Als Generalsekretär der Internationalen Fernmeldeunion (ITU) verbringt Hamadoun Touré viel Zeit im Flugzeug. Doch selbst wenn er mal länger an einem Ort sitzt, wie an diesem Montag auf dem Mobile World Congress in Barcelona, reist er doch um die Welt: in wenigen Sätzen von Ägypten bis auf die Karibikinselgruppe St. Kitts und Nevis. Mit kurzen, lebhaften Berichten von seinen Besuchen dort versucht Touré zu erklären, was die Telekommunikation und die dahinterstehende Branche bisher erreicht hat.
In Ägypten hat sie laut dem Generalsekretär dazu beigetragen, den Arabischen Frühling erblühen und den Diktator Mubarak stürzen zu lassen. Auf St. Kitts und Nevis zeige sich dagegen, welches wirtschaftliche Potential in der Telekommunikation steckt: Unlängst seien dort Mobilfunklizenzen vergeben worden und mehrere Anbieter hätten hart gekämpft, um den Zugang zum überschaubaren Markt von 50 000 Inselbewohnern zu ersteigern. "Wegen der vielen Menschen aus der ganzen Welt, die dorthin reisen" - und sich dann in das Netz der Inselgruppe mit ihren Tabletcomputern, Smartphones oder Laptops einwählen und Roaminggebühren zahlen, nennt Touré den Grund.
Sie setzt auch Mobilfunkstandards
Es ist eine abgewandelte Form der "digitalen Dividende", von der Touré spricht. Mit diesem Fachbegriff kennt sich der Mann aus Mali gut aus, vertritt er doch als Chef der Fernmeldeunion ITU nicht nur 193 Länder, sondern auch mehr als 700 Akteure aus Wirtschaft und Wissenschaft. Die Aufgabe der Organisation ist nicht nur, das globale Frequenzspektrum zuzuteilen, sie setzt auch Mobilfunkstandards und sorgt dafür, dass bisher mit Funknetzen unterversorgte Regionen den Anschluss finden. Eine Facette von Tourés "digitaler Dividende" ist der Erlös aus dem Verkauf von offenen oder frei werdenden Frequenzen. Und auch in St. Kitt und Nevis können Unternehmen ihren Schnitt machen. Zwar fließt der Überschuss aus der Versteigerung erst einmal an den Staat. Doch in längerer Frist werden dort auch Mobilfunkanbieter verdienen. Am Ende, so sagt der Generalsekretär, profitiere die ganze Gesellschaft: Die Telekommunikation treibe den Wohlstand an - wenn denn die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen stimmen.
Was das betrifft, bringt Touré zwei Kritikpunkte vor. Zum einen werde die Branche vielerorts zu hoch besteuert. "Mir wäre es lieber, wenn die Staaten die Besteuerung von Telekommunikationsunternehmen reduzieren und vor allem Doppelbesteuerung vermeiden." Zweitens wäre da die Frage der Regulierung: Folgt man den Worten Tourés, ist zu viel zwar schlecht, zu wenig aber irgendwie auch, weil dann notwendige Investitionen ausbleiben. Das Problem sei, dass derzeit der Ausbau der Technik für das mobile und schnelle Internet in Breitbandqualität der Geschwindigkeit hinterherhinke, mit der die Datenmenge wächst. "Wir müssen eine Umgebung schaffen, die Investitionen begünstigt." Nur so könne das laufende Jahrzehnt tatsächlich auch zu einem "Jahrzehnt des Breitbands" werden, wie es Touré vorschwebt.
Was der Ausbau mobiler Netze bewirken kann, zeige sein Heimatkontinent. In Afrika habe es ein enormes Wachstum des Mobilfunks gegeben, und das beweise, dass es für "lokale Probleme auch eine lokale Lösung gibt": den Ausbau örtlicher Netze. So könne auch eines der Millenniumsziele der Vereinten Nationen erreicht werden. Netzausbau ist ein Unterpunkt innerhalb von acht international vereinbarten Vorhaben, wie etwa den Zugang zu Bildung zu verbessern oder Aids einzudämmen. Der Netzausbau sei womöglich das einzige Ziel, das auch wie geplant bis 2015 erreicht werde, sagt der Generalsekretär. Und alles, was es dazu brauche, sei ein freier Markt.
Dann begibt sich Touré noch einmal auf die Reise und spricht von den Ländern der arabischen Revolutionen. Es gebe dort viele junge Menschen, die gut ausgebildet seien. "Wir müssen es jetzt schaffen, ihnen auch die Möglichkeit zu geben, zu arbeiten", sagt Touré. Auch deshalb wird die Fernmeldeunion im März in Doha einen Connect-Arab-Gipfel abhalten, um mit Politikern und Wirtschaftsvertretern darüber zu konferieren, wie der Markt entwickelt werden kann. Für Touré, der immer wieder betont, dass er selbst aus der privaten Wirtschaft kommt, ist das eine wirtschaftliche Chance, die es zu ergreifen gilt. Gleichzeitig hält er es für eine Maßnahme, die den Frieden sichern kann. "Wenn die jungen Menschen in diesen Ländern keine Arbeit finden, werden sie eine neue Revolution beginnen."
