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Medien Charme-Offensive gegen Disney-Dissidenten

25.02.2004 ·  Es ist einer der spektakulärsten feindlichen Übernahmekämpfe seit langem, und doch ist er erstaunlich ruhig geworden: Comcast liegt auf der Lauer und wartet die Aktionärsversammlung von Disney ab.

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Es ist einer der spektakulärsten feindlichen Übernahmekämpfe seit langem, und doch ist es erstaunlich ruhig geworden um die Beteiligten: Vor zwei Wochen hat der amerikanische Kabelkonzern Comcast die Finanzwelt mit einem Angebot für den Unterhaltungskonzern Walt Disney aufgeschreckt.

Wenige Tage später wies Disney das Angebot als zu niedrig zurück, seither gab es keine entscheidenden Schritte mehr in der Auseinandersetzung.

Warten auf kommenden Mittwoch

Wahrscheinlich ist das nur die Ruhe vor dem Sturm. Die Parteien halten im Moment still, weil sie auf den kommenden Mittwoch warten: Dann findet in Philadelphia - ironischerweise der Hauptsitz von Comcast - das Aktionärstreffen von Disney statt. Dort wird ein entscheidendes Signal für die Zukunft des umstrittenen Chief Executive Officers und Verwaltungsratschefs Michael Eisner erwartet, der sich vehement gegen eine Übernahme stemmt. Wie die anderen Verwaltungsratsmitglieder steht auch Eisner auf dem Treffen zur Wiederwahl.

Es geht vor allem um Symbolik in Philadelphia. Eisners Posten im Verwaltungsrat ist nicht unmittelbar gefährdet. Er hat keinen Gegenkandidaten, und mit hoher Wahrscheinlichkeit wird eine Mehrheit ihn im Amt bestätigen. Gar nicht zur Diskussion steht seine Funktion als Chief Executive Officer: Sein Vertrag läuft bis zum September 2006. Wenn aber ein nennenswerter Anteil von Aktionären diesmal mit "Nein" stimmt, könnte dies als Mißtrauensvotum interpretiert werden. Der Verwaltungsrat könnte sich gezwungen sehen, Druck auf Eisner auszuüben und ihn damit zum Rücktritt von all seinen Ämtern zu bewegen.

Bislang haben die Aktionäre Eisners Wiederwahl in den Verwaltungsrat regelmäßig nahezu unwidersprochen durchgewunken, seit er im Jahr 1984 an die Disney-Spitze gerückt ist. Comcast wird nun beobachten, wie angeschlagen Eisner aus dem Aktionärstreffen herauskommt, und die weitere Strategie im Übernahmekampf danach ausrichten.

Anti-Eisner-Kampagne

Schon vor dem Comcast-Angebot stand Eisner bei Disney unter Druck. Im Dezember verließ Roy Disney, der Neffe des Unternehmensgründers Walt Disney, den Verwaltungsrat und startete eine Anti-Eisner-Kampagne, in der er den Rücktritt des Managers forderte. Roy Disney gibt Eisner die Schuld an der schwachen Entwicklung des Unternehmens in den vergangenen Jahren. Darüber hinaus wirft er Eisner einen autokratischen Führungsstil vor, der viele talentierte Führungskräfte aus dem Unternehmen getrieben habe. Der bald 62 Jahre alte Eisner weigere sich zudem, eine klare Nachfolgeregelung auf den Weg zu bringen.

Kurz nach Disney legte auch dessen langjähriger Vertrauter Stanley Gold das Verwaltungsratsmandat nieder und schloß sich der Kampagne an. Seither werben Disney und Gold bei Investoren um Unterstützung im Kampf um einen Führungswechsel.

Stimmung könnte drehen

Den Bemühungen von Disney und Gold wurden zunächst wenig Aussichten auf Erfolg gegeben, zumal der Medienkonzern sich nach einigen schwierigen Jahren wieder auf Erholungskurs befindet. Doch die Stimmung könnte drehen. So gab das Platzen der Verhandlungen von Disney mit dem Zeichentrickstudio Pixar über eine Fortsetzung einer wichtigen Partnerschaft den Kritikern unlängst ein weiteres Argument an die Hand. Institutional Shareholder Services, eine einflußreiche Beratungsgesellschaft für institutionelle Anleger, hat sich gerade der Sichtweise der Disney-Dissidenten angeschlossen und empfiehlt, in Philadelphia gegen Eisner zu stimmen. Gold hofft, mit dieser Empfehlung 7 bis 8 Prozent der Aktionäre für sich zu gewinnen. Insgesamt streben Disney und Gold nach eigenen Angaben an, 20 Prozent Gegenstimmen für Eisner zu erreichen.

Eisner bei Larry King

Eisner selbst hat unterdessen im Vorfeld der Aktionärsversammlung eine Charmeoffensive gestartet. Am vergangenen Freitag trat er in der Talkshow des bekannten amerikanischen Moderators Larry King auf. Dabei gab er die Rolle des freundlichen Managers mit Familiensinn, der sich nicht an seine Positionen klammert. Auf die Frage nach dem Ausgang des Übernahmekampfes sagte er: "Ich bin zuversichtlich, daß ich am Ende immer noch drei großartige Kinder und eine großartige Frau haben werde und daß Disney die Oberhand behält. Ob ich dann noch an der Spitze von Disney stehe, bestimmen der Verwaltungsrat, meine Gesundheit und meine Begeisterungsfähigkeit, und die sprechen im Moment alle dafür."

Anfang der Woche gab es außerdem eine Telefonkonferenz mit Eisner und einigen Verwaltungsräten. Ein Verwaltungsrat sagte, Eisner habe Annäherungsversuche von Comcast mit dem Einverständnis des Gremiums und nicht eigenmächtig zurückgewiesen, bevor es schließlich zu dem feindlichen Angebot kam. Weiter wurde darauf hingewiesen, daß der Verwaltungsrat in jüngster Zeit verstärkt über eine Nachfolge von Eisner diskutiere.

Comcast-Aktie verliert

Im Übernahmekampf selbst wird es wohl nicht beim bisherigen Angebot bleiben. Comcast will bislang für jede Disney-Aktie 0,78 eigene Aktien abgeben. Das Angebot bedeutete zunächst einen Aufschlag von rund 10 Prozent auf Disneys Börsenwert. Seither hat aber die Comcast-Aktie an Wert verloren und der Disney-Aktienkurs zugelegt, so daß der Preis mittlerweile unter dem Börsenwert liegt. Analysten halten es für wahrscheinlich, daß Comcast sein Angebot nachbessert und außerdem eine Barkomponente in Aussicht stellt. Ferner gilt es als möglich, daß andere Unternehmen in den Übernahmekampf eingreifen.

Analystin Jessica Reif Cohen von der Investmentbank Merrill Lynch hält hierbei eine gemeinsame Offensive des Medienkonzerns Liberty Media und der Internetgesellschaft Interactive Corp. für das wahrscheinlichste Szenario. Einige andere potentielle Kandidaten wie die Medienkonzerne News Corp und Viacom haben offiziell abgewunken. Auch der Wettbewerber Time Warner und der Softwarekonzern Microsoft wurden als mögliche Interessenten ins Spiel gebracht. Für wenig wahrscheinlich hält Reif Cohen, daß Disney selbst ein Unternehmen zukauft, um den Angriff abzuwehren, zum Beispiel den Satellitenbetreiber Echostar. Zur Verteidigung hat Disney kürzlich einen New Yorker Anwalt angeheuert, der auf die Einrichtung sogenannter Giftpillen spezialisiert ist, mit denen eine Übernahme erschwert werden soll.

Quelle: lid., Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.02.2004, Nr. 48 / Seite 21
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