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IT-Branche Vom Gipfeltreffen in die Talfahrt

19.11.2008 ·  Erst Banken, dann Autos und schließlich die Hightech? Sind als nächstes die deutschen IT-Unternehmen von der Krise betroffen? An diesem Donnerstag trifft sich die Branche zum IT-Gipfel. Heitere Stimmung wird dabei nicht erwartet.

Von Stephan Finsterbusch
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Erst Banken, dann Autos und schließlich die Hightech? Wenn Bundeskanzlerin Angela Merkel am Donnerstag den dritten nationalen IT-Gipfel in Darmstadt eröffnet, dürfte sie in nicht allzu viele heitere Mienen blicken. Denn den Vorständen führender deutscher Unternehmen wie SAP und Infineon steht die Angst vor einer lang anhaltenden Rezession, einer Deflation und Branchenkrise im Gesicht geschrieben. Nachdem das Beben an den Börsen lange Zeit den Sektor verschonte und Kunden in aller Welt unverdrossen Laptopcomputer, Videokameras und Mobiltelefone kauften, lässt es nun auch viele Hardware- und Softwarehersteller schwer erzittern – in Deutschland und der Welt.

„Es ist, als sei im Oktober irgendwo von irgendjemand ein Schalter umgelegt worden“, erklärte Robert Barbera, Analyst der Investment Technology Group. Aufträge werden storniert, Bestellungen abgesagt. Einige Konzernvorstände rechnen bereits mit Umsatzeinbrüchen, die tiefer gehen als in der Branchenkrise im Jahr 2001. „Ich bin jetzt 26 Jahre in dem Job“, erklärte Henning Kagermann, Vorstandschef der deutschen SAP AG, „doch so etwas habe ich noch nie erlebt.“ In der Geschichte sei das bislang einzigartig, ließ sich auch William Coleman, einst Gründer von BEA Systems und heute Chef des Start-up Cassatt, vernehmen. Denn die Nachfrage scheint schneller zurückzugehen, als noch vor wenigen Wochen zu erwarten war.

Auch die Zulieferer wird es treffen

Siemens steigt nach den bereits vollzogenen Rückzügen aus dem Chip- und Handygeschäft nun auch aus dem Bau von Computern aus, verkauft seine Anteile an FSC dem japanischen Partner Fujitsu und gibt als letzter bedeutender europäischer Hersteller das Computergeschäft auf, da der Vorstand in München meint, dem harten Preiskampf nicht mehr standhalten zu können. Die chinesische Lenovo-Gruppe verbuchte gerade einen Gewinnrückgang von knapp 80 Prozent. Für einige Modelle des Herstellers Dell werden Preisnachlässe von bis zu 30 Prozent angeboten. Vergangene Woche hatten der Chiphersteller Intel und der Handybauer Nokia vor drastischen Absatzrückgängen gewarnt. SAP und Oracle halten sich mit detaillierten Prognosen zurück. Die Halbleiterhersteller Infineon und Qimonda stehen seit Monaten mit dem Rücken zur Wand. Der japanische Elektronikriese Sony halbierte die Gewinnprognose. Sharp und Panasonic fahren im Vorweihnachtsgeschäft die Produktion von Flachbildschirmen zurück.

Das wird Zulieferer wie die deutsche Merck KGaA treffen und Spuren auf den Arbeitsmärkten hinterlassen. Die ersten Auswirkungen sind bereits zu sehen: Die kanadische Nortel-Gruppe streicht 2500, British Telecom 10.000, der amerikanische Hersteller von Netzwerkrechnern Sun Microsystems 6000 Stellen. „Wir passen uns den wirtschaftlichen Realitäten an“, erklärte Vorstandschef Jonathan Schwartz lapidar. Die internationale Branche der Informations- und Kommunikationsanbieter setzt nach Angaben von Forrester Research im Jahr 1,5 Billionen Euro um. Das Analystenhaus Moody’s sieht die Hälfte aller Investitionsausgaben der global arbeitenden Unternehmen allein in neue Technologien fließen. Doch mehr als 40 Prozent der großen Firmen in Nordamerika und Westeuropa haben nach Erhebungen von Forrester ihre IT-Budgets für das laufende Jahr gekürzt.

Die Branche beschäftigt in Deutschland 830.000 Menschen

Das wird um Deutschland keinen Bogen machen. Hierzulande beschäftigt die Branche fast 830.000 Menschen. Sie hat ein Marktvolumen von 145 Milliarden Euro und zählt zu den wichtigsten Impulsgebern für die deutsche Forschung und Entwicklung. In den vergangenen zwei Jahren investierten viele deutsche Industrieunternehmen verstärkt in ihre technische Infrastruktur. Im Zentrum standen die Autobauer. Davon zehre der deutsche Hightech-Mittelstand derzeit noch. Für das kommende Jahr rechnen bereits mehr als 40 Prozent der Firmen zumindest mit weniger Umsatz. Großkunden wie die Autobauer Daimler, Volkswagen und BMW treten mit ihren Kosten hart auf die Bremse. Die Unsicherheit unter den IT-Anbietern nimmt zu. Wie in Washington und Tokio dürfte das auch in Berlin bald die Rufe nach Fiskalhilfen lauter werden lassen.

Während für Finanzhäuser wie die Commerzbank ein engmaschiges staatliches Auffangnetz geknüpft wurde und der Autobauer Opel die Verhandlungen mit dem Bundeskanzleramt über eine milliardenschwere Bürgschaft sucht, gibt sich der deutsche Branchenverband Bitkom noch immer gelassen. Hatten doch in einer repräsentativen Umfrage im Vorfeld des anstehenden IT-Gipfels 72 Prozent der Firmen erklärt, bislang keine Auswirkungen der Krise zu spüren. „Die deutsche Hightech-Industrie sieht auch in Zeiten des konjunkturellen Abschwungs Chancen für innovative Technologien“, erklärte Bitkom-Präsident August-Wilhelm Scheer. Die Branche hat seinen Worten zufolge das Ziel, gestärkt aus der Krise hervorzugehen.

Verband fühlt sich von der Politik allein gelassen

Allerdings fühlt der Verband die Hightech von der Politik etwas stiefmütterlich behandelt. Nachdem er zur Besetzung Zehntausender offener Stellen schon seit Jahren die Erleichterung des Zuzugs ausländischer Fachkräfte nach Deutschland gefordert hatte und von den Entscheidungen in Berlin immer wieder enttäuscht wurde, sieht er sich nun auch von den steuerlichen Anreizen des Konjunkturpakets der Bundesregierung ausgegrenzt. Das Kabinett plane die Wiedereinführung der degressiven Abschreibung für bewegliche Wirtschaftsgüter. Damit wolle es Investitionen anregen. Doch immaterielle Güter wie Software zählten nicht dazu. Investitionen in Software und damit verbundene IT-Dienste sollten nach Einschätzung der Bitkom den Investitionen in Maschinen, Geräte oder Fahrzeuge steuerlich gleichgestellt werden.

Darüber hinaus sollten wie in den Vereinigten Staaten und Japan Investitionen in Forschung und Entwicklung steuerlich erleichtert werden. Hier sei die Regierung mit Bundeskanzlerin Merkel gefordert. Unterdessen tun Geschäftsführungen und Vorstände der Unternehmen das, was sie ihrerseits unternehmen können: Sie machen ihre Bilanzen wasserdicht. Karl Heinz Streibich von der Darmstädter Software AG kündigte nach den abermals deutlichen Ergebnissteigerungen im dritten Quartal dieses Geschäftsjahres an, die Nettoverschuldung auf null zurückzufahren. Henning Kagermann von SAP hat seinem Konzern das gleiche Ziel verpasst. Diese Taktik hatten japanische Konzerne wie Sharp, Canon oder Sony Anfang des Jahrzehnts gewählt, um auf dem Heimatmarkt heil durch die Deflation zu kommen.

Das nehmen sich auch amerikanische Firmen zum Vorbild. Der Vorstand von Cisco hat 27 Milliarden Dollar in der Kasse liegen, bei Apple sind es 24 und bei Google 14 Milliarden Dollar. So hoffen sie, dem an Geschwindigkeit rasant gewinnenden Abschwung für ihre Konzerne zumindest etwas entgegensetzen zu können. Auch Washington wird nicht abseitsstehen. Samuel Palmisano, Chef der gewinnreichen IBM-Gruppe, hat gerade ein milliardenschweres Staatsprogramm für die Elektroindustrie angeregt, das dem New Deal der dreißiger Jahren ähnelt und den amerikanischen Konzernen im globalen Wettbewerb kräftige Impulse geben soll. Berlin dürfte sich hier gefordert sehen. Die Bitkom verlangt bereits eine Modernisierung der öffentlichen Verwaltungen, des Gesundheitssystems und des Bildungswesens. Das würde der IT-Branche neue Aufträge bringen. Die hat sie nötig. Denn nach dem Gipfeltreffen von Darmstadt könnte sie rasch auf eine lang anhaltende Talfahrt gehen.

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