deckt aber mittlerweile jedes nur denkbare Nischenthema ab. Egal, ob Ufo-Erscheinungen, die Scientology-Sekte oder jeder noch so abseitige sexuelle Fetisch: Es findet sich ein Blog dafür. Nach Angaben des Blog-Portals Technorati gibt es 81 Millionen Blogs in aller Welt, darunter allerdings auch viele Karteileichen.

Konkurrenz für Zeitungen

Die Grenzen zwischen Blogs und den Internetauftritten traditioneller Medien sind mittlerweile sehr fließend. Das Blog "Huffington Post" der amerikanischen Kolumnistin Arianna Huffington erinnert vom Namen her nicht umsonst an eine Zeitung und bringt viele aktuelle Nachrichten. Es hat aber einen größeren Schwerpunkt auf Meinung und Kommentaren, die von einer Vielzahl freier Autoren zugeliefert werden. Das zum Medienkonzern Time Warner gehörende Unterhaltungs-Blog "TMZ.com" hat sich mittlerweile einen Namen als Lieferant von Klatschnachrichten in der Showbranche gemacht. TMZ hat einige schlagzeilenträchtige Geschichten losgetreten, zum Beispiel den Skandal um die antisemitischen Äußerungen des Schauspielers Mel Gibson im vergangenen Jahr. "Das Publikum unterscheidet ein Blog immer weniger von Seiten wie ,nytimes.com", sagte Technorati-Vorstandschef David Sifry in einer Studie unter Anspielung auf die Internetseite der "New York Times".

Technorati hat die Popularität der Blogs im Vergleich zu den Internetseiten traditioneller Medien untersucht: Von den hundert beliebtesten Seiten entfielen im Schlussquartal vergangenen Jahres 22 auf Blogs, im dritten Quartal waren es erst 12.

Traditionelle Medien versuchen unterdessen verstärkt, Blogs in ihre Internetauftritte zu integrieren. Die Nachrichtenagentur Associated Press hat im vergangenen Jahr eine Partnerschaft mit Technorati geschlossen. Die Allianz lässt Blogger mit ihren Kommentaren auf den Internetseiten amerikanischer Zeitungen neben Geschichten von AP zu Wort kommen.

Allianzen mit Google

Auf vielen Blogs findet sich mittlerweile Werbung. Zum Teil sind das grafische Anzeigen, zum Teil sind es Anzeigen, die neben die Ergebnisse von Suchanfragen in Blogs gestellt werden. Für Letzteres haben einige Blogs wie die "Huffington Post" Allianzen mit Google geschlossen. Das Volumen hält sich aber noch in Grenzen: Nach Angaben des Marktforschungsinstituts PQ Media stand Werbung auf Blogs im vergangenen Jahr für einen Umsatz von 36 Millionen Dollar. Das ist nur ein winziger Bruchteil des Marktes für Online-Werbung, den der Marktforscher Emarketer für 2006 auf 16,8 Milliarden Dollar in den Vereinigten Staaten bezifferte.

PQ Media sagt der Werbung in Blogs aber ein starkes Wachstum voraus und erwartet für 2010 einen Umsatz von 300 Millionen Dollar. Diese Aussichten dürften ein Grund dafür sein, warum einige erfolgreiche Blogs wie die "Huffington Post" mittlerweile Investitionen in Millionen-Dollar-Höhe von Wagniskapitalgesellschaften angezogen haben.

Quelle: F.A.Z., 21.05.2007, Nr. 116 / Seite 21
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