13.12.2005 · Es ist eine wahre Blamage, die Sony-BMG im Moment erlebt. Eine Affäre um gefährliche Kopierschutzsoftware auf Musik-CDs hat sich zunehmend zu einer schweren Image-Krise ausgewachsen.
„Pumpkin King“ ist stocksauer: „Kauft bloß nicht diese CD oder irgendeine andere von Sony-BMG“, schreibt er auf der Website des Internethändlers Amazon.com. Er wirft dem Musikkonzern vor, seinen Kunden und seinen Künstlern absichtlich zu schaden. „Pumpkin King" ist der Spitzname, unter dem der Kalifornier Robert Saintjohn auf Amazon.com Rezensionen schreibt, in diesem Fall ist es die Besprechung einer CD des amerikanischen Country-Rock-Duos Van Zant. Saintjohn ist nur einer von etlichen Musikfans, die ihrer Wut auf Sony-BMG freien Lauf lassen, weil sie meinen, daß das Unternehmen im Kampf gegen das Kopieren urheberrechtlich geschützter Inhalte zu weit gegangen ist.
Es ist eine wahre Blamage, die Sony-BMG, das paritätisch vom japanischen Sony-Konzern und dem deutschen Medienriesen Bertelsmann gehaltene Gemeinschaftsunternehmen, im Moment erlebt. Eine Affäre um gefährliche Kopierschutzsoftware auf Musik-CDs hat sich zunehmend zu einer schweren Image-Krise ausgewachsen. Das Debakel hat Sony-BMG gerade noch gefehlt, denn das Unternehmen kämpft im erst zweiten Jahr seines Bestehens schon mit genügend Problemen. Sony-BMG leidet unter einer schwachen Geschäftsentwicklung: Das Unternehmen hat in diesem Jahr in wichtigen Märkten wie Amerika klar Anteile verloren und kaum Kassenschlager veröffentlicht. Für das dritte Quartal wies die Gesellschaft bei einem Umsatz von 936 Millionen Dollar einen Nettoverlust von 60 Millionen Dollar aus. Darüber hinaus schwelt seit Monaten ein Streit um die Führung von Sony-BMG. Offenbar will Bertelsmann den derzeitigen Vorstandschef Andrew Lack aus dem Amt drängen.
Ursprung im Kampf gegen Raubkopien
Der Skandal um die Software hat seinen Ursprung im Kampf gegen Raubkopien und illegales Herunterladen aus dem Internet. Gerade die Musikkonzerne führten in den vergangenen Jahren öffentlichkeitswirksame Gefechte, weil sie Piraterie für ihre rückläufigen Verkaufszahlen verantwortlich machten. Der Kampf richtete sich vor allem gegen Internet-Tauschbörsen wie Kazaa und Grokster und deren Nutzer. Die Industrie hat hier mittlerweile einige juristische Erfolge erzielt und mehrere Tauschbörsen zur Schließung gedrängt. Genutzt hat das wenig: Es sind neue Online-Börsen aufgetaucht, und das kostenlose Herunterladen aus dem Internet nimmt sogar weiter zu - obwohl sich daneben legale kostenpflichtige Alternativen wie der Online-Dienst iTunes des Computerkonzerns Apple erfolgreich etablieren konnten.
Neben den Tauschbörsen gibt es aber noch eine andere populäre Option, um an Gratis-Musik heranzukommen: das Kopieren von legal erworbenen CDs, die zum Beispiel Freunden gehören. Marktforschungsdaten zufolge nutzen 30 Prozent der Amerikaner diesen Weg. Die großen Musikkonzerne arbeiten schon seit einiger Zeit daran, dieser Praktik mit Kopierschutzprogrammen auf CDs Einhalt zu gebieten. Sony-BMG ist dabei aber besonders aggressiv vorgegangen. Das Unternehmen brachte in diesem Jahr mehr als 50 Alben mit der Software XCP auf den Markt, die nur eine begrenzte Zahl von Kopien zuläßt, darunter Musik von Interpreten wie Celine Dion und Natasha Bedingfield.
Fünf Millionen CDs zurückgerufen
Ein Skandal wurde daraus aber erst, als sich herausstellte, daß die Software noch zu ganz anderen Dingen fähig ist. Ein Computerspezialist fand heraus, daß die Software versteckte Dateien auf Computern mit dem Betriebssystem Windows hinterläßt, wenn man die CDs einlegt. Dies schrieb er Ende Oktober erstmals auf seinem Internet-Tagebuch (Blog) und wies darauf hin, daß die versteckten Dateien das System für Attacken von Viren und anderen schädlichen oder unerwünschten Programmen anfällig machen. Aus dem Blog-Eintrag wurde schnell ein öffentlicher Sturm der Entrüstung, um so mehr, als Sony-BMG den Vorgang zunächst kleinredete. Erst nach rund zwei Wochen entschloß sich das Unternehmen, die betroffenen CDs - fast fünf Millionen Exemplare - zurückzurufen und Käufern Ersatzprodukte ohne Kopierschutz anzubieten. Damit war das Problem aber nicht erledigt: Sony-BMG hatte Schwierigkeiten, funktionierende und sichere Reparatur- und Deinstallationsprogramme bereitzustellen, mit denen die Dateien von den Computern entfernt werden können. In der vergangenen Woche sind neue Sicherheitslücken bei einem anderen Kopierschutzprogramm aufgetaucht, das 5,7 Millionen CDs betrifft. Mittlerweile, so versichert der bei Sony-BMG für den digitalen Vertrieb zuständige Thomas Hesse, sind alle Schwierigkeiten behoben.
Die Rückrufaktion dürfte Sony-BMG bis zu 10 Millionen Dollar kosten, heißt es in unternehmensnahen Kreisen. Darüber hinaus sieht sich das Unternehmen einer Vielzahl von Klagen gegenüber. Mit Blick auf den künftigen Einsatz von Kopierschutzsoftware wird Sony-BMG nach Angaben von Hesse „seinen Ansatz überdenken“, er wollte aber nicht sagen, ob auf solche Programme künftig verzichtet wird. Er rechtfertigte die bisherige Strategie von Sony-BMG damit, daß Raubkopien "die Wurzel allen Übels" seien, wenn es um kostenlose Beschaffung von Musik geht, mehr noch als das Herunterladen von Musik über Tauschbörsen. Unter den Wettbewerbern nutzt bisher der britische EMI-Konzern Kopierschutzsoftware; nach dessen Aussagen sind diese aber ungefährlich für Computer. Universal und Warner verkaufen bislang keine CDs mit Kopierschutz.
Kleiner Trost für Bertelsmann
Bertelsmann bleibt in der Affäre zumindest ein kleiner Trost. Obwohl Sony-BMG ein paritätisch gehaltenes Unternehmen ist, ist der Imageschaden für die Deutschen anscheinend um einiges geringer als für die Japaner - womöglich aus dem einfachen Grund, weil Sony an erster Stelle des Namens des Gemeinschaftsunternehmens steht. Das legt ein Blick auf die Amazon-Seite nahe, wo sich die Mehrzahl der Beschimpfungen nur gegen "Sony" richtet. Dabei übertragen viele Nutzer ihren Ärger über die Affäre im Musikgeschäft auch auf den Rest des Sony-Konzerns. Mina Moncur (Spitzname "Movielvr") zum Beispiel droht wie einige andere Kritiker auch damit, die mit Spannung erwartete Spielekonsole Play Station 3 von Sony zu boykottieren, die im kommenden Jahr auf den Markt kommt: "Mir werden nie mehr Sony-Produkte ins Haus kommen, und das heißt: keine Play Station 3 für meine Familie. Ich bedaure, daß ich eine Play Station 2 besitze."
Sollen Kinderlose einen "Solidarzuschlag" zahlen?
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