24.06.2004 · Ein Taschencomputer. Ein mobiler E-Mail-Versender. Eine wirtschaftliche Erfolgsgeschichte. Doch das Gerät von Research in Motion bekommt zunehmend Konkurrenz von Palm One.
Von Roland Lindner, New YorkSo hatte sich das die amerikanische Regierung wohl nicht vorgestellt. Nach den Terroranschlägen im Jahr 2001 wurden Tausende von Mitarbeitern des Kongresses mit einem "Blackberry" ausgestattet - einer Mischung aus Taschencomputer und Mobiltelefon, die drahtlose E-Mail-Kommunikation erlaubt. Während die Mobilfunknetze damals völlig überlastet waren und zusammenbrachen, funktionierte die Blackberry-Kommunikation problemlos.
Die überwiegend jungen und ledigen Kongreßmitarbeiter haben seither aber festgestellt, daß sich das Gerät auch vorzüglich im Privatleben einsetzen läßt. Die E-Mail-Funktion des Blackberry ist zum wichtigen Verabredungsinstrument in Washington geworden. Ein Mitarbeiter der Demokratischen Partei sagte kürzlich in der "New York Times", das Gerät habe eine Revolution im Sozialleben in der Stadt ausgelöst.
Vorzug der E-Mail-Nutzung
Der Blackberry gehört zu den größten Erfolgsgeschichten der Informationstechnologie und Telekommunikation in den vergangenen Jahren. Das liegt insbesondere an der E-Mail-Nutzung. Das Gerät erlaubt es, außerhalb des Büros E-Mails zu empfangen, und kann dabei auch mit komplexeren Inhalten umgehen, zum Beispiel mit Anhängen. Wegen dieser Funktion wurde Blackberry vor allem als Gerät für den beruflichen Gebrauch groß.
Mitarbeiter sind damit nicht nur jederzeit erreichbar wie bei einem Mobiltelefon, sondern sie können auch jederzeit Daten empfangen und weitergeben. Gekauft werden die Geräte meist von Unternehmen, die sie an ihre Mitarbeiter weiterreichen. Der Anschaffungspreis liegt bei gut 400 Dollar, dazu kommen variable Nutzungsgebühren.
Wirtschaftliche Erfolgsgeschichte
Der Erfolg des Blackberry hat seinem Hersteller, dem in der Nähe der kanadischen Stadt Toronto ansässigen Unternehmen Research in Motion (RIM), ein geradezu explosionsartiges Wachstum beschert. Im Geschäftsjahr 2003/2004 (28. Februar) stieg der Umsatz um 94 Prozent auf 595 Millionen amerikanische Dollar. Dabei wies das Unternehmen einen Nettogewinn von 52 Millionen Dollar aus, nach einem Verlust von 149 Millionen Dollar im Vorjahr. Die Zahl der Blackberry-Nutzer hat sich allein im letzten Quartal des Geschäftsjahres global um mehr als 200 000 auf mehr als eine Million erhöht. Der Aktienkurs des Unternehmens hat sich in den vergangenen zwölf Monaten mehr als verfünffacht.
Das Gerät ist so populär geworden, daß es das Leben seiner Nutzer noch mehr dominiert als dies Handys häufig schon tun. Blackberry-Besitzer können oft die Finger nicht von dem Gerät lassen, weil sie ständig überprüfen wollen, ob sie neue E-Mails bekommen haben.
Schon mehren sich die Geschichten von Blackberry-Nutzern oder Angehörigen, bei denen das Gerät den häuslichen Frieden gestört hat. Jim Balsillie, Co-Chief Executive Officer von RIM, hat nach eigener Aussage mit seiner Frau die Vereinbarung getroffen, das Gerät zu Hause nicht mit sich herumzutragen, sondern immer an einem bestimmten Platz abzulegen. Aufgrund von Geschichten suchtartigen Nutzerverhaltens haben die Geräte in Amerika den Spitznamen "Crackberry" bekommen nach der Droge Crack.
Konkurrenz durch Palm
Research in Motion hatte mit seinem Gerät lange keine nennenswerte Konkurrenz. Dies hat sich allerdings in jüngster Zeit geändert. Eine der größten Bedrohungen kommt dabei von Palm One, dem Unternehmen, das mit Palm-Taschencomputern bekannt geworden ist. Palm One hat im vergangenen Jahr durch die Übernahme des Wettbewerbers Handspring seine Produktpalette um das Modell Treo erweitert. Treo ist eine Kombination aus Handy und Taschencomputer, ein sogenanntes Smartphone, und ist Blackberry in seiner Funktionsweise sehr ähnlich. In vielen Nutzerberichten schneidet der Treo sogar besser ab als der Blackberry.
Der erst im vergangenen Jahr eingeführte Treo könnte zu einer ernsten Bedrohung für den Blackberry werden, wie aus dem in dieser Woche vorgelegten Quartalsbericht von Palm One hervorgeht. Das Unternehmen hat die Erwartungen von Analysten deutlich übertroffen und einen positiven Ausblick gegeben, die Aktie legte danach innerhalb eines Tages um 37 Prozent zu. Palm One begründete die guten Zahlen unter anderem mit einer starken Entwicklung des Treo, die Produktionsmengen reichen im Moment nicht aus, um die Nachfrage zu decken. Das enorme Wachstum könnte künftig noch weitere Wettbewerber in den Markt locken. Als möglicher Kandidat hierfür wird der Computerkonzern Dell gehandelt, der seit einiger Zeit schon Taschencomputer verkauft.
Rechtsstreit um Patente
Möglicherweise wird RIM angesichts eines zunehmenden Wettbewerbs auf der Hardwareseite versuchen, verstärkt die Blackberry-Software an Gerätehersteller zu lizenzieren. Das Unternehmen hat bereits einige entsprechende Verträge abgeschlossen, zum Beispiel mit dem finnischen Telefonhersteller Nokia.
Eine weitere Sorge für RIM ist ein derzeit laufender Patentstreit. Das amerikanische Unternehmen NTP hat die Kanadier schon vor mehr als zweieinhalb Jahren mit dem Vorwurf verklagt, die Blackberry-Technologie verletze mehrere Patente von NTP. Im vergangenen August gab ein Bezirksrichter NTP recht. Er verurteilte RIM zu Schadenersatz und untersagte dem Unternehmen, seine Produkte weiterhin in den Vereinigten Staaten zu verkaufen. RIM hat gegen diese Entscheidung Berufung eingelegt, die Gerichtsverhandlung darüber läuft seit wenigen Wochen.
Die Börse hat sich bislang von dem Patentstreit weitgehend unbeeindruckt gezeigt. Am kommenden Dienstag könnte es neue Impulse für den Aktienkurs von RIM geben. Dann legt das Unternehmen seine Zahlen für das erste Quartal des laufenden Geschäftsjahres vor.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.386,12 | +0,68% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| EUR/USD | 1,2535 | −0,05% |
| Rohöl Brent Crude | 106,83 $ | −0,40% |
| Gold | 1.574,60 $ | +0,32% |
Anonym bewerben? Ist das gut?