17.11.2008 · Das Wachstum auf dem DSL-Markt geht zurück, gleichzeitig werden die Kabelnetzbetreiber immer stärker. Den erfolgsverwöhnten DSL-Anbietern stehen harte Zeiten bevor.
Von Holger SchmidtWenn DSL-Anbieter 200 Euro Startguthaben versprechen oder die Monatsgebühr das ganze erste Jahr senken, ist klar: Die Zeit scheinbar unbegrenzten Wachstums auf dem Markt für DSL-Anschlüsse geht zu Ende. Wurden in den vergangenen beiden Jahren noch jeweils mehr als vier Millionen Haushalte neu mit DSL-Anschlüssen versorgt, werden es in diesem Jahr nur 3,2 Millionen sein, schätzt der Branchenverband VATM.
Ralph Dommermuth, Chef von United Internet, hält auch diese Zahl für zu hoch. „In diesem Jahr erwarten wir im DSL-Markt ein Gesamtwachstum von 2,8 Millionen Anschlüssen; im kommenden Jahr werden es noch 2,3 Millionen Neuanschlüsse sein“, sagte Dommermuth. Dagegen kommen die Kabelnetzbetreiber erst jetzt richtig in Schwung. Rund eine Million neue Breitbandkunden werden in diesem Jahr angeschlossen.
Alice hat netto 18.000 DSL-Kunden verloren
Der Verdrängungswettbewerb unter den DSL-Anbietern hat schon begonnen. Einige Unternehmen haben zurzeit alle Hände voll zu tun, ihren Marktanteil zu verteidigen. Zum Beispiel hat Hansenet (Alice) im zweiten Quartal 11.000 und im dritten Quartal netto 18.000 DSL-Kunden verloren. Freenet hat - auch aufgrund hausgemachter Schwierigkeiten - in diesem Jahr schon 230.000 DSL-Kunden an die Konkurrenz abgeben müssen.
Frust bei Deutschlands Online-Nutzern: Einer Umfrage der Verbraucherzentralen zufolge lassen Service und Qualität bei DSL-Anschlüssen deutlich zu wünschen übrig. Jeder fünfte Kunde wartet länger als einen Monat auf den Neuanschluss, zwei Drittel der Befragten sind unzufrieden mit dem Kundendienst.
Viele Haushalte, die vor Jahren einen Telekom-DSL-Anschluss bei einem als Wiederverkäufer bezeichneten Telekom-Wettbewerber erworben haben, wechseln nun zu einem günstigeren Komplettpaket. Das Geschäftsmodell des Wiederverkaufs hat sich inzwischen überlebt, doch die ehemaligen Wiederverkäufer wie United Internet, Freenet und auch Hansenet (nach dem Kauf der AOL-Zugangssparte) leiden heute unter der Abwanderung vieler dieser Kunden. „Die Wechselquote wird noch etwa ein Jahr relativ hoch bleiben; dann wird sich der Markt beruhigen“, hofft Dommermuth.
Nach seiner Schätzung werden im kommenden Jahr 3,7 Millionen Haushalte ihren DSL-Anbieter wechseln. Viele Kunden haben sich daran gewöhnt, nach Ablauf der zweijährigen Mindestvertragsdauer zum nächsten Anbieter zu wechseln, der mit Startguthaben, Einkaufsgutscheinen oder sonstigen Anreizen lockt. Die Wechselfreude ist gefährlich für die Unternehmen, da sich die Kunden wegen der hohen Akquisitionskosten erst rechnen, wenn sie länger als zwei Jahre treu sind. „Wir achten darauf, dass wir mit jedem Kunden das Geld innerhalb der Mindestlaufzeit wieder einspielen. Wir leben aber davon, dass die Kunden länger als zwei Jahre bei uns bleiben“, sagte Dommermuth.
Weitere Preissenkungen sind nicht zu erwarten
Daher sind weitere Preissenkungen im Moment nicht zu erwarten. „Alle Anbieter versuchen, die Preispunkte zu halten“, sagt Marcus Sander, Analyst bei Sal. Oppenheim. Auch United Internet und Arcor, die in der Vergangenheit den Preiskampf immer wieder angefacht haben, haben kein Interesse an weiteren Preisnachlässen. Lieber erhöhen die Unternehmen die Bandbreite oder packen noch Fernsehen und Mobilfunkleistungen obendrauf.
Da sich das DSL-Wachstum abschwächt, wächst aber der Druck zur Konsolidierung. „Am Ende werden drei, maximal vier Anbieter übrigbleiben. Die Deutsche Telekom und Vodafone sind gesetzt. Hansenet und Telefónica O2 könnten sich zusammentun und ein starker dritter Anbieter werden, während United Internet seine Position mit der DSL-Sparte von Freenet stärken könnte“, beschreibt Sander ein mögliches Szenario. United Internet profitiert im Moment davon, dass sich gleich mehrere Netzbetreiber wie Telefónica, Arcor oder QSC gegenseitig unterbieten, damit sie die DSL-Kunden des Unternehmens auf ihr Netz bekommen, um es auszulasten. Dieser Wettbewerb der Netzbetreiber bringt United Internet in die komfortable Situation, auch ohne eigene Infrastruktur konkurrenzfähig zu sein. Sollte aber auch eine Konsolidierung unter den Netzbetreibern einsetzen, könnte dieser Vorteil schnell dahin sein. „Dann könnte United Internet doch noch sein DSL-Geschäft verkaufen, zumal sich ein Käufer - sei es Vodafone oder Hansenet/Telefónica - eine uneinholbar starke Position als Nummer zwei auf dem Markt sichern würde“, sagt Sander. Wenn das Kartellamt mitspielt, könnten aus drei am Ende nur ein Kabelnetzbetreiber werden, so dass der gesamte Breitbandmarkt in der Hand von vier Unternehmen liegen würde.
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