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Medien Murdochs coole Seite im Internet

 ·  Der Internetdienst „Myspace“ hat 59 Millionen Mitglieder. Die Seite ist ein sogenanntes „soziales Netzwerk“. Diese Gemeinschaften gelten als eines der angesagtesten Gebiete im Internet. Der Erfolg lockt die Großen der Medienbranche.

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Sie gibt sich den Mitgliedsnamen „Edeltraut“, aber eigentlich heißt sie Amy, ist 17 Jahre alt und kommt aus Alaska. Sagt sie zumindest in ihrem Profil. Früher hätten Teenager wie Amy ihre geheimsten Gedanken wahrscheinlich ihrem Tagebuch anvertraut und selbiges nachher abgeschlossen.

Heute kann man von jedem Computer auf der ganzen Welt lesen, was in Amy vorgeht: „Ich bin eine dunkle und gequälte Person“, schreibt sie. „Mein liebstes Tier ist das Faultier, weil keiner sonst es mag“, heißt es weiter, und zu ihren Hobbys zählt sie: „mich ziellos um mich selbst drehen“ und „gegen Dinge prallen“.

Ein düsterer Blick auf die Welt

Amys Blick auf die Welt mag düster sein, aber zumindest ist sie damit Teil einer großen und rasant wachsenden Gemeinschaft. Sie gehört zu den mehr als 59 Millionen Mitgliedern des Internetdienstes „Myspace“. Die Seite ist ein sogenanntes „soziales Netzwerk“. Diese Gemeinschaften gelten im Moment als eines der angesagtesten Gebiete im Internet. Myspace hat in Amerika mittlerweile mehr Seitenaufrufe als die Suchmaschine Google. Der Erfolg hat den Medienunternehmer Rupert Murdoch angezogen, der im vergangenen Sommer 580 Millionen Dollar in bar für Myspace auf den Tisch gelegt hat.

Myspace ist zu einem Phänomen der amerikanischen Jugendkultur geworden. Für Teenager in den Vereinigten Staaten ist es heute Standard, ein Profil auf der Seite zu haben. Ross Levinsohn, der das Internetgeschäft von News Corp. verantwortet, vergleicht Myspace von der Bedeutung als Jugendmarke her gerne mit dem Fernsehsender MTV. Myspace ist eine breite Palette von Internetdiensten in einem: Die Mitglieder können auf ihrer persönlichen Seite ein Online-Tagebuch (Blog) führen, Echtzeitnachrichten schicken (Instant Messaging) oder eigene Inhalte wie Fotos auf die Seite laden und mit anderen Nutzern tauschen. Die Mitgliedschaft ist kostenlos, der Dienst finanziert sich über Anzeigen auf der Seite.

Hunderttausend Interessengruppen

Im Vordergrund stehen Kontakte: Die Mitglieder bauen einen virtuellen Freundeskreis auf, unter Teenagern herrscht ein regelrechter Wettbewerb um die Zahl der Myspace-“Freunde“. Oft bilden sie dabei Interessengruppen. Auf der Myspace-Seite finden sich mittlerweile mehrere Hunderttausend solcher Gruppen, und die sind oft sehr spezifischer Natur. Es gibt eine Gruppe von Angestellten von Disney-Freizeitparks, die diskutieren, wie groß man sein muß, um als Donald oder Daisy Duck verkleidet im Park herumlaufen zu dürfen. Mitarbeiter der Kaffeekette Starbucks erzählen sich in einer eigenen Gruppe, was das ekligste Getränk war, das sie jemals ausgeschenkt haben.

Myspace gibt es erst seit dem Jahr 2003. Gegründet wurde die Seite von Tom Anderson, einem Musiker mit Filmhochschulabschluß aus Kalifornien, und dessen Bekanntem Chris DeWolfe, der vorher bei einem kleinen Internetunternehmen im Marketing war. Soziale Netzwerke gab es zu diesem Zeitpunkt schon im Internet, Anderson wollte sich von der Konkurrenz abheben, indem er seine Seite zu einem Forum für Künstler und ihre Inhalte machte. So erlaubte er Musikern, ihre Titel auf die Seite zu laden und anderen Nutzern zugänglich zu machen. Myspace wurde so zum Forum für aufstrebende Bands, was der Seite von Anfang an einen gewissen „Coolness“-Faktor gab. Es half auch, daß Anderson Freunde aus der Unterhaltungsszene hatte, die er als Startmitglieder gewinnen konnte.

Als Werbeplattform attraktiv

Das explosive Wachstum bei den Mitgliederzahlen hat Myspace als Werbeplattform attraktiv gemacht, auch wenn die Seite von den Dimensionen, die zum Beispiel Google mit einem Jahresumsatz von mehr als 6 Milliarden Dollar erreicht, noch weit entfernt ist. News Corp. nennt keine genauen Umsatzzahlen für Myspace. Allerdings hat Ross Levinsohn vorhergesagt, daß das Internetgeschäft von News Corp. im Geschäftsjahr 2005/06 (30. Juni) seinen Umsatz gegenüber dem Vorjahr auf 300 Millionen Dollar mehr als versechsfachen wird. Die Investmentbank Merrill Lynch schätzt den Anteil von Myspace am Internetgeschäft auf bis zu 30 Prozent. Myspace versucht im Moment, sein Geschäft jenseits seines Internetauftritts zu erweitern, und will sich zu einer breit aufgestellten Lifestyle-Marke machen. So hat Myspace ein eigenes Musiklabel gegründet. Zusammen mit dem koreanischen Mobilfunkbetreiber SK Telecom will Myspace eine neue Handymarke auf den Markt bringen.

Die größte Herausforderung wird es sein, den derzeitigen „Coolness“-Faktor zu bewahren. Die Jugendlichkeit der Zielgruppe von Myspace ist zwar einerseits ein Vorteil, weil dies die Seite attraktiv für Werbekunden macht. Auf der anderen Seite sind junge Leute notorisch illoyal. So ist die Internetseite „Friendster“, die noch vor einigen Jahren eine dominierende Adresse unter den sozialen Netzwerken war, mittlerweile weitgehend in der Bedeutungslosigkeit versunken. Was heute noch angesagt ist, kann also schon bald Schnee von gestern sein. Daneben muß Myspace in jüngster Zeit immer häufiger Kritik wegen schlüpfriger Inhalte einstecken. Zwar werden Fotos von Myspace-Mitarbeitern geprüft, bevor sie auf die Seite gestellt werden. Das hält die Nutzer aber oft nicht davon ab, recht explizite Texte zu schreiben. Eltern sind in Sorge, daß ihre Kinder in diesem Umfeld ins Visier von Sexualstraftätern geraten könnten. In jüngster Zeit gab es einige Berichte von Fällen, in denen Mädchen von Männern sexuell belästigt wurden, die sie über Myspace kennengelernt hatten. Manchmal haben die Täter dabei ihre Identität verschleiert und sich zum Beispiel als deutlich jünger ausgegeben. Nach einem Bericht des „Wall Street Journal“ zeigen sich mittlerweile einige Werbekunden irritiert von den vielen Negativschlagzeilen. Myspace hat versprochen, das Problem anzugehen: Ein eigens abgestellter Mitarbeiter soll als „Sicherheitszar“ die Seite überwachen und Aufklärungskampagnen für die Nutzer führen.

Bislang haben sich Befürchtungen nicht bestätigt, daß Myspace nach der Übernahme durch News Corp. die Mitglieder davonlaufen. Dabei hat es sicher geholfen, daß der 30 Jahre alte Anderson und der 40 Jahre alte DeWolfe an Bord geblieben sind. Im Moment gewinnt Myspace 200.000 neue Mitglieder am Tag, zum Zeitpunkt der Übernahme durch News Corp. waren es noch 70.000.

Quelle: F.A.Z., 04.03.2006, Nr. 54 / Seite 20
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Jahrgang 1970, Wirtschaftskorrespondent in New York.

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