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„IPv6-Tag“ Das Internet probt die Revolution

An diesem Mittwoch wird eine Revolution im Internet eingeläutet. Damit es weiter wachsen kann, reichen die 4,3 Milliarden Adressen nicht mehr aus. Am „IPv6-Tag“ wird das neue Protokoll getestet, das dem Netz quasi unendlich viele Adressen gibt.

© Jens Gyarmaty Vergrößern Am Mittwoch wird getestet, ob alle Geräte das Protokoll IPv6 verstehen

„Das Internet war ein Experiment. Wir haben damals nicht damit gerechnet, dass 4,3 Milliarden Adressen nicht reichen“, sagt Internet-Pionier Vint Cerf, der 1973 zusammen mit Bob Kahn das Internet-Protokoll TCP/IP erfunden hat. Die 4,3 Milliarden Adressen in der damals wie heute verwendeten Version vier des Internet-Protokolls (IPv4) schien den Pionieren, die nur einige Universitäten und militärische Einrichtungen miteinander verbinden wollten, durchaus ausreichend. Mit dem rasanten Wachstum des Netzes seit Anfang der neunziger Jahre konnten die Forscher damals nicht rechnen.

Jetzt hat das Internet etwa 2 Milliarden Nutzer in aller Welt und die Adressen, die an Internetrechner oder sonstige Geräte im Netz für eine eindeutige Identifizierung vergeben wurden, sind aufgebraucht. In Asien werden jetzt schon keine neuen Adressen mehr vergeben; in Europa wird es wohl am Jahresende soweit sein.

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Nur 0,05 Prozent sollten Schwierigkeiten bekommen

Soll das Internet weiter wachsen, müssen zusätzliche Adressen her. Diese Erkenntnis hatte die Internet Engineering Task Force, die sich mit der technischen Weiterentwicklung des Netzes beschäftigt, schon 1995. Das Gremium begann mit der Arbeit an der Nachfolgeversion IPv6, die schließlich 1998 verabschiedet wurde. IPv6 soll reichen, damit dem Internet niemals mehr die Adresse ausgehen. Daher hat die neue Version IPv6 340 Sextillionen Adressen (340 plus 36 Nullen).

Damit die Umstellung möglichst reibungslos funktioniert, sind viele Internetunternehmen der Initiative der Internet-Society (Isoc) gefolgt und haben den 8. Juni zum „IPv6-Tag“ ausgerufen. An diesem Tag soll 24 Stunden lang getestet werden, ob alle Geräte im Internet mit dem neuen Protokoll noch funktionieren. Das sollte für alle modernen Geräte kein Problem sein, aber Computer mit sehr alten Betriebssystemen oder Netzwerkkomponenten wie Router mit nicht mehr aktueller Software (Firmware) könnten im Internet nicht mehr erreichbar sein. Nur etwa 0,05 Prozent aller Internetnutzer werden Schwierigkeiten bekommen, wird geschätzt.

„Viele Unternehmen meinen, noch genügend Adressen zu haben“

Am IPv6-Tag werden viele große Internet-Unternehmen wie Google, Yahoo und Facebook sowie Netzbetreiber wie die Telekom oder Telefónica für einen Tag das alte und das neue Protokoll parallel laufen lassen, um auftretende Probleme zu erkennen. „Dann wird sich zeigen, ob die Router oder Computer in der Lage sind, mit IPv6 umzugehen. Die meisten modernen Geräte können mit beiden Standards umgehen, aber ironischerweise haben die Internet-Serviceprovider IPv6 einfach noch nicht angeschaltet. Sie sind der Flaschenhals“, warnt Cerf, der heute als „Chief Internet Evangelist“ für Google arbeitet. Google gehört mit anderen Internetunternehmen zu den treibenden Kräften hinter der IPv6-Einführung.

Viele Unternehmen haben allerdings keine besondere Eile bei dem Thema: Von den 100 größten Unternehmen in Deutschland haben nur 15 zugesagt, sich an dem Test zu beteiligen, sagte Harald Sack, Forscher am Hasso-Plattner-Institut und Generalsekretär des deutschen IPv6-Rats, dieser Zeitung. „Viele Unternehmen meinen, noch genügend Adressen zu haben. Dabei steigt der Bedarf schnell an, wenn künftig auch Handys, Haushaltsgeräte oder alle Computer im Auto eine Internet-Adresse gekommen“, sagte Sack.

„Internet der Dinge“

Denn IPv6 wird das „Internet der Dinge“ vorantreiben, wenn nicht nur Menschen, sondern auch Maschinen miteinander über das Internet kommunizieren. Die Steuerung des Heizkörpers zuhause per Handy oder die Kommunikation zwischen Automotor und der Werkstatt werden bald Realität. Dafür werden aber die neuen Adressen gebraucht. „Ich rechne mit intelligenten Häusern, vernetzter Kleidung mit eingebauten Instrumenten, die Körperfunktionen überwachen können. Autos, alle Dinge, die wir mit uns herumtragen, die Ausrüstung im Büro - all dies wird Teil des Internet“, sagt Cerf.

Bevor es soweit ist, muss erst die Umstellung auf IPv6 gelingen. Sollten Nutzer Schwierigkeiten haben, die am Probelauf teilnehmenden Internetseiten aufzurufen, ist dies in den meisten Fällen auf die Konfiguration des Heimnetzwerkes zurückzuführen. Internetnutzer können ihre Verbindung am Mittwoch auf der Seite test-ipv6.com testen, um dann bei der echten Umstellung keine böse Überraschung zu erleben. Das geschieht allerdings nicht auf einen Schlag, sondern Schritt für Schritt in den kommenden Jahren, vielleicht sogar Jahrzehnten, in denen die Datenpakete parallel via IPv4 und IPv6 auf diese Reise geschickt werden.

Kritik von Datenschützern

Mit den neuen Adressen könnten die Netzbetreiber ihren Kunden feste IP-Adressen zuweisen, um nicht mehr automatisch nach 24 Stunden die Internetverbindung unterbrechen zu müssen. Genau darin sehen Datenschützer ein Problem, da sich auf diese Weise die Kunden eindeutig identifizieren lassen. Netzbetreiber wie die Telekom und Vodafone haben daher schon angekündigt, ihren Kunden auf künftig wechselnde Adressen dynamisch zuteilen zu wollen. „Der Datenschutz ist also genauso gewährleistet wie heute“, sagt Sack.

Die Nutzer sollten zudem die „Privacy Extensions“ von IPv6 aktivieren. Dann wird die zweite Hälfte der Adresse zufällig vergeben, so dass sich damit keine Person eindeutig zuordnen lassen soll. Diese Einstellungen der Privatsphäre sind allerdings bei internetfähigen Handys nicht immer möglich. Apple hat diese Möglichkeit in seinem mobilen Betriebssystem iOS erst in der Version 4,3 eingeführt, im Google-Betriebssystem Android ist das bisher gar nicht möglich.

Quelle: F.A.Z.

 
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