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Kommentar Netz-Monopole

16.04.2004 ·  Die Internet-Wirtschaft macht Entwicklungsschritte, für die andere Branchen Jahrzehnte benötigen, im Zeitraffer durch. Netzwerkeffekte fördern die Konzentration. Doch keine Regel ohne Ausnahme.

Von Holger Schmidt
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Die Internet-Wirtschaft macht Entwicklungsschritte, für die andere Branchen Jahrzehnte benötigen, im Zeitraffer durch: Auf den kometenhaften Aufstieg und die schmerzhafte Bereinigung ist die Internet-Wirtschaft in Deutschland innerhalb weniger Jahre nun ohne Übergang in eine Konzentrationsphase getreten. Viele Internet-Märkte steuern auf enge Oligopole mit wenigen marktbeherrschenden Unternehmen oder gar auf Monopole zu.

Als klares Signal für die Konzentrationswelle wachsen die Marktführer in vielen Internet-Branchen schneller als die Verfolger. Im Internet-Handel steigt die Kundenzahl von Ebay, Amazon, Karstadt-Quelle, Otto und Tchibo etwa doppelt so schnell wie bei den meisten Konkurrenten. Vor allem die großen drei aus Amerika - Ebay, Amazon und Yahoo - haben Deutschland als Wachstumsmarkt entdeckt.

Expansionsdrang in neuer Qualität

In diesem Jahr hat das Expansionsstreben der Marktführer eine neue Qualität erreicht: Ebay und Yahoo schrecken inzwischen auch vor teuren Übernahmen nicht mehr zurück, wenn sich die gewünschte Wettbewerbsposition nicht mehr mit organischem Wachstum erreichen läßt. Ebay hat sich mit Mobile eine führende Gebrauchtwagenbörse in Deutschland gekauft, und Yahoo hat in Kelkoo die dominante Preisvergleichsmaschine in Europa erworben. Auf paneuropäischer Ebene scheint kein Unternehmen in der Lage zu sein, dem Expansionsstreben der drei Internet-Musketiere auf Dauer Paroli bieten zu können.

Eine wichtige Ursache für die Konzentrationswelle liegt im Netzwerkcharakter der Internet-Märkte: Der ökonomische Wert der Verbindung mit einem Netzwerk hängt von der Zahl der Menschen ab, die schon mit diesem Netzwerk verbunden sind. Diesen Netzwerkeffekt hat der Marktplatz Ebay perfekt genutzt: Der Vorteil der Teilnahme am Ebay-Netzwerk steigt mit jedem neuen Nutzer überproportional an, weil die Wahrscheinlichkeit zunimmt, einen passenden Geschäftspartner zu finden. Folgerichtig profitiert Marktführer Ebay vom stetigen Zulauf der Nutzer, während die anderen Anbieter nach und nach vom Markt verschwunden sind. Auf Internet-Märkten, die von Netzwerkeffekten geprägt werden, wird nicht um Marktanteile, sondern um ganze Märkte konkurriert. Ebay hat diesen Wettbewerb auf vielen Feldern für sich entschieden. Das Unternehmen ist aber bislang klug genug, seine Monopolstellung nicht zu Lasten seiner Kunden auszunutzen.

Ebay taugt nicht immer zum Modell

Allerdings greift das Ebay-Modell nicht in allen Märkten. Zum Beispiel funktioniert der lukrative Handel mit Gebrauchtwagen in Deutschland nicht nach dem Ebay-Modell. Zwar sind genügend Nachfrager vorhanden, aber nur wenige Gebrauchtwagenhändler wollen sich dem Risiko einer Auktion mit ungewissem Ausgang hingeben. Die Händler drängen vielmehr in die Gebrauchtwagenbörsen im Internet, die das traditionelle Modell der Kleinanzeigen erfolgreich in das Internet übertragen hatten.

Auch in diesem Markt zeigen sich wieder Netzwerkeffekte: Ein großes Händlerangebot zieht Käufer an; viele Käufer wiederum erhöhen die Attraktivität für die Händler. Mit Hilfe dieser einfachen Netzwerk-Mechanismen haben sich Mobile und Autoscout24 als klare Marktführer in Deutschland etabliert. Die beiden Unternehmen zeigen exemplarisch die Wucht der Netzwerkeffekte: Obwohl die beiden führenden Internet-Unternehmen in Deutschland, Ebay und T-Online, viel Geld und Marktmacht eingesetzt haben, um ein eigenes Autogeschäft aufzubauen, konnten sie Mobile und Autoscout nicht mehr einholen. Als Ebay und T-Online ihre Chancenlosigkeit erkannten, haben sie ganz klassische Mittel der Konzentration eingesetzt: Ebay hat Mobile für 121 Millionen Euro übernommen, während T-Online 180 Millionen Euro für die Scout-Gruppe auf den Tisch gelegt hat.

Andere ökonomische Regeln

Selbst in den Internet-Märkten, in denen Netzwerkeffekte nicht greifen, gelten häufig andere ökonomische Regeln als auf den physischen Gütermärkten. Während die Durchschnittskosten bei physischen Produkten mit steigender Herstellungsmenge wieder zulegen, erzielen die Hersteller digitaler Produkte von Anfang an steigende Skalenerträge. Je mehr Kunden das Unternehmen gewinnt, desto günstiger kann das Produkt produziert und angeboten werden. Dieser Zusammenhang enthält eine Tendenz zu einem sogenannten natürlichen Monopol: Der Hersteller mit dem größten Marktanteil hat die geringsten Kosten und kann den Markt beherrschen. Zu beobachten ist dieser Zusammenhang zum Beispiel bei United Internet, dem mit 22.000 Netzwerkrechnern größten Speicherplatzanbieter im Internet. Aufgrund seiner geringen Kosten beherrscht das Unternehmen inzwischen den deutschen Markt und hat sich aufgemacht, auch die Märkte in England und in Amerika aufzurollen.

In der Hand weniger Unternehmen ist auch der Markt der Internet-Suchdienste. Die Suchmaschine Google hatte sich aufgrund ihrer technischen Überlegenheit schon auf den Weg zum Alleinherrscher gemacht, als Yahoo sich mit viel Geld in den Markt zurückgekauft hat. Auch der Softwarekonzern Microsoft investiert Milliarden, um endlich einen Fuß in das lukrative Geschäft mit Suchdiensten zu bekommen. Mittelfristig werden wohl diese drei Unternehmen den Markt unter sich aufteilen.

Allerdings existiert kein Automatismus zur Konzentration im Internet. Zum Beispiel spielen im lukrativen Geschäft mit Breitband-Internetanschlüssen weder Netzwerkeffekte noch steigende Skalenerträge eine bedeutende Rolle. Daß die Deutsche Telekom trotzdem den Markt dominiert, ist nicht das Ergebnis des Wettbewerbs. Vielmehr funktioniert der Wettbewerb in diesem Marktsegment bis heute nicht richtig. Änderungen der Regulierungsbedingungen könnten in diesem Jahr erstmals für einen halbwegs fairen Wettbewerb sorgen, der bereits im Vorfeld einen Ausschlag in das andere Wettbewerbsextrem zeigt: Der E-Mail-Dienst GMX verschenkt inzwischen Internet-Zugänge, um sich gegen die Konkurrenz zu behaupten.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.04.2004, Nr. 89 / Seite 13
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