„Die UMTS-Handys sind klobig, werden zu heiß und haben eine erbärmliche Batterielaufzeit.“ Mit diesen harten Worten machte Vodafone-Chef Arun Sarin vor einem Jahr im französischen Cannes seinem Ärger über das damalige Angebot an Telefonen für die dritte Mobilfunkgeneration Luft. In diesem Jahr allerdings wurden in Cannes keine Klagen über fehlende Endgeräte laut. Ganz im Gegenteil: Die Handy-Hersteller überschwemmen den Markt geradezu mit einer Fülle von UMTS-Telefonen. Allein Samsung und Motorola kündigten jeweils drei neue Geräte an, die in Kürze auf den Markt kommen werden. Auch Marktführer Nokia und Sony-Ericsson stellten neue UMTS-Geräte vor. Insgesamt summiert sich die Zahl der jetzt verfügbaren Angebote auf fast 30 Handys. Hinzu kommt eine Vielzahl herkömmlicher Neuheiten auf dem Markt für Mobiltelefone.
Einzig Siemens verzichtete in Cannes auf die Präsentation seines ersten eigenen UMTS-Telefons. Allerdings kündigte der Konzern, der in seiner Handysparte derzeit jeden Tag einen Verlust von rund einer Million Euro einfährt, für die Computermesse Cebit in knapp drei Wochen in Hannover ein erstes eigenes Gerät für UMTS an. Bisher hatte Siemens in diesem Marktsegment Handys von Motorola bezogen und sie mit einem eigenen Design versehen. „Wir kommen mit unseren UMTS-Geräten zu spät und müssen jetzt die Aufholjagd beginnen“, gab denn auch Lothar Pauly, Chef der Siemens-Kommunikationssparte, in Cannes zu.
Klein, leicht und vollgestopft
Im Unterschied zu den wahrlich klobigen Erstgeräten für den schnellen Datentransport, die noch vor zwölf Monaten die Szene beherrschten, ist bei den neuen UMTS-Geräten kaum mehr ein Unterschied zu den herkömmlichen Mobiltelefonen auszumachen. Sie sind klein, leicht und vollgestopft mit Software. Daran zeigt sich eine Tendenz, die zu den beherrschenden Themen der Messe in Cannes gehört: Dies ist die Konvergenz der unterschiedlichen Geräte.
Die neuen Telefone - ob mit UMTS ausgerüstet oder nicht - schicken sich an, den preiswerteren Digitalkameras, den MP3-Geräten zur Musikwiedergabe und den Taschencomputern (PDA) ernsthafte Konkurrenz zu machen. Auch die Fernsehübertragung auf das Handy ist keine Zukunftsvision mehr, glaubt man den Präsentationen auf den Messeständen. Ebenso attraktiv wird das Geschäft mit der Musik auf dem Handy beurteilt. So wird zum Beispiel Sony-Ericsson seine neuen Geräte unter der Marke Walkman auf den Markt bringen, die seit Jahrzehnten für den mobilen Musikgenuß steht. Die Handys verfügen inzwischen über genug Speicherplatz und können so eine ausreichende Anzahl von Musikstücken aufnehmen.
Nokia macht gemeinsame Sache mit dem Erzfeind
Motorola hat sich beim Thema Musik schon seit längerem mit Apple verbündet und wird bald das erste Handy mit der I-Tunes-Software des kalifornischen Herstellers zur Musikverwaltung und zum Abspielen auf den Markt bringen. Auch Nokia will da nicht zurückstehen und geht dafür sogar eine Kooperation mit dem einstigen Erzfeind Microsoft ein, der seit Jahren relativ erfolglos versucht, im Mobilfunkmarkt Fuß zu fassen.
Nun aber wird Nokia den Windows-Media-Player von Microsoft in seine Geräte integrieren und ihm das Abspielen der digitalen Musikinhalte anvertrauen. Dabei kann die Musik sowohl vom heimischen PC als auch über die Mobilfunknetze auf das Handy geladen werden. Für dieses Herunterladen haben die Kunden der Netzbetreiber schon im vergangenen Jahr rund 330 Millionen Dollar ausgegeben - Tendenz stark wachsend. „Das Mobiltelefon wird von einem Kommunikations- zu einem Unterhaltungsgerät“, beschreibt Sanjiv Ahuya, Vorstandsvorsitzender der Mobilfunkgesellschaft Orange, die derzeitige Entwicklung.
Zukunft: Bezahlen mit dem Handy
Zudem setzt die Branche weiterhin auf neue Umsätze durch den mobilen Datentransport - auch wenn die bisherigen Erfolge nicht weit über den Versand von Kurznachrichten (SMS) hinausgehen. An diesem Punkt werden die Branchenvertreter sogar selbstkritisch: „Wir tendieren im Mobilfunk dazu, viele Dinge zu früh anzukündigen“, sagt zum Beispiel Carl-Henric Svanberg, der Vorstandsvorsitzende des größten Netzwerkausrüsters Ericsson. „Jetzt aber ist es soweit, und wir haben alle Teile zusammen, um das mobile Datengeschäft zu einem Erfolg zu machen.“ Svanberg ist in Cannes nicht der einzige, der diese Hoffnung hegt. Entsprechend groß ist das Angebot vor allem kleinerer Unternehmen, die sich auf solche Datendienste spezialisiert haben.
Das Telefon soll aber künftig noch mehr können, als Daten und Sprache zu übertragen. So kündigte Simpay, ein Gemeinschaftsunternehmen der großen europäischen Mobilfunkgesellschaften, in Cannes den immer wieder verschobenen Start seiner Lösung zum Bezahlen mit dem Mobiltelefon für Mitte des Jahres in Spanien an. Großbritannien und Belgien sollen dann bis zum vierten Quartal 2005 folgen. Damit wird das Telefon auch zur Geldbörse. Die Abrechnung der Beträge erfolgt über die Mobilfunkabrechnung.
Neue Märkte
Während sich die Geräte in den höheren Preisklassen immer stärker zu Alleskönnern entwickeln, sucht die Branche auf der anderen Seite aber auch den Kontakt zu weniger zahlungskräftigen Kunden. In vielen Ländern, die bisher noch nicht über ein gut ausgebautes Festnetz verfügen, sehen die Mobilfunkunternehmen die Chance, mit ihren Angeboten einem Festnetzaufbau zuvorzukommen. Das aber funktioniert nicht ohne preiswerte Endgeräte. Daher gab die GSM Association, der internationale Dachverband der Branche, in Cannes die Spezifikation für ein solche Billighandy bekannt, das vor allem robust sein und über eine lange Laufzeit verfügen soll. Als erster Hersteller hat sich Motorola verpflichtet, ein solches Gerät auf den Markt zu bringen, dessen Preis ab Fabrik zunächst bei 40 Dollar liegen soll. Später soll dann auch eine Produktion für 30 Dollar möglich werden. Die GSM Association nennt ein Ziel von rund 6 Millionen Geräten in den ersten Monaten der Auslieferung, was rund einem Prozent des gesamten Marktes entspricht. Später soll dieses Segment dann ein Volumen von rund 100 Millionen Geräten im Jahr erreichen.
Die GSM Association machte zudem auf die wirtschaftliche Bedeutung der Mobilfunkindustrie für Europa aufmerksam. Nach Angaben des Marktforschungsinstitutes Ovum machten die Unternehmen in dieser Region im vergangenen Jahr einen Umsatz von mehr als 105 Milliarden Euro und beschäftigten rund 2,8 Millionen Menschen.
Weiter wachsen
Trotz dieser jetzt schon hohen Zahlen gehen die in Cannes versammelten Mobilfunkmanager von einem weiterhin starken Wachstum aus. Dies zeigt sich auch an der Teilnehmerzahl der inzwischen aus allen Nähten platzenden Veranstaltung. Gegenüber dem Vorjahr kamen mit rund 40000 Gästen rund 25 Prozent mehr Branchenvertreter zu der Messe. Der gesamte Strand an der Uferpromenade zwischen den berühmten Hotels Majestic und Martinez ist inzwischen mit Zelten der Unternehmen verbaut, und der Dauerstau auf der Croisette ist schon legendär. Dies war offenbar auch einer der Gründe, die Messe im nächsten Jahr nach Barcelona zu verlegen.