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Medien Musikindustrie kommt wieder auf die Beine

08.04.2004 ·  Die Verkaufszahlen sind niederschmetternd, doch es geht aufwärts in der Musikindustrie. Eine Studie widerspricht der These, daß Internet-Tauschbörsen für die Misere der Branche verantwortlich seien.

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Trotz abermals niederschmetternder Verkaufszahlen im vergangenen Jahr sieht die krisengeschüttelte internationale Musikindustrie erste Anzeichen für eine Marktstabilisierung. "Es gibt ein paar ermutigende Anzeichen", sagte Jay Berman, der Vorsitzende des Weltverbandes der Musikindustrie (Ifpi), in London.

In den Vereinigten Staaten, dem mit Abstand größten Musikmarkt der Welt, habe sich die Erholung des Geschäfts in den ersten Monaten des Jahres fortgesetzt, sagte Berman. Bereits im zweiten Halbjahr 2003 legten die Albumverkäufe in Amerika erstmals wieder zu. Auch der britische Markt, der vergangenes Jahr stabile Umsätze erreichte, gebe Anlaß zu Hoffnung, sagte der Ifpi-Chef. Ein Stütze ist auch der stark wachsende Markt für Musikvideos auf DVD.

Talfahrt beschleunigt

Die einst florierende Musikindustrie hat die Hoffnungszeichen bitter nötig, denn insgesamt beschleunigte sich die Talfahrt vergangenes Jahr trotz der Erholung einiger Märkte. Im Gesamtjahr 2003 schrumpfte der weltweite Tonträgerumsatz wechselkursbereinigt um 7,6 Prozent auf 32,0 Milliarden Dollar. 2002 lag das Minus noch bei 7,0 Prozent.

Die fünf großen Konzerne (Majors), die den Weltmarkt beherrschen, haben angesichts der seit vier Jahren fallenden Umsätze Tausende von Stellen gestrichen und zahlreiche Plattenverträge von Künstlern aufgelöst. Erst in der vergangenen Woche hat der britische Musikkonzern EMI, der internationale Stars wie Norah Jones und nationale Größen wie "Wir sind Helden" unter Vertrag hat, angekündigt, sein Künstlerrepertoire abermals zusammenzustreichen.

EMI schließt Münchener Niederlassung

In Deutschland, das von der Krise besonders stark betroffen ist, schließt die EMI ihre Niederlassung in München und kürzt dabei weitere 60 ihrer bislang 250 Stellen hierzulande. Auch Warner Music (Madonna, Dick Brave) hat den Abbau zahlreicher Arbeitsplätze angekündigt. Bei den vor der Fusion stehenden Konzernen Sony Music (George Michael, Mia) und Bertelsmann Music Group (Dido, Yvonne Catterfeld) ist im Zuge des Zusammenschlusses ebenfalls mit einem weiteren kräftigen Aderlaß zu rechnen.

Marktbeobachter rechnen für den europäischen Markt mit Ausnahme von Großbritannien nicht mit einer raschen Erholung: "Vor Ende 2005 ist damit nicht zu rechnen", sagt Sarah Simon, Medienanalystin bei Morgan Stanley in London. Während die Musikindustrie weiterhin vor allem das Raubkopieren und die Konkurrenz anderer Freizeitgüter wie Handys und Computerspiele für ihre Probleme verantwortlich macht, hält Simon die Misere für hausgemacht. "Die Musikindustrie hat den Kontakt zu den Kunden verloren", kritisiert sie.

Viele Geschmäcker nicht bedient

Weite Teile des Musikgeschmacks würden von den Plattenkonzernen kaum noch bedient. "Der Weltmarktführer Universal ist beispielsweise heute extrem stark auf Rap-Musik konzentriert." Universal Music hat Rap-Stars wie Eminem und 50 Cent unter Vertrag. "Der Erfolg von Norah Jones und Dido belegt jedoch, daß es eine enorme Nachfrage für Musik gibt, die sich vom Mainstream abhebt", sagt Simon. Die Jazzpop-Sängerin Jones feiert mit ihrem aktuellen Album "Feels like home" weltweit Erfolge. Die Vorgänger-CD "Come away with me" hält sich seit fast zwei Jahren in den oberen Rängen der amerikanischen Verkaufscharts.

„Internet-Tauschbörsen kein Schaden“

Eine neue Studie der amerikanischen Harvard-Universität zieht zudem in Zweifel, daß populäre und von der Industrie als kriminell gebrandmarkte Internet-Tauschbörsen, wie von den Konzernen behauptet, dem Musikgeschäft schaden. Die beiden Ökonomen Felix Oberholzer-Gee und Koleman Strumpf kommen sogar zum Ergebnis, daß der Musiktausch bei kommerziell erfolgreichen CDs deren Absatz steigert. Statistisch gesehen steige der Absatz um eine CD, wenn Lieder aus dem Album 150mal aus dem Internet heruntergeladen würden, sagen die Wissenschaftler. Nur für ohnehin nicht besonders erfolgreiche CD, die sich weniger als 36.000mal verkauften, sei "ein kleiner negativer Effekt" zu beobachten. Für ihre Arbeit haben Oberholzer-Gee und Strumpf Lieder von 680 beliebten CDs in Amerika im Herbst 2002 ausgewertet. 16 Prozent aller Lieder wurden von Computern in Deutschland bezogen.

Medienanalystin Simon warnt unterdessen, daß der legale Online-Vertrieb, mit dem die Musikindustrie 2003 nach langem Zögern begonnen hat, gegenüber dem CD-Verkauf zu erheblichen Umsatzeinbußen führen werde. Denn online können Kunden nicht nur komplette Alben, sondern auch einzelne Lieder kaufen. "Die Leute kaufen online nur etwa jedes vierte Lied eines Albums", sagt Simon.

Quelle: theu./ctg., Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.04.2004, Nr. 84 / Seite 25
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Von Holger Steltzner

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