03.05.2011 · Das Wissen über den Aufenthaltsort der Nutzer verspricht ein Milliardengeschäft mit „Location Based Services“ - für Netzbetreiber, Apple, Google und Online-Werber. Doch drei Viertel der Menschen wollen diese Daten lieber für sich behalten.
Von Holger SchmidtDas mobile Internet wird ein Milliardengeschäft. Gut zehn Millionen der 50 Millionen Internetnutzer in Deutschland gehen schon mobil ins Netz, hat TNS Emnid herausgefunden. Weitere zehn Millionen Menschen in Deutschland werden sich nach Schätzungen des IT-Verbandes Bitkom in diesem Jahr ein internetfähiges Handy (Smartphone) kaufen. In aller Welt wird das Jahr 2011 einen Meilenstein in der Geschichte der Informationstechnik markieren: Erstmals werden mehr mobile Geräte wie Smartphones und Tabletcomputer als stationäre Computer verkauft.
Wenn das Internet auf die Straße kommt, werden viele Unternehmen ein großes Geschäft machen: Mobilfunkunternehmen wie die Deutsche Telekom verdienen am mobilen Datenverkehr. Apple verkauft iPhones, iPads sowie Apps, und der Suchmaschinenriese Google, der das inzwischen populärste mobile Betriebssystem Android entwickelt hat, will vor allem den mobilen Werbemarkt für sich gewinnen. Zehn Milliarden Dollar will Google mit diesen lokalen Diensten verdienen, sagte Eric Schmidt, der Verwaltungsratsvorsitzende des Unternehmens, schon im vergangenen Sommer.
Mehr als eine Milliarde Dollar wird es schon in diesem Jahr sein, wenn die Suchmaschine ihre Ergebnisse abhängig vom jeweiligen Aufenthaltsort des Nutzers anzeigt und damit auch die Werbung an den Ort anpasst. Dazu kommt der Mobile Commerce als fünfte große Säule im mobilen Internet. Gingen früher die Offline-Händler online, so gelten mobile Dienste heute als Schlüssel, um die Onliner zurück in die Läden zu bekommen.
„10-Quadratmeter-Feld mit Werbung“
„Noch sind die meisten Werbekunden nicht so weit, einen möglichen Kunden genau in einem 10-Quadratmeter-Feld mit ihrer Werbung erreichen zu wollen. Aber alle Anbieter in dem Geschäft bereiten sich darauf vor, genau diese Information ihren Werbekunden zur Verfügung zu stellen. In spätestens fünf Jahren wird diese Information über den Aufenthaltsort der Schlüssel sein, um viele andere Daten wie Einkommen oder Kaufgewohnheiten miteinander zu verbinden“, sagte Rob Jonas, Europachef des mobilen Werbenetzwerkes Inmobi, dieser Zeitung.
Das Wissen um den Aufenthaltsort wird also die Spielregeln im schnelllebigen Online-Geschäft radikal ändern: Die Personalisierung der Web-Angebote erhält einen weit größeren Stellenwert als bisher - erhöht aber auch das Risiko. „Smartphones sind eine Goldmine für sensible und persönliche Daten. Daher ist es entscheidend zu wissen, wie man die Kontrolle über diese Daten behält“, sagt Giles Hogben von der europäischen IT-Sicherheitsagentur Enisa. Damit diese ortsbezogenen Dienste funktionieren, muss der Nutzer dem Dienstleister nämlich entweder freiwillig mitteilen, wo er sich gerade befindet oder einem Unternehmen wie Google generell erlauben, seinen Aufenthaltsort zu „tracken“, also die Bewegungen zu verfolgen.
Für die erste Variante, den Freunden den aktuellen Aufenthaltsort mitzuteilen, haben sich Anbieter wie Foursquare entwickelt, die im Facebook-Dienst Places oder Google Latitude schnell Nachahmer gefunden haben. Allein Foursquare hat inzwischen acht Millionen Nutzer, die im vergangenen Jahr 381 Millionen Mal an vielen Plätzen der Welt „eingecheckt“ haben. Einchecken bedeutet, den Freunden den aktuellen Aufenthaltsort mitzuteilen und eventuell einige Informationen zu diesem Ort zu hinterlassen. Wichtig ist dabei: Die Mitteilung über den Aufenthaltsort erfolgt freiwillig, eine permanente Erfassung der Bewegungen erfolgt nicht.
Googles Nutzer-Tracking
Etwas anders funktioniert das Nutzer-Tracking, wie es zum Beispiel Google macht. Smartphones mit dem Google-Betriebssystem Android besitzen die Funktion, den aktuellen Standort des Gerätes per W-Lan, Mobilfunknetz oder Satellitennavigation (GPS) zu ermitteln. Stimmen die Nutzer bei der Erstinstallation des Betriebssystems der Standortbestimmung zu, willigen sie damit ein, dass ständig anonymisierte Daten zum aktuellen Aufenthaltsort an die Google-Zentrale im kalifornischen Mountain View gefunkt werden. Die Idee dahinter: Geben die Nutzer den Anbietern freiwillig ihre (Standort-)Daten, lassen sich bessere Produkte entwickeln. Viele Nutzer sind dazu bereit, aber nicht alle finden das gut. Google wurde gerade von Nutzern in Amerika wegen des Trackings verklagt. Nun hat sich der amerikanische Senat eingeschaltet: Am 10. Mai müssen Apple und Google in Washington erscheinen, um den Senatoren Rede und Antwort zu stehen.
Manchmal können sich die Handy-Besitzer aber gar nicht gegen die Verfolgung ihrer Bewegungen wehren. Jedes Handy - egal ob modernes Smartphone oder älteres Modell - sendet in regelmäßigen Abständen Ortsinformationen an die Betreiber der Mobilfunknetze. Die Telekom oder Vodafone wissen also ganz genau, wo sich ein Handy (und damit sein Besitzer) aufhält. Wie präzise sich mit diesen Daten Bewegungsprofile erstellen lassen, hat der Grünen-Politiker Malte Spitz jüngst bewiesen. Er hat seine Daten bei der Telekom eingeklagt und zusammen mit dem Nachrichtenportal Zeit Online daraus ein lückenloses Bewegungsprofil erstellt. Diese Daten dienen aber lediglich der Verbrechensbekämpfung und werden nur an Strafverfolgungsbehörden herausgegeben.
Mit Aufenthaltsorten der Kunden Geld machen
Doch auch die Netzbetreiber beginnen nun, sich Gedanken über eine kommerzielle Nutzung der Standortdaten zu machen. „In jüngster Zeit denken die Netzbetreiber über Modelle nach, ihr Wissen über die Aufenthaltsorte ihrer Kunden zu Geld zu machen, indem sie Daten an Online-Werber verkaufen. Da die Netzbetreiber die besten Daten haben, könnte das Spiel plötzlich ganz neue Regeln bekommen. Ich war sehr überrascht über diese Wendung der Netzbetreiber“, sagte Werbemanager Jonas. Ähnlich überrascht wie die Kunden des niederländischen Navigationsherstellers Tomtom, der Navigationsdaten an seine Regierung verkauft hat. Tomtom dachte, die Regierung werde damit die Verkehrsplanung verbessern. Tatsächlich wurden die Daten eingesetzt, um Radarfallen dort aufzustellen, wo die Tomtom-Besitzer besonders schnell gefahren sind.
Viel Kritik hat auch Apple einstecken müssen, als in der vergangenen Woche bekannt wurde, dass das Unternehmen die Aufenthaltsorte seiner Kunden erfasst und in einer Datei gespeichert hat. Apple beteuert zwar, seine Nutzer nicht „tracken“ zu wollen, und deklariert die Speicherung als Softwarepanne - was angesichts des Perfektionismus, den Apple ansonsten an den Tag legt, für Erstaunen in der Branche gesorgt hat.
Das Erstaunen wurde noch größer, als ein Patentantrag von Apple an die Öffentlichkeit gelangte, der dezidiert Methoden für eine raffinierte Datensammelei beschrieb. Der Apple-Ingenieur Ronald Huang beschreibt darin, wie sich Ortsdaten der Nutzer mit mobilen Bankgeschäften und der Nutzung sozialer Netzwerke verknüpfen lassen, um ein lückenloses Profil zu knüpfen. Da verwundert es kaum noch, dass erst vor wenigen Wochen die amerikanische Bundesanwaltschaft App-Entwickler ins Visier genommen hat. Ihr Verdacht: Die Apps funken mehr Daten (wie Standort und Gerätenummer) nach Hause, als es die Allgemeinen Geschäftsbedingungen erlauben.
Drei Viertel der Bevölkerung lehnen diese Dienste glatt ab
Auch wenn die Handyunternehmen in den meisten Fällen die Zustimmung ihrer Nutzer für das „Tracking“ einholen, sorgen diese Dienste für viel Unbehagen bei den Smartphone-Nutzern. Zwar haben 30 Prozent der 14 bis 29 Jahre jungen Menschen in Deutschland Interesse an lokalen Diensten, die einen Bezug zu ihrem aktuellen Aufenthaltsort haben, wie die Studie „Heimat to go“ von TNS Emnid ergeben hat. Vor allem junge Männer mit hohem Einkommen finden die „Location based Services“ gut. Aber: Drei Viertel der Bevölkerung in Deutschland lehnen diese Dienste glatt ab.
Zu tief sitzt die Angst vor der Überwachung auf Schritt und Tritt, was übrigens keine Eigenart der sensiblen Deutschen ist. Nach einer Umfrage des Marktforschungsunternehmens Harris Interactive unter 1000 Smartphone-Nutzern hat nur einer von drei Konsumenten das Gefühl, seine persönlichen Daten auf mobilen Geräten unter Kontrolle zu haben. 98 Prozent äußerten den Wunsch, eine bessere Kontrolle über ihre Daten zu haben. Die unbemerkte Speicherung der Bewegungsdaten von Apple wird die Akzeptanz ortsbezogener Dienste weiter senken. Die Branche gefährdet mit solchen - beabsichtigten oder unbeabsichtigten - Aktionen ein Milliardengeschäft.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.386,08 | +0,68% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| EUR/USD | 1,2530 | −0,09% |
| Rohöl Brent Crude | 106,90 $ | −0,34% |
| Gold | 1.574,60 $ | +0,32% |
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