Apple-Gründer Steve Jobs hat es schon vor einem Jahr gewusst: Das Ende des Kopierschutzes für Musikstücke, die aus dem Internet geladen werden, ist nicht mehr fern. In seinem Memorandum „Gedanken über Musik“ beklagte Jobs seinen ewigen Kampf gegen die Menschen, die Apples Kopierschutz mit allen möglichen Tricks unterlaufen. „Es gibt eine Menge intelligenter Menschen in der Welt, die es lieben, solche Geheimnisse zu lüften und einen Weg zur freien (und gestohlenen) Musik zu veröffentlichen“, sagte Jobs und empfahl der Musikindustrie damit indirekt, den Kopierschutz abzuschaffen. Zum Wohle vieler Kunden, die davon genervt waren (und sind), ihre geschützte Musik aus Apples iTunes-Laden nicht beliebig kopieren oder auf anderen Geräten abspielen zu können.
Mit dem Kopierschutz sollten auch die Hemmungen fallen, noch mehr Musik bei Apple zu bestellen, kalkulierte Jobs. Nicht ganz zu Unrecht. „Der Wegfall des Kopierschutzes wird den Download-Umsatz erhöhen. Studien haben vielfach gezeigt, dass eine große Zahlungsbereitschaft für freie Musiktitel besteht“, sagt Thomas Hess, Medienwissenschaftler an der Uni München. Auch andere Preise können für mehr Umsatz sorgen.
34,4 Millionen Musikstücke im vergangenen Jahr
„Wir haben herausgefunden, dass die üblichen Preise in Höhe von rund einem Euro für kopiergeschützte Downloads deutlich zu hoch sind. So könnten die Umsätze im digitalen Musiksektor durch eine Verringerung der Preise auf unter 50 Cent verdreifacht werden. Auch der Verzicht auf den Kopierschutz würde die Zahlungsbereitschaft deutlich erhöhen. In diesem Fall läge der Preis, der zu einem maximalen Umsatz führt, sogar bei mehr als einem Euro je Titel“, sagt Peter Buxmann von der Technischen Universität Darmstadt.
Nach Angaben der Gesellschaft für Konsumforschung haben die Deutschen im vergangenen Jahr etwa 34,4 Millionen einzelne Musikstücke legal aus dem Netz geladen, ein Drittel mehr als im Jahr zuvor. Nach Berechnungen von Media Control GfK stieg die Zahl der verkauften Musikalben genauso stark auf 2,9 Millionen. Da der durchschnittlich gezahlte Preis für ein einzelnes Musikstück leicht fällt, stieg der Umsatz etwas weniger stark. Trotzdem ist die Branche über das Geschäft im Internet sehr froh, denn auf dem physischen Tonträgermarkt ging der Umsatz im vergangenen Jahr um 5,1 Prozent zurück.
Nicht nur Amazon greift den Platzhirsch an
Viele Manager in der Musikindustrie haben inzwischen auf Jobs gehört - allerdings anders, als es der mächtige Apple-Chef erhofft hat, dessen iTunes-Laden mit mehr als vier Milliarden verkauften Liedern das Zugpferd der Branche ist. Apple muss die Mehrheit seiner Stücke weiterhin mit Kopierschutz verkaufen, während andere Anbieter wie Amazon die Musik ganz ohne den lästigen Schutz zum Herunterladen bereitstellen. Der weltgrößte Online-Händler hat inzwischen Musikstücke aller vier großen Konzerne EMI, Universal Music, Warner und Sony BMG und 33.000 unabhängiger Musiklabels im Angebot. Obwohl Amazon ganz auf den Kopierschutz verzichtet, sind die Stücke oft sogar billiger als im Apple-Onlineladen. Amazon liefert die Musik im weit verbreiteten MP3-Format aus, das von allen digitalen Musikspielern ohne Schwierigkeiten verarbeitet werden kann, während Apple seine Stücke weiterhin im eigenen Format AAC anbietet.
Doch nicht nur Amazon greift den Platzhirsch an. Das Internetportal AOL, das soziale Netzwerk MySpace, der Musikdienst Napster und auch die vier großen Musikkonzerne selbst sehen die Zukunft im Musikverkauf ohne Kopierschutz. Einmal verkauft, können die Stücke beliebig oft kopiert werden. Was den Musikkonzernen früher ein Graus war, soll heute das lahmende Geschäft der Musikkonzerne ankurbeln, denn seit Jahren gehen die Umsätze im stationären Handel zurück.
Ausgerechnet Apple macht es kompliziert
In dieser Situation, in der die Musikbranche ihr Glück in der Einfachheit sucht, macht es ausgerechnet Apple kompliziert. Zwar bietet das Unternehmen seinen Kunden an, früher gekaufte Musik nachträglich vom Kopierschutz zu befreien. Doch die Kunden sollen dafür noch mal zahlen: Die Forderung von 30 Cent je Titel oder 30 Prozent des Albumpreises bringt Apples Kunden in Rage. Zumal die Stücke nicht einzeln, sondern nur alle gekauften Stücke zusammen umgewandelt werden können. Da greifen viele Nutzer doch lieber wieder zu einfachen Methoden: Programme wie Hymn oder Doubletwist spielen die Musik ab und nehmen sie - dann ohne Kopierschutz - einfach wieder auf.
Doch diese technischen Hilfsmittel werden wohl bald nicht mehr nötig sein. Denn der Trend zeigt auch in anderen Branchen eindeutig auf ein Ende des Kopierschutzes. Sony wird seiner Videospielkonsole Playstation 3 in diesem Jahr einen digitalen Fernsehempfänger spendieren, mit dem Anwender TV-Sendungen ohne Kopierschutz aufzeichnen können, berichtet das Branchenmagazin Gamesindustry.biz. Die Sendungen werden im MPEG2-Format gespeichert und können auf angeschlossene Gerät wie externe Festplatten oder Personalcomputer kopiert werden. Sony hofft, dass die Konsolenbesitzer die Freiheit nur für legale Zwecke nutzen und die aufgezeichneten Inhalte nicht illegal verbreiten. Auch der amerikanische Verlag Random House, der zu Bertelsmann gehört, will nach Informationen des amerikanischen Weblogs Boing Boing von März an Hörbücher ohne Kopierschutz im Netz verkaufen. Ein Test habe ergeben, dass keines der frei verkauften Hörbücher später in den illegalen Tauschbörsen aufgetaucht sei.