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Internet Telefonate an Bord eines Flugzeugs sind längst Realität

20.02.2006 ·  Die letzte Bastion der Ruhe - das Flugzeug - ist gefallen: Während in den Behörden noch diskutiert wird, ob Passagiere ihre normalen Mobiltelefone an Bord einsetzen dürfen, werden die Breitbandverbindungen per Satellit schon eifrig für Internettelefonie genutzt.

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Die letzte Bastion der Ruhe - das Flugzeug - ist gefallen: Während in den Behörden noch diskutiert wird, ob Passagiere ihre normalen Mobiltelefone an Bord einsetzen dürfen, werden die Breitbandverbindungen per Satellit schon eifrig für Internettelefonie genutzt. "Telefonate an Bord eines Flugzeugs sind längst Realität. Clevere Passagiere wissen, wie sie über das Internet telefonieren können - und sie tun es. Die Sprachqualität ist gut, und es gibt nur eine sehr kleine Verzögerung in der Übermittlung", sagte Laurette Koellner, Präsidentin von Connexion by Boeing, einer Tochtergesellschaft des amerikanischen Flugzeugbauers, dieser Zeitung. Der Internetanschluß von Boeing, den inzwischen zwölf Fluggesellschaften in 125 Flugzeuge eingebaut haben, bringt auch Live-Fernsehen an Bord: "Vier Fernsehkanäle - BBC, CNBC, Eurosport und MSNBC - werden über das Internet-Protokoll übertragen", sagte Koellner.

Vom W-Lan über den Satelliten ins Internet

Die Technik ist komplex: Im Flugzeug sorgen lokale Funknetze (W-Lan) für die drahtlose Verbindung der Laptops der Passagiere mit dem Netzwerkrechner. Über eine Antenne, die auf dem Dach des Fliegers montiert ist, werden die Daten zu einem Satelliten übertragen, der wiederum mit einer Bodenstation in Kontakt steht. Dort werden die Daten in das Internet eingespeist. Als Übertragungsgeschwindigkeit verspricht Boeing zwischen 5 und 20 Megabit je Sekunde, was heutigen kabelgebundenen Hochgeschwindigkeitsanschlüssen entspricht. Boeing ist in diesem Geschäftsfeld noch Monopolist, aber Konkurrent Airbus oder der Satellitenbetreiber Inmarsat werden wohl in diesem Jahr in den jungen Markt einsteigen. Auch Mobilfunkausrüster wie Ericsson oder Siemens entwickeln gerade die Technik für Handygespräche an Bord eines Flugzeuges. "Die Konkurrenz wird größer. Das zeigt, wie groß das Marktpotential ist", sagte Koellner und berichtet stolz von ersten Anfragen der Fluggesellschaften, das Boeing-System in das neue Airbus-Flaggschiff A 380 einzubauen.

Allerdings ist noch nicht klar, wann der Mobilfunk an Bord erlaubt wird. "Es gibt alle Arten regulatorischer und sozialer Debatten um dieses Thema, die aber gelöst werden können. Wir gehen davon aus: Handygespräche an Bord eines Flugzeuges wird es geben. Passagiere wollen die Möglichkeit haben, im Flugzeug zu telefonieren. Wir haben gezeigt, daß die Strahlung kein Sicherheitsrisiko für das Flugzeug darstellt. Ich glaube auch, daß die sozialen Fragen gelöst werden. Zum Beispiel können Gespräche auf einem langen Flug in der ersten Stunde nach dem Start oder der letzten Stunde vor der Landung erlaubt werden. Es gibt aber auch lautlose Anwendungen wie SMS, die während des Fluges erledigt werden können", sagte Koellner.

Handys stören Bordelektronik nicht

Zur Zeit laufen in vielen Ländern Gesetzgebungsverfahren, um die Handynutzung zu erlauben. "Mobiltelefone stören die Bordelektronik nicht. Primär muß somit die Frage gelöst werden, daß Telefonierer nicht die Ruhe der Mitreisenden stören", sagte Lufthansa-Sprecher Michael Lamberty. Die Lufthansa wartet ab: "Wir haben keinen Plan zur Einführung der Mobilfunktechnik. Aber die Reisenden können und dürfen natürlich die Internettelefonie nutzen. Dagegen ist nichts einzuwenden. Beschwerden von Fluggästen über Ruhestörungen gab es bisher keine", sagte Lamberty.

Die Lufthansa ist Koellners größter Kunde. Die Fluggesellschaft hat 56 Flugzeuge mit der 600 Kilogramm schweren Internettechnik ausgestattet. "Bis zum Jahresende wird unsere gesamte Langstreckenflotte Internet an Bord haben. Das sind rund 80 Flugzeuge", sagte Lamberty. Allerdings wird die Lufthansa Internet nur auf Interkontinentalflügen anbieten. "Auf den kurzen Strecken in Deutschland und Europa ist ein Internetanschluß wirtschaftlich unsinnig. Die mögliche Nutzungsdauer wäre zu kurz", sagte Lamberty. Ganz billig ist die von Boeing selbst entwickelte Technik nämlich nicht: "Der Listenpreis für die Ausstattung liegt bei rund 750000 Dollar. Wenn die Technik im Flugzeug installiert ist, geht der Passagier, der den Dienst nutzt, eine Geschäftsbeziehung mit Connexion by Boeing ein und zahlt die Nutzungsgebühr an uns. Einen Teil dieses Umsatzes geben wir an die Fluggesellschaften zurück", sagte Koellner. Einige Fluggesellschaften wollten das Modell nun ändern: Statt einer nutzungsabhängigen Abrechnung soll die Gebühr gleich im Ticketpreis enthalten sein. "Unsere Fluggäste sollen den Internetanschluß künftig mit Meilen zahlen können", sagte Lamberty.

Telemedizin und Wartung der Flugzeuge

Der Internetanschluß kann auch von den Fluggesellschaften genutzt werden. "Daten für die Wartung der Maschinen können schnell übermittelt werden, um die Standzeiten der Maschinen zu verkürzen. Die Lufthansa schaut sich auch sehr intensiv die Möglichkeiten der Telemedizin an: Wenn ein Passagier Gesundheitsprobleme hat, kann ein Arzt eine Ferndiagnose stellen. Daten, die von medizinischen Instrumenten gemessen werden, können per Internet an den Arzt übermittelt werden", sagte Koellner.

Für Boeing sind Flugzeuge nur der erste Schritt im Internetgeschäft. "Wir haben gerade ein neues Geschäftsfeld erschlossen: Frachtschiffe, von denen 40000 bis 60000 auf den Meeren fahren. Zwar haben die Schiffe ein Kommunikationssystem an Bord, aber die Nutzung ist so teuer, daß sie eher versuchen, Kommunikation zu vermeiden. Die erste Anlage haben wir gerade installiert", sagte Koellner. In der Schiffahrt wird dasselbe Netzwerk verwendet, das auch die Fluggesellschaften nutzen. Connexion by Boeing erhält eine einmalige Gebühr für die Ausstattung, danach wird eine monatliche Gebühr mit einem Listenpreis von 2800 Dollar erhoben. In diesem Feld ist Boeing der Herausforderer: "Bisher war Inmarsat allein auf diesem Markt. Jetzt schlagen wir ein neues Kapitel auf", sagte Koellner.

Quelle: F.A.Z., 20.02.2006, Nr. 43 / Seite 19
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