29.09.2004 · Nach dem Umzug der Messe nach Berlin glaubt die Musikindustrie wieder an den Aufschwung. Alle geben sich an der Spree ungemein schwungvoll, aber keiner weiß so recht, wie es weitergehen soll.
Von Marcus Theurer, BerlinElisabeth Recker ist mit großen Erwartungen auf das Messegelände unter dem Berliner Funkturm gekommen. Ihre Berliner Plattenfirma Monogam, ein Kleinst-Label mit bisher nur einem Künstler unter Vertrag, sucht auf der Musikmesse Popkomm Geschäftspartner. Monogam habe in den siebziger Jahren Platten der legendären „Einstürzenden Neubauten“ produziert und solle jetzt wiederbelebt werden, erzählt sie. Bisher muß sie mit dem Album von Monogam-Musiker Martin Dean freilich noch die Berliner Plattenläden einzeln abklappern. Nach der Messe, so die Hoffnung der Monogam-Macher, sollen dies andere übernehmen: „Wir suchen hier Vertriebspartner - für Deutschland, das Ausland und fürs Internet“, sagt die Musikmanagerin.
Irgendwie paßt die Geschichte vom Neuanfang der Berliner Mini-Firma ganz gut auf die Musikmesse: Alle geben sich an der Spree ungemein schwungvoll, und keiner weiß so recht, wie es weitergeht. Mit dem Wechsel von Köln an die Spree soll nicht nur der müde gewordenen Popkomm neues Leben eingehaucht werden, sondern auch die von Umsatzeinbrüchen gebeutelte Musikindustrie wieder Auftrieb bekommen.
Noch ist digitaler Musikvertrieb nur ein Hoffnungswert
Maarten Steinkamps Plattenfirma Bertelsmann Music Group (BMG) hat mit der von Recker praktisch nichts gemein. Nach der Fusion mit dem Konkurrenten Sony ist Steinkamp Deutschland-Statthalter des weltgrößten Musikkonzerns. Doch zumindest gibt sich auch der BMG-Chef ziemlich optimistisch. Ja, die neue Sony-BMG werde zwar bei der Fusion Stellen abbauen und Künstler entlassen, sagt Steinkamp. Aber: „Die Musikindustrie hat jetzt eine zweite Chance.“ 2004 sei das wichtigste Jahr seit langem - eines für den Neuanfang. Eine neue Managergeneration in fast allen großen Plattenfirmen, ein besseres Kostenmanagement und der beginnende digitale Vertrieb werden neuen Schwung geben, trommelt der BMG-Chef. Und das Wichtigste: „Die Leute zahlen wieder Geld für Musik.“ Er malt mit einer weit ausholenden Geste eine sich nach hinten abflachende Kurve in die Luft. Nur noch 5 Prozent Absatzminus im ersten Halbjahr, das sind im deutschen Musikgeschäft gute Nachrichten.
Noch ist freilich vor allem der digitale Musikvertrieb nur ein Hoffnungswert. Und es mag manchen Besucher schon verwundern, daß er auf der Popkomm vergeblich einen Stand des kalifornischen Computerherstellers Apple sucht, der mit seinem iTunes-Musicstore im vergangenen Jahr die Initialzündung für den Online-Vertrieb gegeben hat. Auch der Internet-Zugangsanbieter T-Online, der mit seiner Plattform Musicload für sich reklamiert, Marktführer beim Download aktueller Chart-Hits zu sein, fehlt in Berlin.
„Wer Musik von den Beatles oder Led Zeppelin sucht, der muß sie stehlen“
So richtig überraschend ist die Zurückhaltung der Unternehmen freilich nicht. Noch ist der Online-Markt winzig und für die Musikneulinge wie Apple oder T-Online nur ein Neben- oder Prestigegeschäft. Jeff Cavins kennt die passenden Zahlen der Marktforschungsinstitute aus dem Gedächtnis: „Der weltweite Tonträgermarkt hat ein Volumen von etwa 32 Milliarden Dollar. Mit Internet-Downloads werden dieses Jahr etwa 250 Millionen Dollar umgesetzt“, sagt der Präsident des amerikanischen Internet-Musikunternehmens Loudeye. Loudeye hat kürzlich den britischen Internet-Musikgroßhändler OD2 übernommen, der etwa hinter den Online-Musikläden von Media Markt, MTV oder Wom steht.
Was bremst, ist einerseits das noch immer nicht vollständige Angebot in den Shops: „Wer im Internet Musik von den Beatles oder Led Zeppelin sucht, der muß sie stehlen“, sagt Cavins. Beide Gruppen haben bisher keine Genehmigung für den Online-Vertrieb gegeben. Außerdem wisse bisher nur jeder fünfte Europäer überhaupt, daß er Musik im Internet auch kaufen könne. Es fehlt also am Marketing.
Doch auch, wenn diese Lücken geschlossen sind, werde der kostenlose Download über Tauschbörsen weiter das Hauptproblem bleiben, prophezeit Cavins. Allein über die populäre Plattform Kazaa wechseln jeden Monat 2,6 Milliarden Musikstücke die Festplatte. Angesichts solcher Horrorzahlen trösten sich die Musikmanager gerne damit, daß mit Klingeltönen für das Handy im vergangenen Jahr bereits 3 Milliarden Dollar umgesetzt werden. „Die Leute bezahlen 1,49 Euro für einen mickrigen Klingelton“, sagt Steinkamp. Was er nicht sagt: Die Plattenfirmen verdienen dabei bislang nur in den wenigsten Fällen mit.
Zwist um CD-Preise
Das neue CD-Preismodell der Bertelsmann Music Group (BMG) spaltet die deutsche Musikindustrie. "Ich sehe für dieses neue Preissystem derzeit überhaupt keine Notwendigkeit", sagte Bernd Dopp, Deutschland-Chef von Warner Music, dieser Zeitung auf der Popkomm. Die BMG bietet seit einigen Wochen ein Album in drei verschieden aufwendigen und unterschiedlich teuren Ausstattungsvarianten an und ist mit der Resonanz bislang zufrieden. Dopp befürchtet dagegen Umsatzverluste. "Wir können uns das nicht leisten", sagte der Warner-Chef, dessen Unternehmen zu den fünf Weltmarktführern im Musikgeschäft zählt. "Die Preissenkung wird nicht durch zusätzliche Verkäufe ausgeglichen", warnte Dopp.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.386,39 | +0,70% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| EUR/USD | 1,2526 | −0,12% |
| Rohöl Brent Crude | 106,92 $ | −0,32% |
| Gold | 1.574,60 $ | +0,32% |
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