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Kommentar : Stau im Internet

Firmen wie Google oder Amazon sollen sich stärker an der Finanzierung von Internetleitungen beteiligen. Bild: picture alliance / dpa

Im Internet soll eine Überholspur entstehen. Dürfen die Daten von Amazon schneller durch die Leitungen geschickt werden als die von anderen? Das wäre gar nicht schlecht.

          Der Livestream wackelt, Youtube stockt, und die Skype-Verbindung hängt. Das Internet ist kaputt, und das ist kein wildes Zukunftsszenario, sondern es ist heute schon Realität. Gerade in den Vereinigten Staaten, die ja als Vorreiter des Internets gelten, sind die Ruckler in manchen Gegenden deutlich spürbar. Die alten Internetkabel sind verstopft. Filme aus dem Internet, Videokonferenzen und Musikstreaming– all das belastet die Leitungen so, dass sich die Daten stauen. Ein Ausbau wäre nötig. Aber wer soll den bezahlen? In den technokratischen Zirkeln von Netzwerktechnikern, Aufsichtsbehörden und Gerichten tobt ein Streit, der die Zukunft des Internets entscheiden kann.

          Einige Betreiber der Internetleitungen jedenfalls wollen das Internet erst dann ausbauen, wenn sie mehr Geld bekommen. Bisher zahlt jede Familie und jede Firma – vereinfacht gesagt – nur ihren eigenen Anschluss ans Internet, in der Mitte werden die Leitungen zusammengeschaltet. Viele Leitungsbetreiber wollen die Finanzierung aber ändern: Firmen wie Google oder Amazon, die große Datenmengen verschicken, sollen sich stärker beteiligen. Sie sollen für die neuen Leitungen zu den Familien mit bezahlen. Im Gegenzug könnten ihre Daten schneller durch die Leitung geschickt werden. Im Internet entstünde eine Überholspur oder gar eine Expressstraße, für die Maut verlangt würde. Das Kernargument dafür: Manche Dienste brauchen eben eine schnellere Leitung, also sollen sie das bekommen. Ein Videotelefonat zum Beispiel sollte nicht ruckeln– bei einer E-Mail dagegen ist es ziemlich egal, ob sie ein paar Sekunden früher oder später ankommt.

          Sorge um den Erfindungsreichtum im Internet

          Gegen diese Pläne gibt es aber heftigen Widerstand. Sehr laut trommeln Unternehmen wie Google, Facebook und Amazon, die im Ernstfall das Geld bezahlen müssten. Unterstützung bekommen sie von einigen begeisterten Internetnutzern, inzwischen sogar von Pink-Floyd-Sänger Roger Waters. Sie finden: Das Internet darf sich nicht ändern. Die sogenannte „Netzneutralität“ ist ihnen heilig: Nach ihrem Willen darf niemand im Internet bevorzugt oder benachteiligt werden, vor allem nicht gegen Geld.

          Die Verfechter der Netzneutralität sorgen sich vor allem um den Erfindungsreichtum im Internet. Wenn einige bevorzugt werden, sind andere benachteiligt, sagen sie. Ihre Angst ist, dass neue Start-ups ihre Dienste künftig nicht mehr richtig zu den Nutzern bringen, ohne viel Geld für eine ordentliche Leitung zu bezahlen. Das nächste Facebook könnte im Internetstau stecken bleiben. Wie heilig die Netzneutralität ihren Freunden ist, das hat sich an der Deutschen Telekom gezeigt. Die wollte die Geschwindigkeit ihrer Flatrates für Vielnutzer drosseln, nur einzelne Webdienste wie die Musiksammlung Spotify sollten ausgenommen werden. Ein Sturm der Entrüstung traf die Telekom.

          Das Leben ist sonst auch nicht neutral

          Jetzt hat Amerikas Aufsichtsbehörde einen Diskussionsvorschlag vorgelegt, der zwischen beiden Extremen liegt. Aber wozu? Das Leben ist sonst auch nicht neutral, und es funktioniert manchmal besser, wenn man Prioritäten setzt. Zum Beispiel, wenn es um das Essen geht. Schon lange werden die prominenten Plätze im Supermarktregal auch danach vergeben, welcher Hersteller wie viel zahlt. Wer nicht genug überweist oder zu wenig Rabatt gibt, der fällt im Extremfall ganz aus dem Sortiment. Trotzdem funktioniert die Nahrungslieferung in Deutschland sehr gut und günstig. Wenn ein Supermarkt einen Joghurt aus dem Sortiment nimmt, können die Kunden zum anderen Markt gehen – und wenn der zu teuer ist, noch mal zu einem anderen. Über mangelnde Innovationskraft der Nahrungsmittelindustrie hat noch niemand geklagt. Das Entscheidende ist: die Konkurrenz zwischen den Supermärkten.

          Ähnlich ist es mit den Internetleitungen: Wer den Dienst des einen Anbieters nicht mag, kann zum anderen wechseln. Nur wo Netzanbieter ein Monopol haben, ist Vorsicht nötig. In abgelegenen Dörfern auf dem Land etwa, in denen öffentliche Zuschüsse gezahlt werden, damit es überhaupt eine Breitbandleitung gibt. Dort sollte der Monopolist nicht eigenmächtig Internetdienste bevorzugen.

          An allen anderen Orten in Deutschland könnte das sogar sehr spannend werden. Was spricht dagegen, dass das Angebot vielfältiger wird, so wie in den Supermärkten? So könnte zum Beispiel ein Internetdiscounter entstehen, der sich von populären Diensten wie Google, Amazon und Co. bezahlen lässt. Er könnte es sich leisten, den Deutschen das Internet besonders billig anzubieten, auch wenn Nischendienste dann etwas langsamer transportiert werden – ideal für Leute, die wenig im Internet sind und sowieso nicht ständig nach dem nächsten großen Ding suchen. Andere Nutzer entscheiden sich vielleicht für einen Massenanbieter, der den Kunden ordentlichen Zugang zu allen Websites liefert. Für die digitale Elite gäbe es die Bio- und Feinschmeckermärkte des Internets mit schnellen Verbindungen und viel Service zu höheren Preisen.

          Ob die Leute das alles haben wollen, weiß heute noch niemand. Aber es gibt keinen Grund, Versuche zu verbieten und ein schnelles Einheitsinternet vorzuschreiben. Wer das verlangt, fordert im Grunde nur eines: dass die anderen für den eigenen hohen Anspruch mitbezahlen müssen.

          Patrick Bernau

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft Online.

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          Quelle: F.A.Z.

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