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Mobilfunktrends Schneller, bunter, billiger

14.02.2006 ·  Die Mobilfunker wetteifern um die schönsten Multimediadienste. Bei der Messe 3 GSM World in Barcelona stehen drei Themen auf der Agenda: Mobile Musik, mobiles Fernsehen sowie der Beginn der Breitbandzeit.

Von Johannes Winkelhage, Barcelona
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Wenn sich die Mobilfunkbranche einmal im Jahr zu ihrer weltgrößten Messe 3 GSM World trifft, hat sie nur ein Ziel: Dem Verbraucher soll der Mund wäßrig gemacht werden. Er soll nach neuen Handys gieren und Lust auf die neusten Datendienste bekommen, die er dann - meist erst Monate nach der Messe - ausprobieren kann. Vor allem aber soll er eines: mehr Geld für den Mobilfunk ausgeben und so das formidable Wachstum der Netzbetreiber sichern.

Die gute Nachricht für den Verbraucher lautet: Er wird mehr bekommen für sein Geld. Ausnahmsweise ist sich die Branche einmal einig. „Die Preise für das mobile Telefonieren werden weiterhin um rund 10 Prozent im Jahr sinken“, erklärte Vodafone-Chef Arun Sarin, ohne damit auf Widerspruch seiner Wettbewerber zu stoßen. So müssen die Mobilfunkanbieter künftig mehr verkaufen, um ihren Umsatz und Gewinn zu halten, und noch ein wenig mehr, um ihn zu steigern.

Viermal schneller als UMTS

So machen sich derzeit in Barcelona rund 50.000 Mobilfunkmanager als Besucher und rund 1000 Aussteller Gedanken darüber, welche Dienste es sein könnten, die die Kassen der Anbieter künftig füllen werden. Die Messe ist extra vom französischen Küstenstädtchen Cannes in die spanische Metropole umgezogen, um diesen Massenandrang bewältigen zu können. Jetzt predigen die Gurus der Branche hier. Im Jahr 2006 stehen drei Themen auf ihrer Agenda. Mobile-Musik, Mobile-TV sowie der Beginn der Breitbandzeit im Mobilfunk treiben die Phantasie der Netzbetreiber und ihrer Zulieferer auf neue Höhen. Dabei ist die schnelle Breitbandverbindung die Voraussetzung für die anderen Dienste, da hierfür jeweils große Datenmengen transportiert werden müssen.

Wer bisher dachte, der schnelle Datenverkehr zum Handy sei schon mit UMTS gegeben, wird in Barcelona eines Besseren belehrt. HSDPA ist das neue Schlagwort, die Abkürzung des englischen „High Speed Download Packet Access“ oder frei ins Deutsche übersetzt: ganz schneller Mobilfunk. Die Technik kann mehr oder weniger durch eine Softwareaktualisierung in die Netze integriert werden und ist daher im Verhältnis zu den immensen UMTS-Investitionen geradezu preiswert. Der Clou: HSDPA ist viermal schneller als UMTS und reicht damit an die Geschwindigkeit eines DSL-Anschlusses im Festnetz heran. In Deutschland soll die Vermarktung nach der Computermesse Cebit beginnen.

Einmal eingeschaltet, sollen die Netze dazu taugen, zum Beispiel große Mengen Musik auf die Handys zu laden. Die Systeme und Musikbibliotheken dafür haben fast alle deutschen Netzbetreiber schon installiert, auch heute werden schon Songs direkt aus den Portalen der Netzbetreiber geladen, nur langsamer. Entsprechend diesem Trend verändern sich aber auch die Endgeräte. Die Handys werden zu mobilen Musikplayern und können dank einer hohen Speicherkapazität auch größere Musiksammlungen problemlos speichern.

Das Handy-TV funktioniert

So hat zum Beispiel Benq während der Messe ein Gerät angekündigt, daß im Aussehen verdächtig an den Verkaufsschlager iPod von Apple erinnert, und auch die anderen Anbieter von Nokia über Samsung zu Sony-Ericsson haben solche Multimediahandys im Programm. Das hiermit ein Geschäft zu machen ist, belegt ein Beispiel aus China. Nach Angaben von Wang Jianzhou, dem Präsidenten des nach Kunden gerechnet weltgrößten Mobilfunkanbieters China Mobile, wurde dort im vergangenen Jahr mehr Musik über den Mobilfunknetze verkauft als klassisch auf der CD. Verkaufserfolge von bis zu 15 Millionen Abrufen seien keine Seltenheit, sagte Wang in Barcelona.

Geht es nach den Auguren der Branche, wird das Handy aber auch zum Fernseher. Mobile-TV wird in Barcelona an jeder Ecke des Messegeländes in extra dafür aufgebauten Netzen demonstriert, und es zeigt sich: Das Handy-TV funktioniert. Ehe die Tagesschau auf das Mobiltelefon kommt, müssen allerdings noch einige Fragen geklärt werden. So ist bisher völlig offen, welchen Übertragungsweg die Bilder nehmen sollen. Dabei gibt es drei Möglichkeiten. So stehen die digitalen Funkstandards DVB-H und DMB zur Verfügung, die dem heutigen Fernsehsignal ähneln.

Ein Sender schickt gleichzeitig das gleiche, frei empfangbare Signal an alle Empfänger im Umkreis. Klassischer Rundfunk also. Das ungelöste Problem hierbei ist nur: Wer verdient mit einem frei empfangbaren Signal Geld? Die zweite Variante ist die Nutzung des Mobilfunknetzes. HSDPA ist mit seiner hohen Bandbreite durchaus in der Lage, Fernsehbilder recht ruckelfrei zu übertragen. Dafür wird aber jeweils eine einzelne Verbindung zu jedem Handy aufgebaut. Dies nimmt viel teure Übertragungskapazität in den Netzen in Anspruch. Hier aber kann der Mobilfunkbetreiber seine Abrechnungsstruktur nutzen und hat Aussichten auf Umsatz.

„Wir brauchen dringend einheitliche Standards“

Dennoch favorisieren viele Anbieter wie zum Beispiel T-Mobile den DVB-H-Standard, da er nach Angaben von T-Mobile-Chef Rene Obermann mehr Kapazitäten bietet und auch eine sicherere Übertragung ermöglicht. „Wir brauchen aber dringend einheitliche Standards für das Mobile-TV“, sagte Obermann. So könne es nicht sein, daß sich zum Beispiel Bayern für DMB und Hessen für DVB-H entscheide. Am besten sei eine Einigung auf europäischer Ebene.

Kritischer äußerte sich auch Clemens Joos, der Chef des Handyherstellers Benq, der in Barcelona darauf hinwies, daß sich auf diesem Gebiet so viele Beteiligte einigen müßten, das dies auch zu einer Lähmung der Entwicklung führen könne. Entsprechend warten die Handyhersteller erst einmal ab und schauen sich an, welcher Standard beim Handy-TV das Rennen machen wird. Danach aber ist damit zu rechnen, daß sehr schnell entsprechende Handys auf den Markt kommen werden.

Heiß diskutiert wird in Barcelona auch das Thema Internet-Telefonie, bekannt auch als Voice over IP (VoIP). Das ist nur naheliegend. Warum sollte der mobile Breitbandanschluß über HSDPA nicht genau wie im Festnetz für sehr preiswerte VoIP-Gespräche zum Beispiel über den Anbieter Skype genutzt werden. Eine Horrorvorstellung für jeden Mobilfunkanbieter, der sein Geld immer noch zum weitaus größten Teil mit den Gesprächsminuten verdient. Nach Ansicht von Vodafone-Chef Sarin wird sich die Branche dieser Entwicklung langfristig aber nicht entziehen können. Allerdings möchte man diesen Prozeß offenbar selber gestalten.

Long Term Evolution

Auch hier entfaltet die Branche einige Phantasie. So gibt es in Barcelona zum Beispiel beim kanadischen Netzwerkausrüster Nortel Geräte zu sehen, die in der Lage sind, Skype-Telefonate im Breitbandverkehr zu erkennen und die entsprechenden Datenpakete entweder herauszufiltern oder mit einer niedrigen Priorität zu versehen. So könnte zum Beispiel die Qualität der VoIP-Gespräche verringert werden - oder sie werden komplett blockiert. Nach Angaben von Nortel hat diese Entwicklung auch bei den Netzbetreibern in Deutschland großes Interesse gefunden.

Die Mobilfunkbranche wäre aber nicht sie selber, wenn nicht schon über HSDPA hinausgedacht würde. Am Horizont erscheint schon heute das nächste Phantasiekürzel, das erst mal nur leise angedeutet, aber jetzt schon gepriesen wird. Long Term Evolution (LTE) heißt die neue Technik, die vom Jahr 2008 an in die Netze integriert werden soll und Übertragungsraten von bis zu 50 Megabit in der Sekunde liefern soll. Hier ist die Branche ausnahmsweise einmal weniger euphorisch. Läßt sich LTE übersetzt doch auch als „ganz weit weg“ bezeichnen.

Quelle: F.A.Z., 15.02.2006, Nr. 39 / Seite 20
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