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Mathias Döpfner Der ungeliebte Pedant

16.01.2006 ·  Die Fernsehpläne des Springer Verlags stehen vor dem Aus. Es scheint, als ob dem bislang so erfolgreichen Mathias Döpfner erstmals an der Spitze des Konzerns etwas nicht gelingen würde. Dabei schien ihn das Glück, seit er in Springers Dienste trat, buchstäblich zu verfolgen.

Von Inge Kloepfer
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„Meine Feinde warten nur darauf, daß ich den ersten großen Fehler mache." Mathias Döpfner hat das immer wieder gesagt. Beiläufig zwar, aber stets in dem Bewußtsein, daß viele ihm als Vorstandschef von Axel Springer nicht gerade wohlgesinnt sind. Mathias Döpfner hat seine Feinde im Blick und wundert sich doch, daß er so viele hat und sich an seiner Person die Geister scheiden. Auch das pflegt er beiläufig zu bemerken. Auf seinem steilen Weg nach oben an die Spitze von Europas größtem Zeitungshaus hat er zu viele wohl zu schnell hinter sich gelassen.

Bald könnte es soweit sein, daß ihm einmal etwas nicht gelingt. Mathias Döpfner steht kurz davor zu scheitern mit seinem Plan, die private Senderkette Pro Sieben Sat.1 zu übernehmen und mit dem Verlagskonzern zu fusionieren. Das Bundeskartellamt sagt nein. Viel hatte Döpfner angeboten, um das Milliardengeschäft zu retten, das er mit dem isrealisch-amerikanischen Haupteigentümer von Pro Sieben Sat.1, Haim Saban, im August vergangenen Jahres abgeschlossen hatte. Zeitschriften stellte er zur Disposition, die gemeinsamen Unternehmen mit dem Medienriesen Bertelsmann. Sogar einen unabhängigen Fernsehbeirat hatte er angeboten, um die Bedenken der Kek (Kommission zur Ermittlung der Konzentration im Medienbereich) zu zerstreuen. Die Kek muß seinen Plänen ebenfalls zustimmen, befürchtet aber, daß durch das Geschäft bei Springer zu viel Meinungsmacht entstünde.

Seine ganz persönliche Sache

Das Zustandekommen der Fusion hat Döpfner zu seiner ganz persönlichen Sache gemacht, wie alles, wovon er überzeugt ist. Jedesmal ist er persönlich vor den Herren des Bundeskartellamtes und der Kek angetreten, um die beiden Behörden zu überzeugen. Er hat zugehört, argumentiert, erklärt, geredet. Jedesmal hat er auf Granit gebissen und doch gute Miene zu einem für ihn und seine mediale Vision unverständlichen Spiel gemacht.

Eine scheinbar letzte überraschende Volte drehte Döpfner in der vergangenen Woche. Auf Pro Sieben würde er verzichten, nur Sat.1 übernehmen. Pro Sieben, den profitabelsten Teil der Senderkette, würde er verkaufen. Das Bundeskartellamt lenkte ein, stellte eine Freigabe der Übernahme in Aussicht. Auch die Kek signalisierte Zustimmung. Doch nichts ist entschieden. Das Kartellamt stellte neue Bedingungen: Der Senderverbund Pro Sieben Sat.1 sei vor der Übernahme zu trennen, Pro Sieben vorher an Dritte zu verkaufen. Und jetzt Springers Rückzug.

Im Grunde war die Sache schon vorher fast aussichtslos. Das weiß auch Döpfner. Viel hat er von Optimismus gesprochen in den letzten Tagen. Aber ein Zweckoptimist ist er nicht, eher ein Skeptiker, der den Erfolg erst für sich verbucht, wenn er sich eingestellt hat. Er ist getrieben von der Überzeugung, daß ein Medienkonzern im digitalen Zeitalter nicht nur gedruckte, sondern auch bewegte Bilder braucht. Ob er noch daran glaubt?

Schon bald stieg er auf - ganz ohne Umwege

Im Springer-Konzern setzte kaum jemand mehr darauf, daß die Hürde noch zu nehmen sein würde. Alles hätte unter dieser Bedingung neu verhandelt werden müssen: Springer müßte verkaufen, was dem Konzern noch nicht gehört; der Vorstand von Pro Sieben Sat.1 müßte der neuerlichen Trennung der fusionierten Sender zustimmen, dabei sind ihm aktienrechtlich die Hände gebunden. Haim Saban müßte bereit sein, auf eine Verzinsung des Kaufpreises zu verzichten, weil das Geld noch später fließen würde als vereinbart. Und auch steuerlich kämen auf den Konzern enorme Belastungen zu.

Es sieht ganz danach aus, als ob dem bislang so erfolgreichen Konzernchef erstmals an der Spitze des Konzerns etwas nicht gelingen würde. Dabei schien ihn das Glück, seit er in Springers Dienste trat, buchstäblich zu verfolgen. Als Chefredakteur der "Welt" machte er 1998 Furore, krempelte das verstaubte Blatt - mit kräftiger finanzieller Unterstützung des Konzerns - nach seinen Vorstellungen um und sorgte für einen kräftigen Auflagenzuwachs. Schon bald stieg er auf - ganz ohne Umwege. Er wurde Vorstandsmitglied und 2002 der Chef des Führungsgremiums. Döpfner, der Journalist, weder Betriebswirt noch Jurist, stand plötzlich ganz oben. Die Öffentlichkeit staunte, die Medienbranche erst recht.

An der Spitze entwickelte er eine verblüffende unternehmerische Kreativität und vor allem Durchhaltevermögen. Er ignorierte seine Neider, umgab sich mit Vorstandskollegen seines Vertrauens, führte den Konzern binnen eines Jahres aus der Krise, verwandelte Verluste in Gewinne, die seither in dreistelliger Millionenhöhe fließen. Mehr noch: Gerade erst im Amt des Vorstandsvorsitzenden, gewann er im Laufe des Jahres 2002 den atemberaubenden Machtkampf gegen den ungeliebten Großaktionär Leo Kirch.

Und jetzt ein möglicher Mißerfolg: Was heißt das für den Mann, der just an der Spitze des mächtigsten Zeitungshauses Europas ein goldenes Händchen zu entwickeln schien?

Döpfner kennt Mißerfolge

Döpfner kennt Mißerfolge, das Nicht-gelingen-Wollen aus seiner Zeit vor Springer. Zwei Zeitungen hat er kaum Fortune und schon gar nicht Auflage gebracht: der "Wochenpost" und der "Hamburger Morgenpost", bei denen er als Chefredakteur ein glückloses Dasein führte. Und noch als Springer-Vorstandsmitglied war ihm bei seinen Investitionen ins Internet alles andere als Erfolg beschieden. Er hat Erfahrung damit, daß nicht alles gelingen kann - auch ihm nicht.

Döpfner ist kein Abenteurer, kein Hasardeur. Er ist ein Pedant, einer, der alles ganz genau nimmt, vor allem dann, wenn es um Risiken geht. Der Vertrag, den er mit Haim Saban Anfang August des vergangenen Jahres abgeschlossen hat, zeigt das deutlich. Das Risiko einer Untersagung der milliardenschweren Übernahme durch das Kartellamt hat er dem Springer-Konzern nicht aufgeladen. Er hat im Grunde schon damit gerechnet. Der Kaufpreis an Saban ist nicht geflossen, das Recht zum Rücktritt vom Kauf für den Fall der Fälle hat er ausgehandelt. Noch nicht einmal eine "Break-up fee" (Strafgebühr) hat er den Eigentümern von Pro Sieben Sat.1 zugestanden, sollte er das Vertragsverhältnis aufgrund eines Kartellverbotes lösen müssen.

Für den Konzern nicht den Hauch eines finanziellen Risikos

Döpfners Pedanterie zahlt sich aus. Ein Scheitern des Versuchs, hierzulande ins Fernsehgeschäft einzusteigen, birgt für den Konzern und dessen Aktionäre nicht den Hauch eines finanziellen Risikos. Keinen Cent wird Axel Springer verlieren, wenn Döpfner die letzte Hürde nicht nimmt. Das Verlagshaus muß freilich eine Verzinsung auf den Kaufpreis zahlen, wenn nach sieben Monaten das Geld an Saban nicht geflossen ist und das Geschäft trotzdem bestehenbleiben soll. Das engt jetzt Döpfners Handlungsspielraum ein. Am Ende aber wäre der Konzern nur um die Chance ärmer, in Deutschland weiter zu wachsen und von hier aus im Wettbewerb der weltweit größten Medienkonzerne mitzuspielen.

Döpfner ist im Geschäft längst kein Mann der großen Emotionen mehr. Vielleicht war er es einmal. Damals, als er mit einer Forderung gegen Leo Kirch den Zusammenbruch des Münchener Medienkonzerns einleitete, den er jetzt übernehmen will. Aber damals ging es um viel mehr als heute: Es ging um die Existenz eines zu der Zeit krisengeschüttelten Springer-Verlages, und es ging um seine eigene an dessen Spitze. Nervös trat er damals auf, der neuen Rolle äußerlich noch nicht gewachsen. Sein Ehrgeiz stand ihm im Gesicht geschrieben und auch die Sorge, gleich am Anfang zu versagen.

Jetzt ist es anders. Der Verlag steht wirtschaftlich hervorragend da. Mit 2005 zeichnet sich wieder ein sehr erfolgreiches Geschäftsjahr ab. Und Döpfner selbst sitzt fest im Sattel. Er ist ein Profi geworden, der sich auf Dauer wegen nicht gelungener "Deals" nicht wird verzehren können.

Flucht in Spott

Und trotzdem: Daß das Gezerre um die Zukunft des Verlagshauses in Deutschland auch an Döpfners Nerven nicht spurlos vorbeigeht, daß ihn die seiner Meinung nach fehlende Einsicht der Behörden in die Notwendigkeiten der Medienkonzerne enttäuscht, kann auch er nicht verbergen. Er spottet, nennt die DDR im Vergleich zur Kek ein geradezu "ordoliberales Paradies" und flüchtet sich in Ironie.

Trotzig lobt er seinen "Deal" mit Haim Saban, der die Nagelprobe des wirtschaftlichen Funktionierens vielleicht nicht wird bestehen müssen, weil er gar nicht erst zustande kommt. Noch einmal verweist er auf die Banken, die sich mit Finanzierungsangeboten überschlagen hätten, auf die Begeisterung der Aktionäre, "die uns eine Milliarde Cash spart", und darauf, "daß unser Börsenkurs seit Vertragsunterzeichnung um 25 Prozent gestiegen ist".

Viel verloren hat der Konzernchef in den vergangenen turbulenten Monaten nicht. Seine Aura des "Hans im Glück" hat er eingebüßt, diese Anmutung des goldenen Händchens, des Erfolgs, der sich einstellt, wenn er etwas nur anfaßt. Darauf aber hat er sich persönlich nie verlassen. Das Bestreben ist geblieben, absehbare Risiken nach Möglichkeit auszuschließen.

Döpfner hat Feinde und Neider. Ganz recht hat er allerdings nicht, wenn er beiläufig feststellt, seine Feinde würden auf seinen ersten großen Fehler warten. Sie warten nicht auf Fehler, sie wollen endlich eine Niederlage sehen.

Quelle: FAZ.NET/Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
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Jahrgang 1964, Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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