Die deutschen Unternehmen der Informationstechnologie (IT) müssen am 17. Juni in Stuttgart eine wichtige Personalentscheidung treffen. Dann wird beschlossen, wer als Nachfolger des ehemaligen Giesecke & Devrient-Chefs Willi Berchtold den Branchenverband Bitkom als Präsident führen soll. Über diese Frage gibt es nicht nur hinter den Kulissen Auseinandersetzungen. In einem internen Schreiben vom Mittwoch hat der Bitkom sogar darauf hingewiesen, daß der Präsident in einem demokratischen Prozeß gewählt wird. Der Verband reagierte damit auf eine Meldung, Jörg Menno Harms, der ehemalige Deutschlandchef des amerikanischen Computerherstellers Hewlett-Packard (HP), stehe schon als nächster Bitkom-Präsident fest. Vielmehr ist aus Verbandskreisen zu hören, daß es gegen Harms, der bis Ende 2004 an der Spitze von HP Deutschland gestanden hat, zum Beispiel vom bedeutenden Bitkom-Mitglied Siemens Vorbehalte gibt.
Siemens möchte offenbar einen deutschen Manager an der Spitze sehen, der nicht Statthalter eines amerikanischen Technologiekonzerns ist. Ein weiteres wichtiges deutsches Bitkom-Mitgliedsunternehmen bevorzugt einen Manager, der noch operative Verantwortung trägt. Wie zu hören ist, strebt der amtierende Präsident Berchtold eine Lösung an, die eine breite Akzeptanz innerhalb der Bitkom-Mitgliedsunternehmen hat und geht davon aus, daß diese Lösung auch gefunden wird.
Vom Bitkom selbst war zu den Diskussionen keine offizielle Stellungnahme zu erhalten, was ebenfalls darauf schließen läßt, daß es sich bei der Personalie Harms um alles andere als eine ausgemachte Sache handelt. Grundsätzlich könne in den Gremien bis zum Tag der Wahl ein Gegenkandidat vorgeschlagen werden, hieß es. Harms selbst war am Mittwoch zu einer persönlichen Stellungnahme nicht bereit und verwies seinerseits auf die Bitkom-Geschäftsführung.
In einem Gespräch mit dieser Zeitung hatte zuvor August-Wilhelm Scheer, Professor der Wirtschaftsinformatik sowie Gründer und Aufsichtsratsvorsitzender der IDS Scheer AG in Saarbrücken, darauf hingewiesen, daß der Bitkom-Vorstand nicht von Vertretern ausländischer Unternehmen dominiert werden solle (F.A.Z. vom 17. Mai). Die Deutschen in der Führung des Bitkom müßten mit den Vertretern der ausländischen Unternehmen auch künftig ein Team auf Augenhöhe bilden. Dem Bitkom würde Scheer offenbar einen größeren Einfluß auf die Politik zutrauen, würde auch weiterhin ein Vertreter eines deutschen Unternehmens an der Spitze stehen.
Bei manchen waren diese Worte als Wahlkampf in eigener Sache aufgefaßt worden, obwohl Scheer im Gespräch nicht angedeutet hatte, das Amt des Bitkom-Präsidenten selbst anzustreben. Scheer habe auch nicht den "Stallgeruch", über den Harms verfüge, heißt es nun. Andererseits werden Scheers Argumente offenbar sogar von Unternehmen wie Microsoft und IBM grundsätzlich unterstützt. Wie zu hören ist, kann auch SAP den Gedanken seines Aufsichtsratsmitglieds Scheer viel Sympathie abgewinnen.
Der Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien (Bitkom) ist das Sprachrohr der IT-, Telekommunikations- und Neue-Medien-Branche in Deutschland. Der Bitkom steht mit seinen Mitgliedern für 90 Prozent eines Markts, der nach der Ansicht von Scheer, ebenso wie andere innovative Industrien in Deutschland, eine bessere Begleitung durch die Politik verdient hätte. Berchtold, der den Bitkom mit gründete und seit Juni 2003 als Präsident führt, steht nach seinem Wechsel in den Vorstand des Automobilzulieferers ZF Friedrichshafen GmbH nicht mehr für das Amt des Präsidenten zur Verfügung. (Kno.)