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Navigation Nokia greift Tom Tom an

18.09.2006 ·  Mit einer Software für das Handy macht Nokia den Navigationssystemen Konkurrenz. Für den Chef des Marktführers Tom Tom, Alexander Ribbink, ist das Handy hingegen ein „Schweizer Taschenmesser“: Es hat viele Funktionen, ist aber auf kein Gebiet spezialisiert.

Von Johannes Winkelhage
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Der Markt ist kaum 6 Jahre alt. Erst als der amerikanische Präsident Clinton im Jahr 2000 die Verschlüsselung des militärischen Global Positioning System (GPS) abschalten ließ, begann der große Aufstieg der privaten Satellitennavigation. Seither ist die Nachfrage nach den kleinen elektronischen Wegweisern ungebrochen. Entsprechend hoch sind die Wachstumsraten, die die Hersteller der integrierten Komplettlösungen wie Tom Tom, Garmin oder auch Mio Technology verzeichnen. Deren Absatz in Europa hat sich im zweiten Quartal des Jahres im Vergleich zum Vorjahreszeitraum fast verdoppelt. Rund 2,5 Millionen dieser Geräte wurden zu einem Durchschnittspreis von rund 400 Euro verkauft. Aber auch künftig werden dem Markt rosige Perspektiven bescheinigt.

„Diese ganze GPS-Industrie steckt erst in den Kinderschuhen“, sagte Alexander Ribbink, der für das operative Geschäft zuständige Vorstand des europäischen Marktführers Tom Tom, während des Canalys-Navigations-Forums 2006 in Genf. Auch Chris Jones, Director und Analyst beim britischen Marktforschungsunternehmen Canalys, rechnet mit weiter hohen Wachstumsraten: „Wir sehen keine Abschwächung der Nachfrage in den kommenden Jahren.“ Ribbink erwartet einen durchschnittlichen Zuwachs beim Absatz von etwa 71 Prozent bis zum Jahr 2009 - allein für die mobilen Navigationslösungen, die einerseits als Komplettsysteme daherkommen, als Zusatzmodule in Kleinstcomputer (PDA) integriert werden oder - das ist der neueste Trend der Branche - auf dem Handy installiert werden.

Branche erlebt Preisverfall

International sollen nach Schätzungen von Canalys-Chef Steve Brazier im Jahr 2006 rund 13,6 Millionen Einheiten abgesetzt werden, mit denen ein Umsatz von rund 6 Milliarden Euro erzielt werden soll. Bis zum Jahr 2009 soll dieser Umsatz im Durchschnitt um 22 Prozent im Jahr auf 10,7 Milliarden Euro wachsen. Dann sollen rund 37,2 Millionen Einheiten verkauft werden, was einem durchschnittlichen Absatzplus von 40 Prozent jährlich entspricht.

Schon an den unterschiedlichen Wachstumsgeschwindigkeiten von Umsatz und verkauften Einheiten ist abzulesen, daß die Branche derzeit einen Preisverfall erlebt. War zum Start der ersten Massenvermarktung in Europa durch die Aldi-Märkte im Jahr 2003 noch ein Preis von 500 Euro gefragt, rechnet Canalys-Analyst Jones bis zum Jahresende zum ersten Mal mit Preisen von weniger als 200 Euro für Komplettsysteme.

Immer mehr Anbieter buhlen um die Kunden

Der Preisverfall wird sich nach Ansicht der Beobachter noch weiter verschärfen, da die Attraktivität dieses Marktes immer mehr Anbieter auf den Plan ruft. „Im zweiten Quartal des Jahres 2005 hatten wir es mit 16 Anbietern zu tun, heute sind es 25“, betont Mark Moons vom internationalen Technologie-Großhändler Ingram Micro. Er rechnet aber auch damit, daß nicht alle diese Unternehmen auf Dauer überleben werden.

Die Konkurrenz wächst aber nicht nur im Lager der Hersteller von Komplettsystemen, bei denen Landkarten und der GPS-Empfänger in einer Box integriert sind. Zunehmend kommen auch Lösungen auf den Markt, die das Mobiltelefon als Navigationshilfe nutzen. Diese Entwicklung wird die Branche nach Ansicht vieler Beobachter sehr stark verändern.

Musik steht Navigation im Weg

Als ein Indiz dafür gilt die Übernahme des deutschen Softwareunternehmens Gate 5 durch Nokia vor rund zwei Wochen. Nach Angaben aus Branchenkreisen zahlte Nokia mit mehr als 151 Millionen Euro einen hohen Preis und demonstriert damit, wie ernst es ihm mit dem Thema Handy-Navigation ist. „Die Übernahme von Gate 5 ist extrem gut für unsere Branche“, sagt Magnus Nilsson, Vorstandsvorsitzender der schwedischen Wayfinder Systems AB, die sich neben Unternehmen wie Jentro, Telmap oder Route 66 intensiv um Lösungen für die Handy-Navigation bemüht. „Der größte Wettbewerber für die Navigation auf dem Handy ist im Moment Musik. Wayfinder stand vor wenigen Monaten mit einigen Netzbetreibern im Mobilfunk vor der Einführung von entsprechenden Produkten. Dann kam der Hype mit der Musik auf dem Handy, und die Navigationsprojekte wurden auf Eis gelegt“, ärgert sich Nilsson.

Bei der Navigation mit dem Handy werden die Karten auf den Netzwerkrechnern von Unternehmen wie Wayfinder oder Jentro belassen. Dort werden auch die Routen berechnet, die von den Handys angefordert werden. Übertragen werden dann nur die notwendigen Kartenausschnitte, die dann auf dem Handy dargestellt werden. Da die Mobiltelefone bisher nur in Ausnahmefällen über einen eingebauten GPS-Empfänger verfügen, kommt das GPS-Signal bisher noch von kleinen, externen Geräten, die per Bluetooth mit dem Handy verbunden werden.

Verzicht auf „Schweizer Messer“

Ralf Eric Kunz, Vizepräsident beim Handyhersteller Nokia und dort auch für die Handynavigation zuständig, sagte in Genf: „Die Karten auf dem Handy werden nicht nur die Tankstelle an der Ecke anzeigen, sondern viele Inhalte, die von dem Nutzer und den Communities, denen er angehört, selber erzeugt werden.“ Dadurch werde die Navigation von A nach B zu einer Anwendung unter vielen im Rahmen der neuen GPS-gestützten Möglichkeiten. Zum Beispiel reiche für die Navigation als Fußgänger meist eine kleine Karte aus, auf der immer wieder die eigene Position dargestellt werde. Auf die Navigationshinweise könne man hier getrost verzichten. Mit der Akquisition von Gate 5 tritt Nokia als Handyhersteller an, um Unternehmen wie Tom Tom oder Garmin mit ihren integrierten Geräten das Wasser abzugraben und einen eigenen und selbstbetriebenen Dienst für die Navigation auf das Nokia-Handy zu bringen. An die Adresse der Netzbetreiber geht davon die Nachricht aus: Entweder ihr kümmert euch jetzt um die Handy-Navigation, oder Nokia wird das tun, hieß es in Genf.

Das natürlich können auch die Hersteller der integrierten Lösungen nicht auf sich sitzen lassen. „Es gibt so viele neue und spannende Technologien: Aber solange die Netzwerke nicht mit einer Zuverlässigkeit von 99,99 Prozent arbeiten, sollten solche Lösungen nicht unbedingt auf den Kunden losgelassen werden“, erklärte Tom-Tom-Vorstand Ribbink. „Wir haben uns entschieden, statt eines ,Schweizer Messers', das ganz viele verschiedene Funktionen aufweist, lieber ein spezialisiertes Gerät zu entwickeln, das eine Sache sehr, sehr gut kann“, betonte er.

Transparente Tarife sind Vorraussetzung

Als eine Voraussetzung für den Durchbruch der Handynavigation nannten viele Branchenkenner in Genf länderübergreifend einheitliche, niedrige und transparente Tarife für die Datenübertragung, die bei dieser Navigation anfällt. So erklärte Ribbink: „Nichts fördert die Akzeptanz beim Kunden so stark wie eine transparente Kostenstruktur.“ Davon aber sind die Netzbetreiber bei den Tarifen für den Datenverkehr noch weit entfernt. Eine weitere Voraussetzung für den Erfolg der handygestützten Navigation werden Geräte mit integriertem GPS-Modul sein. Diese werden von Nokia Ende September und von Sony-Ericsson wahrscheinlich im Frühjahr 2007 vorgestellt werden, war in Genf zu hören. Wann sie dann aber endgültig auf den Markt kommen, ist noch unsicher.

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