09.09.2009 · Rechtzeitig vor dem Weihnachtsgeschäft hat Apple seine iPod-Reihe erneuert. Dass Steve Jobs persönlich die Produkte in San Francisco vorstellte, war eine Überraschung. Letztlich konnte der Apple-Chef aber nur eine interessante Innovation präsentieren: Die Wandlung des iPod Nanos zur Videokamera.
Von Marco DettweilerEs war schon lange kein Geheimnis mehr, was Apple auf diesem Event in San Francisco vorstellten wollte. Es blieb lediglich ein Geheimnis, ob Steve Jobs selbst die Neuigkeiten verkündet. Denn Apple verschickte vorab Presseeinladungen unter dem Motto „It's only rock an roll, but we like it“. Die grafische Aufbereitung des Logos verriet genug: Im Hintergrund tanzt eine Frau mit einem iPod in der Hand. Apple hatte zudem kurz vor der Veranstaltung die iPod-Preise (für die nun alten Geräte) gesenkt.
Wer sich im Vorfeld informiert hatte, wusste zudem, welche Funktion der neue iPod haben wird. Denn auf der IFA in Berlin stellte Hersteller Hama Zubehör wie Schutzhüllen für neue iPods vor. Verräterisch daran war eine kleine Auslassung, die einem kleinen Objektiv freien Blick gewährt. Also schloss man daraus, dass die neuen iPods eine Kamera eingebaut haben könnten. Und so ist es auch - beim Nano.
Nano jetzt mit Video
Um es jetzt schon vorweg zu nehmen: Steve Jobs ist zurück auf der Bühne. Obwohl sein Auftritt erwartet wurde, war er dennoch eine Überraschung. Die Produkte, die „His Steveness“ im üblichen Rollkragenpulli-Jeans-Look präsentierte waren ebenfalls erwartet worden. Sie sind eher eine Enttäuschung. Weil man wusste, was kam und weil man weiß, dass mehr Innovation kommen müsste.
Der neue iPod nano sieht fast genauso aus wie der alte. Sein Display ist etwas größer geworden. (2,2 Zoll, 5,58 Zentimeter Diagonale). Der Grund dafür ist sicherlich, dass Amateurfilmer dadurch die neue Videofunktion besser nutzen können. An der Rückseite des Nano hat Apple eine Kamera installiert. Sie nimmt auf in H.264-Video, mit 640 x 480 Pixel, bis zu 30 Bilder pro Sekunde. Der Ton wird im Apple-üblichen AAC-Format kodiert. Dieses neue Feature ist nett, eine Sensation ist es nicht. Der Nano ist allerdings ein hartes Konkurrenzprodukt für Hersteller von kleinen Videokameras. Denn Käufer hätten mit dem kleinen iPod einen sehr guten MP3-Spieler und - vorausgesetzt die Qualität der Bilder stimmt - eine gute Videokamera in einem Gerät, das sehr klein und handlich ist.
Den Flashspeicher gibt es in den Größen 8 (139 Euro) oder 16 Gigabyte (169 Euro). Das polierte Alu-Gehäuse ist weiterhin in die acht verschiedenen Bonbon-Farben getaucht. Was nicht fehlen darf, ist die bei Kompaktkameras mittlerweile übliche Funktion, die aufgezeichneten Videos direkt auf Youtube hochzuladen, wobei hier der Umweg über den Mac gegangen werden muss. Auch neu: Der iPod Nano kann UKW-Radio empfangen. „VoiceOver“ ist eine Funktion, die er vom Shuffle geerbt hat: Der iPod sagt auf Anfrage, was er gerade spielt. Die Erweiterung mit diesen Funktionen ist konsequent. Besitzer des alten Nano werden sie allerdings auch nicht vermissen.
Beim Kleinsten und Größten aus der iPod-Familie gab es kaum Veränderungen. Den Shuffle gibt es in fünf verschiedenen Farben. Er kann immer noch sprechen und entweder 2 (55 Euro) oder 4 Gigabyte (75 Euro) Musik speichern. Der iPod Touch, also das iPhone ohne Telefon, ist noch etwas schlanker, ausdauernder, schneller und billiger geworden. Mit einem 32 Gigabyte-Speicher kostet er nur noch 279 Euro. Für 369 Euro bekommt man nun 64 Gigabyte Flashlaufwerk. Und was ist mit dem nächsten Verwandten des eigentlichen iPods? Den gibt es immer noch. Beim iPod Classic wurde die Festplatte noch einmal aufgestockt. Für ordentliche 160 Gigabyte bezahlt der Apple-Fan jetzt 219 Euro. Der Rest des Classic bleibt wie bekannt.
Da die iPod-Familie, bestehend aus Shuffle, Nano, Classic und Touch, mit dem Apple-Programm iTunes verbunden werden muss, stellte Jobs auch auf Software-Seite einige kleine Neuerungen vor. Die wichtigste neue Funktion ist iTunes LP. Apple bietet beim Kauf eines digitalen Albums in seinem Store nun nicht mehr allein die Lieder an, sondern ein ganzes Paket. Darin enthalten sind animierte Songtexte, Begleitinfos, Fotos und „und anderes Bonusmaterial“. Die Aufmachung erinnert ein bisschen an DVDs, die anfänglich versuchten, sich von der Videokassette durch Zusatzmaterial abzusetzen.
Da sich nach wie vor beim Kauf eines Albums die Frage stellt, ob man eine CD kauft und diese dann in ein MP3-Format umwandelt oder ob man gleich im iTunes-Store und anderen Online-Musikläden einkauft, könnte die „iTunes LP“ einen weiteren Kaufreiz bieten. Denn dann erwirbt der Musikfan möglicherweise online mehr Material als im nächsten CD-Laden.
iPhone oder iPod?
Apple hat ein Problem immer noch nicht gelöst. Mit der Erfindung des iPhone hatte man sich selbst in Bedrängnis gebracht. Dem Unternehmen blieb nur ein schmaler Grat, um im Bereich der Multi-Media-Player weiterhin innovativ sein zu können. Denn die Überlegung, sich ein iPod Classic oder iPod Touch zu kaufen, wurde letztlich immer unterwandert von dem Gedanken, sich dann gleich ein iPhone zu kaufen.
Nur wenige Argumente gibt es für den Touch: Sein Gehäuse ist etwas dünner und der Besitzer ist - in Deutschland - unabhängig von der Telekom. Er eignet sich aufgrund der vielen Angebote im App-Store als mobile Spiele-Konsole. Aber warum nicht gleich ein iPhone? Für den iPod Classic spricht, dass Audiophile mit nunmehr 160 Gigabyte meist die heimische Musiksammlung überall hin mitnehmen können und somit die lästige Auswahl, welche Musik für unterwegs geeignet ist, überflüssig ist. Nun ja, auch handlicher - wenn auch kantiger - ist der Classic gegenüber dem iPhone. Warum aber zwei Geräte dabei haben? Der iPod Nano ist klein, für Sport geeignet und kostet „nur“ 139 Euro. Warum einen MP3-Player kaufen, dessen Funktionen nahezu alle im iPhone stecken?
Daher steht Apple unter dem Druck, die iPod-Produkte so weiter entwickeln zu müssen, dass der Käufer nicht länger vor der Entscheidung steht: iPhone oder iPod? Oder von der anderen Perspektive aus gefragt: Kauft sich ein iPhone-Besitzer jemals einen MP3-Spieler? Vermutlich eher selten. Oder nur dann, wenn sich die iPods signifikant vom iPhone unterscheiden. Doch Apple verkauft beide Produkte prächtig. Steve Jobs sagte, Apple habe über 100 Millionen Nanos und 20 Millionen Touchs verkauft. Vielleicht gibt es doch zu viele iPhone-Besitzer, die zusätzlich einen Nano zum Joggen und einen Touch zum Spielen brauchen.