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Michael Ringier im Interview : „In der digitalen Welt stochern wir alle im Nebel“

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Michael Ringier setzt auf das marktwirtschaftliche Prinzip von Versuch und Irrtum Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Neben neuen Wegen im Heimatmarkt muss der Schweizer Verleger Michael Ringier übergreifende Geschäftsmodelle für seine Printmedien suchen. „Das Schlimmste sind Leute mit einem angeblich gesicherten Wissen“, sagt er im F.A.Z.-Gespräch.

          Verleger suchen in der Regel nicht gerade die Öffentlichkeit. Michael Ringier scheut sie zumindest nicht. Er muss sich auch nicht verstecken: 2007 hat der internationale Medienkonzern Ringier, in seiner Heimat Schweiz bekannt als Herausgeber des Boulevardblatts „Blick“, zum sechsten Mal in Folge den Gewinn gesteigert. Zuletzt waren es, allerdings bedingt durch einen Sondereffekt, 103 Millionen Franken bei einem Umsatz von 1,5 Milliarden Franken oder umgerechnet knapp 1 Milliarde Euro. Im laufenden Jahr, in dem Ringier sein Bestehen seit 175 Jahren feiert, beschränkt sich der Hausherr indes bisher auf die Aussage, das operative Geschäft werde gute Wachstumsraten zeigen und die Gewinnmarge ordentlich ausfallen. Insbesondere auf dem Heimatmarkt sei jedoch eine deutliche Zurückhaltung spürbar, ergänzt Ringier im F.A.Z.-Gespräch.

          Der schlanke Zwei-Meter-Mann nimmt für sich in Anspruch, aus dem Schweizer Traditionsunternehmen ein internationales Medienhaus mit einer besonders starken Verankerung in Osteuropa gemacht zu haben. Jetzt steht er vor einer noch größeren Herausforderung: der Positionierung seines Verlags in der digitalen Welt. Ringier glaubt nicht, dass irgendein Zeitungs- oder Zeitschriftenkonzern schon den Königsweg gefunden hat. „Mit unserem Unwissen bewegen wir uns im großen Tross aller Medienhäuser. Alle stochern noch etwas im Nebel“, lautet sein Befund, der selbst den Internetriesen Google einschließt.

          Der Deutschland-Umsatz ist ein Klacks

          Und er fügt eine Warnung an: „Das Schlimmste für einen Konzern sind Leute mit einem angeblich gesicherten Wissen.“ Im Augenblick bearbeitet Ringier das Thema Multimedia auf zwei Schienen. Im vergangenen Jahr kaufte er die Mehrheit an Media Swiss, dem größten elektronischen Anbieter des Landes von Kleinanzeigen. „Dieses Geschäft ging jahrelang an uns vorbei“, räumt der Verleger ein. Media Swiss bringe 75 Millionen Franken Umsatz und „sehr schöne Gewinne“. Gesucht werden jetzt Anknüpfungspunkte insbesondere für den „Blick“ und das Wirtschaftsblatt „Cash Daily“.

          Die Wirtschaftszeitung, die täglich an den Kiosken gratis ausliegt, ist das Überbleibsel des 2007 eingestellten Wochenblattes „Cash“. Heute steht der Titel für einen Multimedia-Auftritt, den Ringier als Übungsfeld bezeichnet. Hierzu gehören neben der Gratiszeitung unter anderem ein umfassender Internetauftritt einschließlich „Cash Daily“ in digitaler Form (Livepaper), ein Handy-Angebot sowie Podcasts und Videos. Auf 142.000 Personen beziffert die nach eigener Werbung „führende multimediale Wirtschaftsplattform der Schweiz“ ihren Nutzerkreis. Aber den Mittelpunkt bildet weiterhin die Druckversion mit einer täglichen Auflage von gut 100.000 Exemplaren, und von einem Gewinn ist bisher nichts zu hören.

          Bei den Druckerzeugnissen setzt Ringier auf eine Vervielfältigung des Angebots. In den vergangenen zwei Jahren wurden 40 Titel entweder gekauft oder selbst auf den Markt gebracht. In Deutschland gehören die Magazine „Cicero“ (Auflage gut 75.000 Exemplare) und „Monopol“ (rund 30.000) zu Ringier. Die ihm vom Verwaltungsrat gestattete „intellektuelle Spielwiese ,Cicero'“ könnte 2009 in die Gewinnzone kommen, glaubt der Verleger. Aber der Deutschland-Umsatz von zuletzt 7,5 Millionen Euro ist ein Klacks verglichen mit den Engagements in Ost- und Südosteuropa. Selbst in Serbien, dem kleinsten dieser Märkte, brachte es Ringier 2007 auf 38 Millionen Euro.

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