09.01.2008 · Die Internetplattform für Geschäftsleute, Xing, will ein paar hunderttausend gute Kunden nicht mehr mit Werbung nerven. Nur ein paar Millionen schlechter Kunden bekommen die Anzeigen. Doch die sind sowieso nicht so oft online.
Die Aktie von Xing ist in den vergangenen Tagen um rund zehn Prozent gefallen. Damit ist sie immer noch teuer - mit Blick auf dieses Jahr. Das dürfte auch so bleiben, denn seit kurzem haben sich die Ertragsperspektiven von Xing merklich eingetrübt. Gründer Lars Hinrichs musste vor seinen zahlenden Mitgliedern auf die Knie fallen und um Verzeihung bitten.
„Wir entschuldigen uns bei Ihnen“
“Seit Samstag, den 05. Januar 2008, sind die Profilseiten von Premium-Mitgliedern generell frei von Werbung. Wir reagieren damit auf das anhaltende Feedback, wonach die Mehrheit unserer Premium-Mitglieder keine Werbung auf ihren Profilseiten für Basis-Mitglieder wünscht. Wir bedauern es sehr, dass wir die Situation falsch eingeschätzt haben. Dafür möchten wir uns bei Ihnen entschuldigen.“
Solcherlei ist ungewöhnlich und zeigt schon, wie sehr Hinrichs seine rund 325.000 guten und zahlenden Kunden - und nicht nur die - in Rage gebracht hat. Xing hatte zwar schon im November offiziell angekündigt, dass man nun auch Werbung auf der Plattform schalten wolle, die weltweit 4,25 Millionen Mitglieder hat. Doch solange die Anzeigen nicht kamen, regte es auch keinen sonderlich auf. Das änderte sich schlagartig vor ein paar Tagen.
Xing-Mitglieder protestieren wütend gegen Werbung
Xing blendete auf den Profilen der Mitglieder nun Werbung ein und zwar sowohl bei den einfachen, als auch bei den zahlenden Premium-Kunden. Seither ging es in den Foren hoch her. In einer spontanen Abstimmung sprachen sich mehrere tausend Mitglieder gegen Werbung aus. Erste Mitglieder verabschiedeten sich, andere drohten damit. Besonders perfide war: Die Premium-Kunden konnten zwar selbst keine Werbung sehen, ihre Profile wurden aber als Werbeflächen genutzt. Was dazu führte, dass manche Kunden mit Unternehmen in Verbindung gebracht wurden, die zur Konkurrenz der eigenen Arbeitgeber gehören.
Das geht künftig nun viel schlechter. Denn Xing verspricht: „Die XING-Plattform ist für alle Premium-Mitglieder werbefrei. Dies betrifft sowohl die eigene Profilseite als auch die Nutzung der Xing-Plattform an sich. Basis-Mitglieder sehen Werbeeinblendungen auf der Startseite, den Profilseiten von anderen Basis-Mitgliedern, den Such- und den Suchergebnisseiten sowie weiteren Seiten.“
Der Gründer Lars Hinrichs kapituliert vor seinen Kunden
Damit kapituliert Gründer Lars Hinrichs im Grunde vor seinen Kunden und verliert zugleich einen Teil seiner Story für die Börse. Weil es mit den Premium-Mitgliedern nicht so klappt wie gewünscht, hatte sich Hinrichs ja nach weiteren Einnahmequellen umgesehen. Denn nur so kann er vermutlich jene schöne Wachstumsraten im Gewinn hinzaubern, die seine Investoren so gerne sehen wollen und die ihn als Großaktionär von Xing steinreich machen könnten. Der Werbe-Rückzieher bei seinen Premium-Kunden ist daher mehr als ein Lapsus, es ist ein herber Rückschlag. Denn gerade die Premium-Kunden sind die aktiven Nutzer von Xing. Die Basismitglieder, denen er die Werbung nun noch aufbrummt, kommen gar nicht so oft in das Netzwerk. Viele nutzen ihren Auftritt ohnehin nur als Visitenkarte und verweisen auf andere Seiten im Internet.
„Da ist keine Story für die Börse mehr dahinter“
Hinrichs hat dennoch nicht aufgegeben, darf er ja auch nicht. Deshalb versucht er Werbung auf Xing nun offensiver zu verkaufen. “Warum ist das für Sie als Mitglied relevant? Sie haben sehr viel Zeit und Arbeit in den Aufbau und die Pflege Ihres Netzwerks und viele von Ihnen als Moderator in den Aufbau von Gruppen auf Xing investiert. Auch Xing investiert kontinuierlich in die Weiterentwicklung, Sicherheit und den Ausbau der Plattform, um Sie dabei effektiv zu unterstützen. Die Mehreinnahmen aus Werbung versetzen uns zusätzlich in die Lage, die Plattform noch schneller weiterzuentwickeln und Ihnen so noch mehr neue und innovative Features und Services anzubieten. Davon werden alle Mitglieder profitieren.“
Solche Argumente schmettern Premium-Mitglieder allerdings ab. “Xing braucht keine weitere technische Verbesserung“, sagt etwa Xing-Nutzer Friedhelm Weidelich. Er sieht die Plattform am Ende ihrer Entwicklung angelangt. Einiges könne vielleicht optimiert werden, doch ob das viel Geld kosten muss? “Da ist keine Story für die Börse mehr dahinter“, sagt Weidelich. Er empfiehlt Hinrichs daher, seine Aktiengesellschaft doch lieber in eine Genossenschaft umzuwandeln. Denn: “Werbung und die Finanzierung durch Mitglieder - das passt nicht zusammen.“
Xing lässt sein Kapital auf der Bank liegen
Merkwürdig erscheinen die Xing-Argumente auch in anderer Hinsicht. Beim Börsengang vor gut einem Jahr hat Hinrichs rund 40 Millionen Euro eingenommen. Obwohl er diese Einnahme schon im ersten Halbjahr 2007 ausgeben wollte, ist bisher nichts passiert. Das Geld liegt auf der Bank - und bringt Zinsen. Weshalb der Finanzvorstand Eoghan Jennings sich schon über ein positives Finanzergebnis freut. Schön für Xing, doch auch dies ist ein Warnsignal für Investoren: Die Wachstumsstory könnte bald keine mehr sein.
Richtig hohl klingt daher nun, was Hinrichs vor kurzem noch vollmundig verkündete. „Wir wissen, wer unsere Nutzer sind - das wissen die Betreiber der Portale nicht. Für Werbetreibende ist auch attraktiv, dass wir ihnen sagen können: In Frankfurt sind bereits 13 Prozent der Einwohner Mitglied bei Xing, in München und Stuttgart sind es 10 Prozent“, sagte Hinrichs.
„Xing-Mitglieder haben die volle Kontrolle über die Sicherheit ihrer Daten“
Manchem Nutzer läuft bei solchen Sätzen ein Schauer über den Rücken. Denn angesichts dieser Ziele mögen manche gar nicht mehr glauben, was das Xing-Team diese Woche verkündete: „Xing-Mitglieder haben die volle Kontrolle über die Sicherheit ihrer Daten und Privatsphäre - daran wird sich auch in Zukunft nichts ändern. Personenbezogene Daten von Mitgliedern - also Einzelangaben, die einer bestimmten oder bestimmbaren Person zugeordnet werden können - werden zu keinem Zeitpunkt an Dritte weitergegeben. Dazu zählen selbstverständlich alle persönlichen Angaben wie z.B. Ihre Adressen oder Ihre Handy- oder Telefonnummer.“
Investoren dürfen nun gespannt sein, wie Hinrichs künftig den Spagat zwischen Börsen- und Nutzer-Interessen hinbekommt. Noch gilt diese Aussage: „Werbung wird für Xing ein sehr interessantes Thema werden. Wir werden 2008 auf mehreren Standbeinen stehen.“ Ob dies nach dem jüngsten Rückzieher noch zu halten ist, darf nun stark bezweifelt werden.
Noch sind die Zahlen sehr gut
Genauso wie die Einschätzung mancher Beobachter, dass die Aktie „spekulativ kaufenswert“ sei. Dahinter steckt die Euphorie über jüngste Zahlen: die hohe Gewinnmarge vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) von zuletzt 42 Prozent, das hohe Umsatz- und das exorbitante Ergebniswachstum.
Wie sehr die Netzwerkbranche im Umbruch ist, zeigt auch die Tatsache, dass Hinrichs bisher keine Prognosen für 2008 gemacht hat. Wenn die zahlenden Nutzer nicht so wie gewünscht kommen und er Werbung nur noch an schlechte Kunden bringen kann, wäre Xing eine ziemlich teure Aktie. Derzeit bewertet die Börse Xing mit knapp 220 Millionen Euro. Zieht man rund 40 Millionen bare Mittel ab, verblieben vielleicht 180 Millionen Euro an Wert. Diese Zahl müsste man mit einem Umsatz von vielleicht 18 Millionen Euro im vergangenen Jahr und einem Reingewinn von womöglich fünf Millionen Euro vergleichen. Selbst das gibt immer noch stolze Bewertungen - also ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von deutlich mehr als 30.
Lars Hinrichs muss sich entscheiden: Börse oder Nutzer?
Und selbst wenn das KGV wegen weiteren, starken Wachstums in diesem Jahr fällt, bleibt die entscheidende Frage: Wie lange kann Xing sein Wachstumstempo beim Gewinn noch halten? Der Werberückzieher lässt Böses ahnen. Xing könnte an die Grenzen seines Wachstums gelangen. Denn eines scheint klar: Seine besonders aktiven Nutzer wird Xing kaum von den Vorteilen der Werbung überzeugen.
Lars Hinrichs muss sich also entscheiden, wem er künftig dienen will: der Börse oder seinen Kunden. Auch wenn er sich gegen die Börse entscheiden sollte, so schlecht dürfte er damit nicht fahren. Selbst bei einem Börsenwert von 100 Millionen Euro, also einer Kurshalbierung, wäre der Gründer von Xing immer noch vielfacher Millionär. Was will er mehr?
Die Xing-Aktie ist riskant
Für Anleger bedeutet das Dilemma von Hinrichs jedoch: Vorerst sollten sie von der Xing-Aktie lieber die Finger lassen. Erst wenn der Chef klar die weiteren Perspektiven aufzeigen kann, lohnt sich vielleicht wieder ein Investment. Denn dann lässt sich eine realistischere Bewertung durchführen. Im Moment ist Xing nur eine ganz heiße Spekulation, die auch kräftig daneben gehen kann.
Sollen Kinderlose einen „Solidarzuschlag" zahlen?
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| DAX | 6.848,03 | +1,42% |
| FAZ-INDEX | 1.526,72 | +1,43% |
| TecDAX | 778,36 | +0,73% |
| MDAX | 10.441,40 | +1,41% |
| SDAX | 5.048,27 | +1,17% |
| REX | 422,26 | −0,26% |
| Eurostoxx 50 | 2.520,31 | +1,24% |
| F.A.Z. EURO INDEX | 81,56 | +1,37% |
| Dow Jones | 12.931,30 | +0,21% |
| Nasdaq 100 | 2.578,43 | −0,53% |
| S&P500 | 1.358,04 | +1,10% |
| Nikkei225 | 9.384,17 | +1,58% |
| EUR/USD | 1,3155 | +0,20% |
| Rohöl Brent Crude | 119,45 $ | −0,50% |
| Gold | 1.713,00 $ | 0,00% |
| Bund Future | 138,36 € | −0,26% |