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IT-Branche Es muss nicht immer Indien sein

08.10.2007 ·  In der Computerbranche galt noch vor kurzem als rückständig, wer nicht nach Indien ging. Jetzt dreht sich die Stimmung. Die Löhne steigen rapide auf dem Subkontinent. Und die Unternehmen zieht es zurück ins Silicon Valley.

Von Roland Lindner
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Munjal Shah hat genug von Indien. Vielleicht wäre es anders, wenn er Bill Gates hieße. Der von Gates gegründete Softwarekonzern Microsoft ist in Indien nämlich das Maß aller Dinge. In seiner amerikanischen Heimat mag sich Microsoft schwertun, gute Softwareentwickler anzuheuern. Die gehen nämlich lieber zu angesagteren Konkurrenten wie dem Internetgiganten Google oder zu einem jüngeren Gründerunternehmen, wo die Aussicht lockt, bei einem Börsengang einmal mit Aktienoptionen reich zu werden. Dagegen sind in Indien die großen, etablierten Adressen wie Microsoft oder auch IBM die begehrtesten Arbeitgeber.

Das kann die seltsamsten Blüten treiben. Wie im Fall des Chefs eines kleinen amerikanischen Technologieunternehmens, das einen Softwarespezialisten von Microsoft abwerben wollte. Der Umworbene hatte aber Angst, die Eltern seiner Verlobten könnten den Wechsel missbilligen - und die geplante Hochzeit platzen lassen. Eine wahre Begebenheit, die sich bei einem befreundeten Unternehmer abgespielt hat, wie Munjal Shah beteuert.

Die Kosten in Indien sind regelrecht explodiert

Ebenso wie sein Kollege ist Shah nun einmal nicht Bill Gates. Er hat ein kleines, auf Internetsuche spezialisiertes Unternehmen mit 40 Mitarbeitern in San Mateo in der kalifornischen Technologiehochburg Silicon Valley mit dem Namen Riya. Vor gut zwei Jahren machte er eine Niederlassung im indischen Bangalore auf. Wie so viele andere amerikanische Wettbewerber trieb auch ihn der vermeintlich unbegrenzte Zugriff auf billige und gleichzeitig bestens ausgebildete Arbeitskräfte nach Indien. Aber die Rechnung ging nicht lange auf: Der Kampf um qualifizierte Mitarbeiter hat sich in den vergangenen Jahren dramatisch verschärft, und die Kosten sind regelrecht explodiert. Shah hat die Konsequenzen gezogen und die Niederlassung in Indien dichtgemacht. Heute hat er wieder alle seine Softwarespezialisten um sich in der Zentrale im Silicon Valley versammelt.

Einmal Indien und wieder zurück, damit ist Munjal Shah nicht allein. Auch Steve Lewis vom Technologieunternehmen Teneros in Mountain View hat sein Intermezzo in Indien beendet - und sieht sich damit in guter Gesellschaft: „Ich höre das im Moment ständig von anderen Unternehmern auf Cocktail-Partys. Die Leute sind nicht mehr allzu gut auf Indien zu sprechen. Mittlerweile kenne ich bestimmt eine Handvoll Unternehmen, die ihre indischen Standorte geschlossen und die entsprechenden Aktivitäten zurückgebracht haben“, erzählt er.

„Wenn man nicht nach Indien ging, galt man als Idiot“

Noch vor ein paar Jahren wurde auf diesen Cocktail-Partys freilich ganz anders geredet: „Indien war das Zauberwort schlechthin. Und wenn man nicht nach Indien ging, dann galt man als Idiot“, sagt Lewis. Zunächst verlagerten insbesondere die großen Adressen der amerikanischen Technologiebranche Aktivitäten nach Indien. Erst waren es vor allem Call-Center (häufig von lokalen Partnern betrieben), dann zunehmend auch Forschungs- und Entwicklungszentren, die hochqualifiziertes Personal benötigen. Konzerne wie IBM und Cisco überschlugen sich mit Ankündigungen von immer neuen Milliardeninvestitionen in Indien. Ihnen folgten auch kleinere Unternehmen wie Riya. In Amerika ließ der Marsch nach Indien die Alarmglocken schrillen und weckte Angst vor dem Verlust von vielen Arbeitsplätzen.

Für Munjal Shah, selbst ein gebürtiger Inder, ließ sich das Experiment in seinem Heimatland zunächst gut an: „Wir haben Top-Leute mit Abschlüssen von Top-Universitäten und fünf bis zehn Jahren Berufserfahrung angeheuert - für 25 Prozent der Kosten, die wir im Silicon Valley gehabt hätten.“ Das war bei der Eröffnung der Niederlassung im Jahr 2005, sollte sich aber schnell ändern. Das Gehaltsniveau stieg drastisch an, und Shah musste seinen Mitarbeitern immer mehr Geld zahlen, um sie nicht zu verlieren - zumal er sich als kleines Unternehmen ohnehin in einer schwächeren Ausgangsposition sah: „Mitte 2006 waren wir in Indien bei 50 Prozent des amerikanischen Niveaus, und in diesem Jahr waren es 75 Prozent.“

„Man steckt doch mehr Geld rein als man denkt“

Auf einmal war der Kostenvorsprung für ihn nicht mehr groß genug. Umso mehr, weil die Niederlassung in Indien auch einige Beschwerlichkeiten mit sich brachte: Die Zeitverschiebung zwischen Kalifornien und Indien von 13,5 Stunden machte nächtliche Telefonkonferenzen nötig und sorgte für Reibungsverluste in der Kommunikation. Amerikanische Mitarbeiter waren ständig auf Reisen nach Indien. Shah machte dem Ganzen ein Ende und brach die Zelte in Indien wieder ab.

Auch Teneros-Chef Lewis hat kapituliert, nachdem sich seine Hoffnung auf niedrigere Kosten in Indien nicht erfüllt hat: Sein Unternehmen, ein Spezialist für Technologien zur Datensicherung, hatte zeitweise 40 Menschen, die bei einem indischen Outsourcing-Spezialisten für Teneros arbeiteten. „Auf dem Papier sah das alles zunächst wunderbar billig aus. Aber dann steckt man doch mehr und mehr Geld rein, als man denkt“, sagt er.

Zum Beispiel, weil die Produktivität in Indien niedriger sei: „Bei vielen Indern geht es im Job doch ein bisschen nach Schema F, vor allem bei den Drittunternehmen. Im Silicon Valley arbeiten dagegen alle wie Besessene.“ Außerdem wechseln Inder immer schneller den Job: „Wir hatten eine Fluktuation von 30 Prozent im Jahr. Ich kenne Unternehmer, bei denen waren es sogar 100 Prozent.“ Lewis zieht ernüchtert das Fazit: „Wenn man all diese Faktoren mit einberechnet, kommt man sehr schnell nicht mehr auf einen Stundenlohn von 15 bis 20 Dollar, sondern von bis zu 70 Dollar - und damit ist man dann schon auf dem Niveau vom Silicon Valley.“ Lewis zog die Konsequenzen, und heute sind alle 75 Mitarbeiter seines Unternehmens wieder in Mountain View.

Größerer Pool von qualifizierten Arbeitskräften

Die Schwierigkeiten von Riya und Teneros sind nicht eins zu eins auf die ganz großen amerikanischen Technologiekonzerne wie IBM und Cisco und deren indische Niederlassungen übertragbar. Riya-Gründer Shah sieht sich als Sonderfall, weil sein Unternehmen besonders qualifizierte und spezialisierte Mitarbeiter mit langer Berufserfahrung brauche. Um diese Leute gebe es die größte Konkurrenz, und daher seien hier auch die Gehaltssprünge am größten. „Die Großkonzerne können viel eher Hochschulabgänger nehmen, die im Vergleich zu Amerika noch immer deutlich billiger sind, und sie dann für ihre Zwecke weiter ausbilden. Wir können uns das nicht leisten, weil wir gestandene Experten brauchen.“

Daher ist bei den Großkonzernen auch nichts von Rückzugsplänen zu hören. Der Netzwerkausrüster Cisco Systems hat heute 3000 Beschäftigte in Indien und will in drei bis fünf Jahren auf 10.000 kommen. IBM ist heute der mit Abstand größte amerikanische Technologiekonzern in Indien und hat 53.000 Mitarbeiter. Der bei IBM für das Dienstleistungsgeschäft zuständige Per Larsson gibt aber zu, dass der Kostenvorteil „ganz schön klein“ geworden sei. „Der wichtigste Grund für eine Präsenz in Indien sind nicht mehr die Kosten“, meint auch Leo Scrivner, Personalmanager bei Cisco in Bangalore. Indien sei attraktiv, weil es hier einen größeren Pool an qualifizierten Arbeitskräften gebe als anderswo, zum Beispiel jedes Jahr 500.000 neue Technologiespezialisten frisch von der Universität.

Inder reichen jetzt die Arbeit an andere Länder weiter

Freilich wird um diesen Talentpool immer härter gekämpft, wie Scrivner zugibt. Es gibt auch Beispiele von größeren Unternehmen, die sich anderswo umsehen. Der Chiphersteller Intel hat sich zuletzt bei der Auswahl neuer Produktionsstandorte für Vietnam und China entschieden, während Indien das Nachsehen hatte. Sogar einige der großen indischen Outsourcing-Spezialisten bauen mittlerweile verstärkt Aktivitäten im Ausland auf.

Der Technologiedienstleister Tata Consultancy hat im Mai mitgeteilt, eine Niederlassung im mexikanischen Guadalajara zu eröffnen, die in den kommenden Jahren mehrere tausend Menschen beschäftigen soll. Der Wettbewerber Infosys hat im April den Ausbau seines Standorts im tschechischen Brünn angekündigt. Outsourcing erreicht so eine ganz neue Stufe: Nachdem erst Unternehmen aus westlichen Industrienationen Aktivitäten nach Indien verlagert haben, reichen die Inder die Arbeit jetzt an andere Länder weiter. Die indischen Outsourcing-Unternehmen wie Infosys leiden in ihrer Heimat im Moment auch darunter, dass die eigene Währung so stark im Wert zugelegt hat. Die Unternehmen bezahlen ihre Mitarbeiter in Rupien, die Einnahmen von den vornehmlich amerikanischen Kunden kommen aber in Dollar.

Der „Brain Drain“ hört auf

Riya-Chef Shah meint aber, man müsse sich um Indien keine Sorgen machen. Dass Indien nicht mehr das Billiglohnland von einst ist, habe auch viel Gutes. „Es führt dazu, dass die besten Leute im Land bleiben und der ,Brain Drain' aufhört, den Indien lange hatte. Ich kenne sogar immer mehr Beispiele von Leuten, die von Amerika nach Indien zurückkommen.“

Und weil gute Leute begehrt sind, hielt sich auch die Betroffenheit bei den entlassenen Mitarbeitern in Grenzen, als Shah seine Niederlassung dichtmachte: „Kein Einziger hat hart um einen neuen Job kämpfen müssen. Einige haben sich erst einmal zurückgelehnt und einen längeren Urlaub gemacht. Sie wussten schließlich, dass sie sofort wieder etwas finden, wenn sie wollen.“

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 07.10.2007, Nr. 40 / Seite 36
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