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Medien „Die ganze Fernsehindustrie steht auf dem Spiel“

07.11.2005 ·  RTL-Chef Gerhard Zeiler über die Bedrohung der deutschen Medienlandschaft durch amerikanische Konzerne, den Aufbau einer Senderfamilie und die Forderung nach legalem Product Placement im Fernsehen.

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Die EU-Kommission überprüft zur Zeit die Beschränkungen für Werbung im Fernsehen. Ein erster Entwurf einer neuen Richtlinie soll zum Jahresende vorliegen. Der Österreicher Gerhard Zeiler ist Vorstandschef der zu Bertelsmann gehörenden RTL Group, des größten privaten Rundfunkkonzerns in Europa.

Herr Zeiler, was stört Sie an den bisherigen Begrenzungen für die Fernsehwerbung in der EU?

Die heutigen Regeln sind zwanzig Jahre alt und einfach nicht mehr zeitgemäß. Heute haben die Zuschauer neben der Fernbedienung auch mit digitalen Videorecordern technische Möglichkeiten, Werbung bequem wegzudrücken. Weil das Privatfernsehen aber noch immer vor allem von Werbung lebt, müssen wir darauf reagieren und flexible Werberegeln schaffen.

Wir brauchen eine generelle Liberalisierung: zum Beispiel kürzere Werbeintervalle und die Möglichkeit, auch einzelne Spots zu zeigen. Diese Frage ist für uns existentiell. Es steht die ganze Fernsehindustrie auf dem Spiel. Ein wichtiger Punkt ist außerdem, daß wir Europa wettbewerbsfähig gegenüber dem amerikanischen Markt machen müssen.

Was meinen Sie damit?

Sie müssen sehen, daß die europäische Fernsehindustrie mit den ohnehin stärkeren amerikanischen Konzernen konkurriert. In den Vereinigten Staaten gibt es aber eine deutlich liberalere Regulierung der Fernsehwerbung, was den Unternehmen dort einen zusätzlichen Wettbewerbsvorteil gegenüber uns Europäern verschafft. Es kann nicht sein, daß die Amerikaner mit den aus diesem Vorteil erwirtschafteten Mitteln nach Europa kommen und hier versuchen, Marktanteile zu gewinnen.

Erwarten Sie, daß sich die großen amerikanischen Medienkonzerne stärker als bisher auch in Deutschland einkaufen?

Eine solche Phase, in der die Amerikaner viel stärker im Ausland investieren, wird mit Sicherheit kommen. Und ich erwarte, daß sie sich dann als nächstes Europa zuwenden werden.

Auch Deutschland?

Zunächst werden wir das in Großbritannien sehen, aber dann sicherlich auch in Kontinentaleuropa, und es ist überhaupt keine Frage: Das kann auch Deutschland betreffen.

Sie plädieren auch dafür, die umstrittene Plazierung von Werbebotschaften im Programm, das sogenannte Product Placement, zu legalisieren. Wann wird das in Deutschland kommen?

Wir wollen keine Schleichwerbung machen, sondern den Zuschauer zum Beispiel im Vor- oder Abspann auf diese Werbeform hinweisen. Ohne Product Placement geht es in manchen Genres wirtschaftlich kaum. Ich kann mir nicht vorstellen, daß etwa irgendeine Krimiproduktion den vollen Preis für das Auto bezahlt, mit dem der Kommissar am Tatort vorfährt. Und in Österreich zum Beispiel ist diese Werbeform heute schon erlaubt.

Zum Tagesgeschäft: Wie wird die RTL Group dieses Jahr abschneiden?

Wir können natürlich nicht immer solche Gewinnsprünge liefern wie in den beiden Vorjahren. Aber, ich bin mir sicher, wir werden auch im Geschäftsjahr 2005 für positive Nachrichten sorgen.

RTL wird also 2005 sein Ergebnis weiter verbessern?

Wir sind börsennotiert, deshalb darf ich hier keine weiteren Angaben machen. In einigen europäischen Ländern und auch in Deutschland sehen wir jedoch, daß sich die Märkte, die ja bekanntlich seit Jahren schwierig sind, seit Jahresmitte positiv entwickeln.

Trotzdem will Ihr Senderflaggschiff RTL in Deutschland nach einem Gewinneinbruch Stellen streichen. Und dies, obwohl Sie die Programmqualität verbessern müssen, um wieder mehr Zuschauer zu gewinnen. Wie paßt das zusammen?

Der deutschen Sendergruppe und auch RTL geht es weiterhin durchaus gut. Geschäftsführerin dort ist seit September Anke Schäferkordt. Sie hat hundertprozentig mein Vertrauen, und ich werde ihr deshalb auch nicht reinreden oder Spekulationen kommentieren. Nur soviel: Für ein gutes Programm braucht man vor allem gute Ideen.

Glauben Sie wirklich, daß Erfolgsprogramme wie „Super Nanny“ oder „Einsatz in vier Wänden“ in erster Linie eine Frage des Geldes sind?

Das ist eine Frage der Idee.

So wie in Deutschland wollen Sie auch im Ausland Senderfamilien aufbauen. Doch bei diesen Expansionsbemühungen mußten Sie jüngst Rückschläge hinnehmen. Bei der britischen Fernsehsenderkette Flextech sind Sie nicht zum Zuge gekommen. Und in Tschechien und Polen sollen Sie zuletzt ebenfalls erfolglos über Engagements verhandelt haben.

In Tschechien und Polen haben wir überhaupt nicht verhandelt. In England dagegen wollen wir unsere Präsenz weiter stärken. Das haben wir getan, indem wir den Sender Five zu 100 Prozent übernommen haben. Jetzt gilt es, in den nächsten ein bis eineinhalb Jahren eine ganze Senderfamilie aufzubauen. Da gibt es mehrere Optionen. Flextech ist durchaus noch immer eine davon.

Wieviel haben Sie in der Kriegskasse? Wieviel dürfen Sie ausgeben?

Das, was wir an Investitionen für notwendig erachten, steht uns zur Verfügung. Über konkrete Zahlen spreche ich nicht.

Das Gespräch führten Johannes Ritter und Marcus Theurer

Quelle: F.A.Z., 07.11.2005, Nr. 259 / Seite 15
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