17.12.2006 · Die Führungskräfte und Forscher aus der Informationstechnologie treffen sich mit Bundeskanzlerin Angela Merkel zum sogenannten IT-Gipfel. Doch das Treffen muß erst noch beweisen, daß es mehr als ein Kaffeekränzchen im Advent ist.
Von Carsten KnopAn diesem Montag treffen sich Führungskräfte und Forscher aus der Informationstechnologie mit Bundeskanzlerin Angela Merkel zum sogenannten IT-Gipfel. Schon seit der Computermesse Cebit im vergangenen Frühjahr bereitet sich die Industrie auf dieses Ereignis vor. In Hannover wurde der Besuch der Kanzlerin von den Branchenvertretern begeistert begleitet, Merkel für ihr technisches Verständnis gelobt.
Eine klare Botschaft an die Kanzlerin gibt es mit Blick auf das Treffen trotzdem nicht. Die Wunschlisten sind zwar umfassend, doch statt konkreter, nachvollziehbarer und in ihrer Umsetzung überprüfbarer Forderungen verliert sich die Industrie in Allgemeinplätzen. Auch für das berechtigte Anliegen, betriebliche Arbeitszeiten stärker im Unternehmen regeln zu dürfen, müßte man in dieser Runde nicht zusammenkommen. Damit verkauft sich die Branche unter Wert.
Branche müßte großen Einfluß haben
Denn die Informationstechnologie ist die Zukunftstechnik schlechthin. Derzeit beschäftigt die Branche in Deutschland rund 750.000 Mitarbeiter. Nur wenige Industrien haben eine so große Querschnittsfunktion, finden so umfangreich Eingang in die Produkte anderer Branchen.
Besonders hervorzuheben sind der Maschinenbau und die Automobilindustrie, zwei Gebiete, die das Wohl und Wehe der deutschen Wirtschaft bestimmen. Durch Innovationen in der IT-Branche wird ein Strukturwandel angestoßen, der kaum einen Bereich in Wirtschaft und Gesellschaft unberührt läßt. Theoretisch müßte die Branche deshalb großen Einfluß haben und in der Formulierung ihrer Wünsche an die Politik alles andere als zurückhaltend sein.
Chancen beim „E-Government“
Auch gäbe es genügend Gebiete, auf denen Deutschland noch eine Chance hat, sich in der ansonsten von den Amerikanern dominierten Informationstechnologie an die Spitze zu setzen. Dazu zählen unter anderem Telematikanwendungen zur Verkehrssteuerung oder das elektronische Funketikett. Das gilt aber auch für die eingebettete Software, die zum Beispiel zur Steuerung von Maschinen verwendet wird.
Zunehmende Bedeutung gewinnt darüber hinaus das „E-Government“, also die Vereinheitlichung der noch immer völlig zusammenhanglosen und unterschiedlichen öffentlichen IT-Strukturen. Hinzu kommen öffentliche Projekte wie die elektronische Gesundheitskarte oder der digitale Reisepaß.
Programm zementiert ein „Weiter so“
Ideal wäre es deshalb, wenn sich der Staat, so er schon fördert, mit seinen Geldern auf einige dieser Gebiete konzentrieren und nachprüfbare Ziele definieren könnte, wenn es bei der Entwicklung der ohnehin schon verspäteten elektronischen Gesundheitskarte keine weiteren Verzögerungen mehr gäbe und sich die Unternehmen der Branche besonders auf diesen Zukunftsgebieten stärker gegenseitig befruchteten.
Die Bundesregierung hat zur Vorbereitung des IT-Gipfeltreffens zwar ein Aktionsprogramm mit dem Titel „Informationsgesellschaft 2010“ vorgelegt. Doch gibt dieser Text wenig Grund zur Hoffnung, das Treffen könnte einen echten Fortschritt bringen. Das Programm speist sich aus bekannten Ansätzen und Vorhaben. Es steht deshalb nicht für eine Neuausrichtung der Innovationspolitik, es zementiert ein „Weiter so“, und es ist kein Konzept aus einem Guß.
Ruf nach einer Allianz deutscher Softwarehersteller
Die Industrie hat unterdessen große Schwierigkeiten, ihre Meinung in einer vernehmbaren, einheitlichen Stimme zu bündeln. Die in ihren mittelständischen Strukturen zersplitterte deutsche Softwareindustrie ist technisch zwar auf der Höhe der Zeit, aber die Unternehmen fallen im Vergleich zum Branchenriesen SAP in der öffentlichen Wahrnehmung kaum ins Gewicht.
Der Ruf nach einer Allianz deutscher Softwarehersteller wird lauter, erscheint aber auf den ersten Blick kaum erfolgversprechend. Auch die Zahl der ernst zu nehmenden deutschen Hardwarehersteller ist überschaubar. Die amerikanischen Großkonzerne wie IBM und Hewlett-Packard haben zwar große deutsche Tochtergesellschaften und eine lange Tradition im Land. In der Lobbyarbeit für die deutschen Vertreter der Branche haben sie aber ein Glaubwürdigkeitsproblem.
„Serviceorientierten Softwarearchitekturen“
In Amerika hat die Industrie einen völlig anderen Stellenwert, gehen die Vorstandsvorsitzenden der Branche beim Präsidenten ein und aus. Das „IT-Gipfeltreffen“ hingegen muß erst noch beweisen, daß es mehr als ein einmaliges Advents-Kaffeekränzchen ist. Für den Laien erscheint es ohnehin fragwürdig, wie eine solche Zusammenkunft auch nur annähernd die vielen Themen abdecken kann, die die Branche antreiben.
Und selbstverständlich birgt die Konzentration auf ausgewählte Gebiete die Gefahr, andere Aspekte sträflich zu vernachlässigen, etwa die Biometrie oder die sogenannten „serviceorientierten Softwarearchitekturen“, die ebenfalls viele Chancen bieten.
Für jeden Schüler einen Notebook
Vielleicht wäre deshalb am einfachsten, das Gipfeltreffen zu einer regelmäßigen Einrichtung zu machen und sich zunächst auf den Fachkräftemangel zu konzentrieren, den die Branche seit einiger Zeit beklagt. Hier gibt es denn auch eine sehr konkrete Forderung des Branchenverbandes Bitkom: Schon die Schulen sollen durch moderne Unterrichtskonzepte, mehr Praxisbezug und eine bessere Ausstattung mit Computern und Internetzugängen Begeisterung für technische Themen bei Schülerinnen und Schülern wecken.
Von der fünften Klasse an soll jeder Schüler ein Notebook haben; dessen Anschaffung soll steuerlich gefördert werden. Um die Notebooks didaktisch sinnvoll im Unterricht einzusetzen, soll die Aus- und Weiterbildung der Lehrer verbessert werden. Dagegen gibt es nichts einzuwenden. Auch hier ist Amerika längst weiter.
Carsten Knop Jahrgang 1969, Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für die Unternehmensberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.
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