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Minitel-Netzwerk : Frankreichs „frühes Internet“ stirbt einen späten Tod

Minitel-Endgerät Bild: dpa

Dreißig Jahre nach seiner Einführung schaltet France Télécom das Minitel-Netzwerk aus - ein System, um das die Welt Frankreich beneidete. Und von dem sich die Franzosen lange nicht trennen wollten.

          Es war eine sehr französische Erfindung - von der Regierung unter Präsident Valéry Giscard d’Estaing in den siebziger Jahren in Auftrag gegeben, von der staatlichen Post- und Telefongesellschaft entwickelt und zentralstaatlich gesteuert von Paris verwirklicht: Der elektronische Informationsservice „Minitel“ war eine Art französisches Internet. Am heutigen Samstag wird France Télécom den Dienst nach ziemlich genau dreißig Jahren einstellen. Gut 400.000 Haushalte haben noch eine der altertümlich wirkenden beige-braunen Plastikkisten mit Bildschirm und Tastatur samt Telekomanschluss bei sich herumstehen, berichtet France Télécom - zu wenig angesichts der Instandhaltungskosten für das Netzwerk im Angesicht der Internet-Konkurrenz. Die Nummer „3615“, die dank der einfachen Bedienbarkeit einst Millionen Franzosen Zugang zu elektronischen Informations- und Unterhaltungsdiensten aller Art ermöglichte, wird nun verstummen.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Die Geburtsstunde des Minitel fällt in eine Zeit, in der Frankreich zur technologischen Weltspitze gehörte und avantgardistische Projekte wie die Weltraumrakete Ariane, die Hochgeschwindigkeitszüge TGV und die jüngste Kernenergie-Technik auf den Weg brachte. Es war ein Informationsdienst wie das deutsche „Bildschirmtext“-System - nur mit eigenen Terminals. Diese verschenkte die Post am Anfang. Eine Gruppe von staatlichen Telekomingenieuren plädierte eine Weile dafür, die Endgeräte mit einem eigenen Prozessor und Speicherkapazität auszustatten. Doch sie konnte sich aufgrund der hohen Kosten nicht durchsetzen. So blieben die Minitel-Geräte einfache Kisten am Ende der Telefonleitung, mit denen über ein Modem in schwarz-weiß Textbotschaften empfangen werden konnten.

          Wetterbericht, Kontostand, Bahntickets

          Für die damalige Zeit war der Dienst freilich revolutionär und verbreitete sich schnell. Ursprünglich solle das Minitel nur die dicken und schweren Telefonbücher ersetzen; rasch konsultierten die Franzosen elektronisch indes auch den Wetterbericht oder ihren Kontostand, bestellten Bahntickets und erledigten Banküberweisungen „online“. 1996 hatten die Nutzer eine Auswahl unter 25.000 verschiedenen Angeboten, darunter auch viele beliebte Sex-Dienste, das sogenannte Minitel rose, das einige Menschen wie den Gründer des heutigen Telekomriesen Free, Xavier Niel, reich machte.

          Anfang der neunziger Jahre schickte der spätere amerikanische Vizepräsident Al Gore den Telekomexperten David Lytel nach Frankreich zur Inspektion des Minitel. Dessen Bericht inspirierte Gore zu seiner Rede über die „Autobahnen der Informationen“ im Juli 1994, die als wichtiger Anstoß für die Geburt des Internets gilt. Der französische Präsident Jacques Chirac zeigte den ganzen französischen Stolz auf das Minitel im Jahr 1997: „Heute verfolgt ein Bäcker in Aubervilliers seinen Kontostand über das Minitel. Kann man das gleiche von einem Bäcker in New York sagen?“, fragte er.

          Streng nach dem Alphabet aufgebaute Tastatur

          Seinen Höhepunkt erreichte das Minitel im Jahr 2000, als rund 25 Millionen Franzosen fast 9 Millionen Geräte benutzten. Die Zeitungsbranche bekämpfte damals das Netzwerk, denn sie befürchtete den Verlust von Kleinanzeigen. Das System generierte mehr als eine Milliarde Euro Umsatz im Jahr. Mit der Entwicklung des weltweiten Netzes in den Vereinigten Staaten war freilich der Tod des französischen Systems vorgezeichnet. Spätere Minitel-Endgeräte konnten zwar auch Bilder im JPEG-Format empfangen, doch die überwiegend simplen Textbotschaften konnten der Informationsflut des Internet nicht standhalten. Das Minitel blieb ein geschlossenes französisches System ohne Zugang zu anderen Ländern. Die Dominanz des lange wie eine Behörde geführten France-Télécom-Konzerns half auch nicht. Anfangs wurden die Minitel-Geräte etwa mit einer streng nach dem Alphabet aufgebauten Tastatur verbreitet; erst später passte man sich den Schreibmaschinen-Tasten an.

          Der Niedergang erfolgte indes langsam. Viele Franzosen wollten sich von der liebgewonnenen Technik und den damit verbundenen Gewohnheiten nicht trennen, weshalb das Internet sich zunächst langsamer durchsetze als anderswo. Doch Mitte des vergangenen Jahrzehnts weinten nur noch Nostalgiker dem System eine Träne nach. 2004 führte France Télécom einen Recycling-Service für die Geräte ein. „Das Minitel gewöhnte aber sowohl die Franzosen als auch Tausende von Unternehmen an die Nutzung und Bereitstellung elektronischer Angebote. Davon profitiert Frankreich heute noch“, sagt eine Sprecherin von France Télécom.

          Quelle: F.A.Z.

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