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Internet Klicken statt zappen

19.09.2006 ·  Filme von jedermann sind der Liebling der Generation Web 2.0. Mitmach-Fernsehen weckt Ängste und Begehrlichkeiten. Vor allem bei den Medienriesen. Skeptiker warnen vor der nächsten Dotcom-Blase.

Von Catherine Hoffmann
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Der große Hype, das Börsenfieber und der Riesenkater nach der Party - all das liegt nicht weit zurück. In nur wenigen Jahren ist das World Wide Web erwachsen geworden. Unternehmen wie Google, Ebay und Yahoo gelten längst als Dinosaurier des Internet-Zeitalters. So dachten viele.

Jetzt reiben sie sich verwundert die Augen. Schon ist wieder die Rede von hoffnungsvollen Startups, euphorischen Gründern und großzügigen Geldgebern. Youtube heißt die jüngste Verlockung aus dem weltweiten Netz. Nach Musik-Shops im Internet und Fotos von allen für alle gelten neuerdings Video-Websites wie Youtube, Metacafe oder Myvideo als der letzte Schrei. Hier kann jedermann selbstgedrehte Kurzfilme einem Millionenpublikum vorführen.

60.000 neue Videos pro Tag

Youtube - nach dem englischen Wort „tube“ für Röhre (Fernsehen) - wurde im Frühjahr 2005 im Silicon Valley gegründet. Heute werden dort jeden Tag 70 Millionen Filme angeschaut und 60.000 neue Videos eingestellt. Inzwischen zählt der Dienst zu den beliebtesten Internetangeboten der Welt. Youtube hat in Amerika weitaus mehr Nutzer als die Videoangebote von Google oder MSN. Jeden Tag schauen fünf von 100 Internetnutzern vorbei - nicht schlecht, wenn man weiß, daß es beim Giganten Google 27 von 100 sind.

Selbstdarsteller, Komiker, politische Aktivisten und Verbraucherschützer nutzen das neue Massenmedium mit Begeisterung. Die Videos decken alles ab zwischen Qualität und Quatsch. Ein Experiment: Was passiert, wenn man eine Handvoll Mentos Kaubonbons in eine Flasche Cola light steckt? Ein mächtiger Springbrunnen sprudelt. Die teils kunstvollen Ergebnisse stellen Bastler als Film ins Netz - kostenlos und komplett überflüssig. Alle lieben die Fontänen - nur Coca-Cola nicht.

Ängste und Begehrlichkeiten bei den etablierten Konzernen

Die Demokratisierung des Fernsehens und der Wildwuchs der Internet-Communities wecken die Ängste und Begehrlichkeiten etablierter Konzerne. "Die Filme aus dem Internet sind ganz klar eine Konkurrenz fürs Fernsehen, aber auch fürs Kino", sagt Stephan Kinne, Leiter Medien bei der KPMG.

So schluckte Rupert Murdoch, Herrscher über das Medienimperium News Corp., im vergangenen Jahr die Firma Myspace für 580 Millionen Dollar. Google hat sich die Werberechte für Myspace gesichert, wo Nutzer einen virtuellen Freundeskreis aufbauen können. Dem Betreiber der Internetsuchmaschine war das 900 Millionen Dollar für vier Jahre wert. Weitere 400 Millionen Dollar läßt sich Google die Werbekooperation mit AOL kosten, das jüngst das interaktive Internet, kurz Web 2.0, zur Firmenstrategie erklärt hat.

Der Erfolg ruft Nachahmer auf den Plan

Jetzt haben die Medienriesen die Portale für Amateurvideos im Visier. Der Erfolg von Youtube macht sie hungrig. Und er ruft Nachahmer auf den Plan. In Deutschland sind die Samwer-Brüder - übrigens Gründer der Klingeltonfirma Jamba - ins Geschäft eingestiegen. Sie finanzieren die Konkurrenzseite Myvideo mit. Deren Nutzerzahlen sind im Vergleich zu Youtube zwar bescheiden. Pro Sieben Sat.1 hat das aber nicht davon abgehalten, sich an Myvideo zu beteiligen - zunächst mit 30 Prozent.

Konkurrent RTL hat sich bereits vor einiger Zeit Clipfish geangelt, eine Video-Community, die allerdings noch nicht aktiv vermarktet wird. Ziel ist die Verzahnung von Fernsehprogramm und Videoportal. Für die nächste Ausgabe von „Deutschland sucht den Superstar“ sollen die Kandidaten ihre Gesangsproben auch bei Clipfish einstellen.

Weniger Nachfrage für Fix-und-fertig-Programme

Für die Fernsehmacher sind die Internetvideos ein Albtraum. Sie wissen, daß sie sich schnell etwas einfallen lassen müssen. Immer weniger Menschen wollen auf der Couch vor der Glotze sitzen und zu vorgegebener Zeit Fix-und-fertig-Programme konsumieren. Sie wollen selbst bestimmen, was sie sehen und wann, wollen eigene Inhalte produzieren und sich im Internet mit Tausenden anderer Zuschauer austauschen. Das ist lustiger, spannender, cooler. Vor allem für junge Menschen wird das Internet zum Hauptmedium - vor dem Fernseher. Was die Musikbranche bereits durchgemacht hat, kommt auf die Fernsehsender jetzt erst zu.

Die Werbetreibenden haben das längst erkannt. Sie wissen, daß sie ihre Zielgruppe im Internet viel besser erreichen können. Apple, BMW oder Nike setzen längst auf die kleinen Filme aus dem Netz. Auch beim Sportartikelhersteller Puma denkt man darüber nach. „Online-Werbung wird ein immer größeres Thema“, sagt ein Sprecher. „Gute Werbefilme werden per E-Mail wie ein Kettenbrief weitergeschickt.“ Besser geht es eigentlich nicht. Deshalb schichten viele Manager ihre Werbebudgets um - zugunsten des Internets.

Weichen für die Profitabilität gestellt

Die Betreiber der Websites wird es freuen. Sie leben von Werbung - bislang mehr schlecht als recht. Profitabel ist Youtube noch nicht. Doch die Weichen sind gestellt: Youtube arbeitet seit wenigen Monaten mit dem Fernsehsender NBC zusammen und setzt neuerdings verstärkt auf Online-Werbung.

Gleichzeitig verhandelt das von Sequoia Capital finanzierte Start-up mit Musikkonzernen, um künftig „jedes Musikvideo, das je gedreht wurde“, abspielen zu können. Offenkundig hat die Firma Größeres vor.

Die Börsen-Gerüchteküche brodelt

Seit Wochen brodeln Gerüchte, die Video-Kultsite werde bald an die Börse gehen. Ein Indiz: Yahoo-Schatzmeister Gideon Yu wechselte als Finanzchef zu Youtube. Yu gilt als Investmentspezialist und Börsenfan. Eine Milliarde Dollar soll die Nummer 1 der Web-Videos wert sein, glaubt man dem 29 Jahre alten Mitbegründer und Youtube-Chef Chad Hurley. Mr. Yu nutzt seine Chance. Während Yahoo mit dem Image kämpft, ein Relikt alter Pionierzeiten zu sein, gilt Youtube als Ikone der neuen Internetgeneration, des Web 2.0.

Es wäre der erste Börsengang aus der neuen Internetgeneration. Schon warnen Skeptiker vor der nächsten Dotcom-Blase. Sie bezweifeln, daß das Geschäftsmodell der „kollektiven Intelligenz“, wie der Computerexperte Tim O'Reilly das vom Nutzer gesteuerte Internet beschrieben hat, funktionieren kann.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 17.09.2006, Nr. 37 / Seite 59
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