Jeder achte Bürger der Vereinigten Staaten, jeder dritte Kanadier und sogar jeder zweite Chilene gehört schon zum Reich des Mark Zuckerberg. 110 Millionen Menschen stehen in seinem sozialen Netzwerk Facebook miteinander in Kontakt, tauschen Nachrichten und Fotos aus. Einzig die Deutschen sträuben sich, obwohl die deutsche Version seit März online ist. Nur 1,2 Millionen Menschen haben sich hierzulande bei Facebook angemeldet, weil heimische Anbieter wie StudiVZ oder Wer-kennt-wen einfach schneller waren. Um das zu ändern, ist Zuckerberg nach Deutschland gekommen: „In einigen Jahren werden wir das größte soziale Netzwerk in Deutschland sein“, sagte der Gründer und Vorstandsvorsitzende im Gespräch mit der F.A.Z.
Dass StudiVZ achtmal mehr Mitglieder hat, stört ihn dabei wenig. „In Großbritannien und in Australien war MySpace zuerst auch größer. Inzwischen ist Facebook dort die Nummer eins. Wenn wir erst einmal mit einer lokalen Version online sind, wachsen wir“, sagt Zuckerberg selbstgewusst. Seit März hat sich die Zahl der Nutzer in Deutschland immerhin verdoppelt. Die deutsche Konkurrenz sollte die Kampfansage des medienscheuen Mannes im grauen T-Shirt, Jeans und Turnschuhen ernst nehmen: Nachdem der Versuch, StudiVZ zu übernehmen, offenbar gescheitert ist, hat Facebook nun seinen Konkurrenten StudiVZ kurzerhand auf Diebstahl geistigen Eigentums verklagt und gleichzeitig mit dem Aufbau eines deutschen Managements begonnen. Sogenannte Facebook-Botschafter sollen nun an den Universitäten Mitglieder werben.
Der jüngste Self-made-Milliardär aller Zeiten
Zuckerberg gilt als das Wunderkind des Internet. Mit 18 Jahren begann der Zahnarztsohn sein Informatikstudium an der Eliteuniversität Harvard, mit 20 Jahren gründete er Facebook, brach sein Studium ab und ist heute - mit 24 Jahren - laut Forbes-Liste der jüngste Self-made-Milliardär aller Zeiten. Obwohl er im Jahr 2006 (mit Rückendeckung seiner Verwaltungsräte Jim Breyer und Peter Thiel) das Übernahmeangebot von Yahoo für eine Milliarde Dollar abgelehnt hat. Stattdessen hat er Microsoft winzige 1,6 Prozent der Facebook-Anteile für 240 Millionen Dollar verkauft, was das Unternehmen theoretisch mit 15 Milliarden Dollar bewertet - theoretisch.
Denn noch hat Zuckerberg den Beweis, dass die 110 Millionen Nutzer auch zu entsprechenden Werbeeinnahmen führen, nicht erbracht. Geschätzte 250 bis 300 Millionen Dollar Werbeumsatz wird das Unternehmen in diesem Jahr erzielen - zu wenig, um profitabel zu arbeiten. „Jedes große Internetunternehmen muss seinen Weg finden, Geld zu verdienen. Wir befinden uns noch im Experimentierstadium. In drei Jahren müssen wir das optimale Modell gefunden haben. Aber heute liegt unser Fokus ganz klar auf Wachstum. Umsatz hat zweite Priorität“, sagt Zuckerberg.
Das sagen zwar alle Internetunternehmer, denen noch kein gescheites Geschäftsmodell eingefallen ist. Aber die Aussage macht trotzdem Sinn: Wegen der Netzwerkeffekte tendiert das Internet zur Bildung von Monopolen. Daher gibt es viele kleine und einige große Unternehmen; Mittelständler werden entweder groß oder wieder klein. Facebook hat als eines der wenigen Unternehmen das Potential, in die Champions League zu Google aufzuschließen. Auch die Risikokapitalgeber wissen, dass diese seltene Chance mit einer zu frühen Fokussierung auf Umsatz vergeben werden kann.
Die Werbung an die Nutzer anpassen
Immerhin hat Zuckerberg aber schon einmal eine Ahnung, wie das Modell aussehen könnte. Eine Gruppe arbeitet an einem Werbesystem, das die Werbung an den Interessen der Nutzer ausrichtet; eine andere Gruppe versucht, Werbung an persönlichen Empfehlungen im Netzwerk anzudocken. „Der Medienkonsum der Menschen ändert sich - weg von den großen Medienmarken hin zu einzelnen Personen oder Freunden. Deren Empfehlungen machen Werbung viel wertvoller“, sagt Zuckerberg. Der Empfehlung eines Freundes, der sich ein Produkt gekauft hat, glauben viele Menschen eher als der Werbebotschaft des Herstellers. Dieses Werbesystem könne auch die Internetsuche, die Google als Technik und Geschäftsmodell perfektioniert hat, eines Tages ablösen. „Die Suche wird nicht für alle Zeiten im Zentrum des Internet stehen“, hofft Zuckerberg - was sein Anteilseigner Microsoft wohl nicht gerne hören wird, denn deren Suchmaschine Live Search wird gerade in das soziale Netzwerk in den Vereinigten Staaten eingebaut.
Facebooks Popularität soll den steten Verfall des Microsoft-Marktanteils in diesem lukrativen Geschäftsfeld stoppen. Doch auch hier hat es Zuckerberg mit dem Geldverdienen nicht so eilig: „Wir arbeiten im Moment nicht sehr hart an der Suchmaschinenwerbung“, - um gleich noch eine Spitze Richtung Microsoft hinterherzuschicken. „In anderen Ländern können wir uns auch vorstellen, mit jemand anderem zusammenzuarbeiten.“ Microsoft zu drohen, das trauen sich wahrlich nicht viele.
Daran, wer der Chef ist, lässt er keinen Zweifel
Dass seine Geldgeber, vor allem einige seiner Risikokapitalgeber aus dem Silicon Valley, nicht unbegrenzt Geduld haben, zeigt die Verpflichtung der Google-Managerin Sheryl Sandberg. Sie hat das Werbegeschäft der Suchmaschine aufgebaut und ist nun dabei, Facebooks rasantes Wachstum zu managen und ein Geschäftsmodell zu entwickeln. Das Gerücht, Sandberg haben inzwischen das Sagen im Unternehmen, weist Zuckerberg schroff zurück. Auf die Frage, wer der Chef sei, wird er im Gespräch zum ersten Mal impulsiv, stößt ein schnelles und lautes „Ich“ hervor. Ohne Zuckerberg als Technik-Kopf und Zugpferd für die Community wäre Facebook heute sicher nicht dort, wo es ist. Das akzeptieren auch seine Kritiker.
Mit Sandberg ist aber ein anderer Wind ins Unternehmen gekommen - kühler, aber auch professioneller -, was offenbar nicht alle der mehr als 600 Angestellten erfreut. In den vergangenen Monaten haben viele Mitarbeiter der ersten Stunde das Unternehmen verlassen. Zuletzt Dustin Moskovitz, der zusammen mit ihm das Studentenwohnheim Facebook gegründet hat. Auch einige Neuzugänge sind schnell wieder gegangen. Ob dies alles an Sandberg liegt, darüber wird im Silicon Valley heiß diskutiert. Zuckerberg wiegelt ab: „Es gab verschiedene, persönliche Gründe für die Abgänge. Und außerdem haben wir viele Zugänge talentierter Leute. Über das Thema mache ich mir keine Sorgen“.
Tatsächlich liegt wohl vieles an Zuckerberg selbst, den Insider als egozentrisch und „nicht einfach“ beschreiben, der viel fordert und dabei auch noch seine Launen auslebt. Nicht von ungefähr erlaubt er seinen Mitarbeitern nun, einen Teil ihrer Anteile am Unternehmen zu verkaufen, um die möglicherweise sehr lange Wartezeit bis zu einem motivationsfördernden Börsengang zu überbrücken. Kaufinteressenten gibt es wohl genug - vermutlich aber nicht für eine Bewertung zu 15 Milliarden Dollar. Im Silicon Valley wird das Unternehmen zurzeit eher auf vier Milliarden Dollar taxiert.
„Wir sind keine Version von irgendetwas“
Zuckerbergs Schritte, Facebook für Nutzer außerhalb der Universitäten und die Anwendungen externer Softwareentwickler zu öffnen, haben das Wachstum enorm beschleunigt. In den vergangenen zwölf Monaten hat das soziale Netzwerk die Zahl der Nutzer um 150 Prozent gesteigert, während der Erzrivale MySpace gerade einmal 3 Prozent zugelegt hat. Auf keiner anderen Seite werden so viele Fotos hochgeladen, Nachrichten versendet oder Zusatzanwendungen programmiert. Mehr als 400.000 Entwickler erstellen inzwischen diese Applikationen, mit denen die Nutzer spielen, Musik hören oder kommunizieren können. Aber nur wenige Anwendungen überspringen die kritische Masse und bringen ihren Entwicklern genügend Werbegelder ein. „Es gibt einige Anwendungen, die genügend Aufmerksamkeit bekommen und als Geschäftsmodell taugen - zum Beispiel Spiele. Wir machen das nicht, weil es nicht zu unserem Geschäftsmodell passt. Aber einige gehen auch naiv an die Sache heran. Es reicht nicht, einfach eine Anwendung zu kopieren“, sagt Zuckerberg.
Doch worin liegt die Zukunft? Facebook als Web-Betriebssystem, in das die Nutzer ihre wichtigsten Anwendungen integrieren können und damit als zentralen Startpunkt für das Internet nutzen? „Der Begriff „Web-Betriebssystem“ ist überreizt. Das ist definitiv nicht der Weg, den ich gehen möchte“, sagt Zuckerberg. Facebook als Kommunikationszentrale, als Nachfolger für Microsoft Outlook? „Wir sind keine Version von irgendetwas“, lautet die Antwort. Immerhin: „Ja, die Nachrichtenfunktion kann die E-Mail ein Stück weit kannibalisieren“, gibt er zu. Vor allem junge Menschen schreiben heute kaum noch E-Mails, weil sie in sozialen Netzwerken kommunizieren. Aber Facebook ist nicht nur Herausforderer, sondern muss sich auch verteidigen. Zum Beispiel gehen Twitter, einen Dienst, der Kurznachrichten versendet und vor allem in der Internet-Community sehr beliebt ist. „Twitter könnte ein Konkurrent sein. Aber es ist wichtig zu wissen, dass Twitter als Facebook-Applikation gestartet ist. Sie machen einen guten Job, aber auf einem viel kleineren Niveau als Facebook“, sagt Zuckerberg. Ein Visionär ist er wahrlich nicht.
