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Mark Hurd, Hewlett-Packard-Chef „Viele Leute waren zu optimistisch“

22.07.2010 ·  Hewlett-Packard hat eine Serie von Akquisitionen hinter sich. Mit dem jüngsten Neuzugang, dem Smartphone-Hersteller Palm, hat Mark Hurd große Pläne. Die Palm-Handy-Software Web OS soll HP beim Vorstoß in den Markt für Tablet-Computer helfen. Das könnte neue Dynamik in die Branche bringen - und nicht zuletzt Microsoft betreffen.

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Mark Hurd macht kein Geheimnis mehr daraus, was für ein Handy er benutzt. „Ich habe gerade ein Palm Pre bekommen“, erzählt der Vorstandsvorsitzende des amerikanischen Technologiekonzerns Hewlett-Packard (HP) begeistert im Gespräch mit dieser Zeitung. Dieses Smartphone gehört jetzt offiziell zur HP-Familie, denn Anfang des Monats hat das Unternehmen den Kauf des Mobiltelefonherstellers Palm für rund eine Milliarde Dollar vollzogen. Nicht verraten will Hurd indessen, welches Gerät er vor dem Palm Pre hatte. War es vielleicht kein Produkt aus eigenem Hause? Das Smartphone-Geschäft von HP mit der Modellreihe „iPaq“ war nämlich bislang alles andere als vorzeigbar. Anders als in seinen meisten anderen Geschäften von Personalcomputern über Drucker und Netzwerkrechner (Server) bis zu Computerdienstleistungen, wo HP zu den ersten Adressen gehört, spielt das Unternehmen im Handymarkt bislang keine Rolle. Die Umsätze sind vernachlässigbar und schrumpfen immer weiter.

Nun soll die Akquisition einen Sprung nach vorne bringen, aber sosehr sich Hurd an seinem neuen Palm Pre erfreut: Es geht ihm bei dem Zukauf eigentlich gar nicht um die Geräte selbst. „Palm ist ein Software-Deal“, sagt er. Hurd gibt zu, dass er es vor allem auf das Betriebssystem Web OS abgesehen hat, das in den Palm-Handys zu finden ist. Diese Software soll künftig weit über Handys hinaus in vielen Produkten von HP zum Einsatz kommen. Sie soll HP zum Beispiel beim Vorstoß in den Markt für Tablet-Computer helfen, der seit dem Verkaufsstart des iPad von Apple im April ein geradezu explosionsartiges Wachstum erlebt. Aber auch in weniger offensichtlichen Produktkategorien sieht Hurd Verwendung für sein neues Betriebssystem. So setzt HP in seiner Druckersparte derzeit auf eine Serie neuer Geräte, die mit dem Internet verbunden sind und nicht mehr auf den Anschluss an einen Personalcomputer angewiesen sind. Diese Drucker brauchen eine leistungsfähigere Software, und hier könnte nach den Worten von Hurd Web OS zum Zuge kommen.

Hurd will auch in die Hardwareseite im Handygeschäft investieren

Dass HP nun ein Betriebssystem unter seinem Dach hat, bringt eine ganz neue Dynamik in das Ökosystem der Technologiebranche. Denn bislang hat sich HP bei Betriebssystemen vor allem auf den Softwarekonzern Microsoft verlassen. Dessen Betriebssystem Windows findet sich zum Beispiel auf den Personalcomputern von HP und wurde auch auf künftigen Tablets oder Slates erwartet. Microsoft-Vorstandsvorsitzender Steve Ballmer präsentierte sogar im Januar auf der Elektronikmesse CES in Las Vegas den Prototyp eines Windows-betriebenen Slate-Computers von HP. Dieses Produkt lässt aber bis heute auf sich warten.

Mark Hurd versucht, mit Blick auf das Verhältnis zu Microsoft diplomatisch zu sein: „Wir haben eine sehr enge Partnerschaft mit Microsoft, und das wird auch in Zukunft so sein.“ Er gibt aber zu, dass sich nach der Palm-Akquisition die Ausgangslage etwas verändert hat: „Wir wollen Web OS voranbringen.“ Der Schwerpunkt auf der Software wirft die Frage auf, welche Zukunft die Handys von Palm und auch die Marke Palm unter dem Dach von HP haben werden. Hurd sagt, grundsätzlich wolle er die Marke HP forcieren. Die Marke Palm müsse deswegen zwar nicht untergehen, aber sie könne in den Hintergrund rücken, zum Beispiel als eine Art Submarke, ebenso wie es zum Beispiel HP Pavilion bei Personalcomputern sei. Allgemein gibt Hurd ein klares Bekenntnis ab, auch in die Hardwareseite im Handygeschäft investieren zu wollen.

Hurd sieht HP hier so breit aufgestellt wie kein anderes Unternehmen

Palm war nur die jüngste in einer ganzen Serie von Akquisitionen für HP. Erst vor wenigen Monaten hat das Unternehmen für 2,7 Milliarden Dollar den Netzwerkausrüster 3Com gekauft und nahm damit auf diesem Gebiet den Marktführer Cisco Systems ins Visier. 2008 übernahm HP für 13 Milliarden Dollar den Computerdienstleister EDS und verstärkte sich damit im Wettbewerb mit IBM. Allen drei Neuzugängen war gemeinsam, dass ihre besten Zeiten schon weiter in der Vergangenheit liegen. Hurd betont, HP habe bei diesen wie bei allen Übernahmen strenge Kriterien angelegt, und jede Akquisition sei aus strategischen, finanziellen und operativen Gesichtspunkten sinnvoll. Er weist auch von sich, dass er sich zu viele Baustellen aufgehalst haben könnte. „Wir würden nichts kaufen, das wir nicht stemmen können.“

Die Akquisitionen sind ein Baustein in der Strategie, die Hurd unter dem Begriff „Konvergenz der Infrastruktur“ zusammenfasst. Er bezieht sich damit auf das für HP zentrale Geschäft mit Unternehmenskunden, für die er ein Rundumanbieter von Produkten sein will, die alle ineinandergreifen: Dies reiche auf der Hardwareseite von Personalcomputern über Server und Speicherrechner bis zu Netzwerkausrüstung, dazu kommen Software und Dienstleistungen. Hurd sieht HP hier so breit aufgestellt wie kein anderes Unternehmen. Seine Strategie deckt sich mit vielen anderen großen Technologiekonzernen, die in neue Gebiete vorstoßen, um eine breitere Palette aus einer Hand anbieten zu können. Etwa der Softwarekonzern Oracle, der nach der Übernahme von Sun Microsystems auch Computer im Programm hat, oder der Netzwerkausrüster Cisco, der in den Servermarkt eingestiegen ist.

HP kämpfte in seiner Druckersparte mit Engpässen auf der Lieferantenseite

Freilich gibt es in vielen dieser Segmente auch spezialisierte Anbieter, die sich selbst gegenüber den integrierten Konzernen im Vorteil sehen, etwa weil sie sich für innovationsstärker halten. Aber Hurd meint die Oberhand zu haben: „Unternehmen wollen nicht so viele Partner, denn das minimiert das Risiko und bringt mehr Verantwortlichkeit.“ Das sei nach der jüngsten Wirtschaftskrise umso mehr der Fall, die Unternehmen noch vorsichtiger gemacht habe. Ein überschaubares Netz an Partnern sorge auch für mehr Liefersicherheit. Hurd weiß, wovon er spricht, denn HP kämpfte zuletzt selbst in seiner Druckersparte mit Engpässen auf der Lieferantenseite, was dazu geführt habe, dass dem Unternehmen Geschäfte entgingen. HP ist nach den Worten von Hurd auf gutem Weg, den Engpass zu überwinden, und er übernimmt zum Teil auch selbst die Verantwortung: „Wir müssen besser dabei werden, die Nachfrage einzuschätzen.“

Zu den Partnern von HP ebenso wie von Wettbewerbern wie Dell und Apple gehört auch der Auftragsfertiger Foxconn aus Taiwan, der kürzlich nach einer Serie von Selbstmorden von Mitarbeitern wegen seiner Arbeitsbedingungen in die Kritik geraten ist. Hurd sagte, HP analysiere die Lage, und es seien zusammen mit Foxconn Änderungen implementiert worden, etwa eine Verbesserung der Wohnverhältnisse der Mitarbeiter und der Kommunikation mit dem Management. Grundsätzlich hoffe er aber, dass die Auslagerung der Fertigung an Dritte damit nicht in Frage gestellt werde. Auftragshersteller ermöglichten es HP, die Kosten variabel zu halten. Hurd nennt ein Beispiel: Wenn HP von einem Tag auf den anderen alle Umsätze in seinem Geschäft mit Personal-Computern verlieren würde, könne das Unternehmen dank Auftragsfertigung innerhalb von rund sechs Monaten alle Kosten in dem Bereich eliminieren.

„Viele Leute waren zu optimistisch“

Jenseits seines Hardwaregeschäfts hat HP in den vergangenen Jahren zunehmend auf Dienstleistungen und Software gesetzt, aber gerade diese beiden Sparten hinkten zuletzt der Entwicklung im Gesamtkonzern hinterher. Hurd weist auf die längeren Vorlaufzeiten im Servicegeschäft hin, die dafür sorgen, dass neue Aufträge sich erst nach einiger Zeit in den Umsätzen niederschlagen. Nach der EDS-Akquisition habe HP sein Dienstleistungsgeschäft neu strukturiert, und dies schlage sich erst allmählich nieder. In diesem Jahr habe sich der Auftragseingang in der Sparte bereits deutlich belebt, und im nächsten Jahr werde HP beim Umsatz stärker wachsen als der Markt. In der Softwaresparte wird HP nach Angaben von Hurd nur von älteren Produktbereichen gebremst. Die Kerngebiete, darunter Software zur Aufbereitung von Unternehmensdaten, entwickelten sich dagegen gut.

Das Umfeld für die gesamte Technologiebranche schätzt Hurd noch immer etwas zurückhaltend ein, auch wenn es zu Beginn der Quartalssaison in der vergangenen Woche positive Signale von Unternehmen wie dem Mikrochiphersteller Intel gab. „Viele Leute waren zu optimistisch und haben für 2010 die ganz große Wende erwartet. Wir waren da immer etwas vorsichtiger. Die Lage ist zwar besser als 2009, aber noch nicht so gut wie vor der Krise.“

Zur Person

Als Mark Hurd im Jahr 2005 sein Amt als Vorstandsvorsitzender von Hewlett-Packard antrat, herrschte im Unternehmen große Unruhe. Seine Vorgängerin Carly Fiorina war aus dem Amt gedrängt worden, weil der Konzern unter ihrer Führung immer wieder schlechte Ergebnisse vorlegte. Hurd war als Fiorina-Nachfolger eine überraschende Wahl, denn er war keine allzu bekannte Größe in der amerikanischen Wirtschaft. Er arbeitete vorher als Vorstandsvorsitzender des auf Geldautomaten spezialisierten Technologiekonzerns NCR, wo er 25 Jahre seines Berufslebens verbracht hatte. Hurd zeigte sich nach seinem Antritt bei HP als Zupacker und trimmte den Konzern auf Effizienz. Damit machte er Punkte im Wettbewerb mit Unternehmen wie Dell. Heute gilt der 53-Jährige als Vorzeige-Manager in der amerikanischen Technologiebranche.

Zum Unternehmen

Hewlett-Packard ist gemessen am Umsatz der größte Informationstechnologiekonzern der Welt. Mit mehr als 300 000 Mitarbeitern hat HP im Geschäftsjahr 2008/2009 (31. Oktober) einen Umsatz von 114,6 Milliarden Dollar erzielt. Das Unternehmen wurde 1939 von Bill Hewlett und Dave Packard in einer Garage im kalifornischen Palo Alto gegründet. Heute ist HP ein breit aufgestellter Technologiekonzern, der Produkte sowohl an Endverbraucher als auch an Unternehmenskunden verkauft. Zu den wichtigsten Segmenten von HP gehören Personal Computer, Drucker, Netzwerkrechner (Server), Speicherrechner, Netzwerkausrüstung und Software, außerdem hat das Unternehmen eine umfangreiche Dienstleistungssparte. HP machte in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrzehnts eine schwere Krise durch. Die Akquisition des Wettbewerbers Compaq, die im Jahr 2002 vollzogen wurde, zahlte sich lange nicht aus. Seit einigen Jahren ist HP aber wieder auf der Erfolgsspur und übertrifft mit seinen Ergebnissen regelmäßig die Erwartungen von Analysten. Im jüngsten Bericht zum zweiten Quartal des Geschäftsjahres 2009/2010 meldete HP ein Umsatzplus von 13 Prozent auf 30,8 Milliarden Dollar, der Nettogewinn legte um 28 Prozent auf 2,2 Milliarden Dollar zu.

Das Gespräch führte Roland Lindner.

Quelle: F.A.Z.
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