05.11.2003 · Meg Whitman hat ein Problem. Ein Luxusproblem: Der Wert der Produkte, die auf der deutschen Ebay-Plattform gehandelt wurden, ist im dritten Quartal nur um 72 Prozent gegenüber dem Vorjahr auf 1,26 Milliarden Dollar gestiegen.
Meg Whitman hat ein Problem. Ein Luxusproblem: Der Wert der Produkte, die auf der deutschen Ebay-Plattform gehandelt wurden, ist im dritten Quartal nur um 72 Prozent gegenüber dem Vorjahr auf 1,26 Milliarden Dollar gestiegen. Schon warnen Analysten, die Wachstumsphantasie gehe verloren.
Doch Meg Whitman kann die Kritiker beruhigen: "Das Wachstum in Deutschland kommt zurück. Wir sehen wieder deutlich ansteigende Nutzungszahlen im September und Oktober. Ebay erwartet in diesem Jahr ein Wachstum des Handelsvolumens von rund 100 Prozent. Es wird ein Rekord-Weihnachtsgeschäft für Ebay geben", sagt Meg Whitman im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.
Das Handelsvolumen wird in diesem Jahr wohl zwischen fünf und sechs Milliarden Dollar betragen und entspricht damit etwa einem Fünftel des deutschen Versandhandelsgeschäfts. Ebay ist nach vier Jahren Präsenz in Deutschland schon größer als der Versandhändler Quelle.
Delle sorgt für Unruhe
Die Delle hatte für Unruhe gesorgt. Mitten im heißen deutschen Sommer war Meg Whitman aus der Unternehmenszentrale in Kalifornien in die Berliner Niederlassung geeilt, um nach dem rechten zu sehen. Nach Jahren mit scheinbar grenzenlosem Wachstum schien das Geschäft mit dem Handel im Internet plötzlich ins Stocken zu geraten. Die Angebote der kleinen Händler gingen erstmals zurück. Aber das deutsche Management um Philipp Justus konnte die Chefin aus Amerika beruhigen. "Wir haben mehrere Gründe für die Schwäche im zweiten und dritten Quartal identifiziert: Der außergewöhnlich heiße Sommer hat die Menschen von ihren Computern ferngehalten. Außerdem mußten wir Mehrwertsteuer auf die Transaktionsgebühren erheben, was vor allem die Gelegenheitshändler hart getroffen hat", erklärt Whitman die Schwächeperiode.
11,4 Millionen Nutzer in Deutschland
Der deutsche Markt liegt der Ebay-Chefin sehr am Herzen. Kein anderes Volk handelt so intensiv und liebt den Adrenalinschub in den letzten Minuten einer Internet-Auktion so sehr wie die Deutschen. "In Deutschland haben sich bisher 11,4 Millionen Menschen bei Ebay registriert. Drei Viertel davon haben in den vergangenen zwölf Monaten aktiv gehandelt", schwärmt Whitman über den wichtigsten Markt außerhalb Amerikas. Die Gründe für die Ebay-Begeisterung hat die scharfe Analytikerin längst erkannt: "Unsere Nutzer ziehen ihre Vorteile aus Ineffizienzen wie den restriktiven Ladenöffnungszeiten. Außerdem können Händler bei Ebay zu jedem gewünschten Preis verkaufen. Daneben gibt es aber auch Effizienzen, von denen Ebay profitiert, zum Beispiel das Postsystem", sagt Whitman. Im Weihnachtsgeschäft 2002 stammten 17 Prozent aller Pakete der Deutschen Post von Ebay-Nutzern.
Deutschland hat inzwischen die dritte und höchste Stufe des Ebay "Playbooks" erreicht. Dieser Entwicklungsplan, der in allen 28 Ländergesellschaften systematisch umgesetzt wird, sieht als Stufe eins (Akquisition) den Kauf einer lokalen Gesellschaft vor, um gleich mit einer Kundenbasis zu starten. In Deutschland ist Ebay 1999 mit dem Kauf des Internet-Auktionshauses Alando eingestiegen. In Stufe zwei des Plans (Aktivierung) sind die Kunden motiviert worden, Produkte zu handeln. Nun folgt die dritte Stufe, die Whitman "Aktivität" nennt. "Unter dem Begriff verstehen wir die Steigerung des Handelsumsatzes je Nutzer. Wenn ein Kunde einen Sportartikel kauft, muß ich ihn dazu bringen, auch ein Kleidungsstück zu erwerben. Wenn er einen DVD-Player kauft, wie kann ich ihn zum Kauf eines Computers bewegen?" erklärt Whitman das Geschäftsmodell. Ebay erhält einen kleinen Prozentsatz an jeder Transaktion. Steigt der Wert des gehandelten Produkts, steigt in der Regel auch der Prozentsatz, den Ebay als Provision kassiert. Im dritten Quartal hat das Unternehmen mit diesem Modell 92 Millionen Dollar Umsatz in Deutschland erzielt, nach 47 Millionen Dollar im Jahr zuvor. In aller Welt betrug der Umsatz 531 Millionen Dollar. Rund ein Drittel fließt als Gewinn in die prall gefüllte Unternehmenskasse.
Zahlungssystem PayPal kommt
Die aktuelle Werbekampagne im Fernsehen, die den Nervenkitzel einer Internet-Auktion zeigt, ist aber nur der Start der dritten Stufe. "Eine wichtige Aufgabe des deutschen Managements ist der Ausbau des Geschäftsfeldes ,Motors', das bereits heute die am schnellsten wachsende große Ebay-Kategorie ist. Daneben werden wir die Möglichkeiten der Kategorie ,Business & Industrie' untersuchen, in der nur Unternehmen miteinander handeln", sagt Whitman. Zwischen Juli und September seien in Deutschland Autos und Ersatzteile im Wert von 276 Millionen Dollar gehandelt worden, doppelt so viel wie im Vorjahr.
Um das Wachstumstempo zu halten, sind zudem neue Kategorien geplant. "Wir testen Dienstleistungen wie Gebrauchtwagenfinanzierungen. Die ersten Ergebnisse in Amerika sind positiv", deutet sie ein mögliches Geschäftsfeld an. Aber nicht jeder Markt in jedem Land eignet sich für das Internet. "Ebay funktioniert am besten, wenn der bisherige Markt ineffizient ist. In Amerika läuft das Immobiliengeschäft bei Ebay nicht so gut, da der Markt bisher schon sehr effizient ist. Aber wir schauen uns den Immobilienmarkt in Deutschland sehr genau an. Es ist gut möglich, daß wir in den Markt richtig einsteigen", sagt Whitman. Sie denkt auch daran, das Zahlungsssystem PayPal einzuführen. "Deutschland steht im Jahr 2004 ganz oben auf der Einführungsliste für PayPal", sagt Whitman, ohne einen Zeitpunkt zu nennen.
Vom Flohmarkt zum Marktplatz
Ebay hat sich in den vergangenen Jahren vom Flohmarkt für gebrauchte Produkte zum Marktplatz entwickelt. Dort tummeln sich immer mehr professionelle Händler, die ihre Produkte nicht versteigern, sondern zu einem Festpreis verkaufen. "Deutschland hat den höchsten Prozentsatz von Festpreisangeboten in der Welt mit mehr als 30 Prozent. In Amerika sind es nur 22 Prozent", erklärt Whitman die Besonderheit des deutschen Markts und gibt zu, von der schwachen Konjunktur profitiert zu haben. "Viele Händler, die Absatzprobleme haben, bauen sich bei Ebay ein zweites Standbein auf. Wir kennen auch viele Geschäftsleute, die ihren Laden ganz geschlossen haben, um nur noch bei Ebay zu verkaufen, weil sie dort mehr Geld verdienen können. Inzwischen verdienen mehr als 10.000 Menschen in Deutschland ihren Lebensunterhalt bei Ebay", sagt Whitman. Bald könnten es nach ihrer Einschätzung auch 20.000 oder 30.000 Menschen sein. "Der beste Platz, um ein Geschäft zu gründen, ist Ebay. Man braucht nur einen Computer und eine Digitalkamera, um sich selbständig zu machen", sagt Whitman.
Maximierte Margen
Neben den kleinen Händlern entdecken auch Handelskonzerne wie Quelle den Vertriebsweg für sich. Die Angst einiger Händler vor fallenden Margen teilt Whitman nicht. "Die meisten Produkte, die bei Ebay verkauft werden, haben entweder keine Saison, sind umgetauscht oder müssen aus dem Lager. Für die meisten Händler lösen wir ein Problem: Sie können zu hohe Lagerbestände bei Produkten mit kurzen Lebenszyklen sehr schnell bei Ebay verkaufen. Die brandneuen Produkte bleiben dann den bisherigen Vertriebskanälen vorbehalten. Damit maximieren die Händler ihre Margen", sagt Whitman.
Der hohe Börsenwert des Unternehmens mit 36 Milliarden Dollar basiert auf den hohen Zuwächsen. Zweifel, Ebay könne die hohen Wachstumsraten nicht halten, wischt Whitmann beiseite. "Wenn wir die Entwicklung in Amerika auf die ausländischen Märkte übertragen, sehen die Wachstumsperspektiven in den nächsten vier bis fünf Jahre sehr gut für uns aus." Eine Prognose, ob sich das Geschäft in Deutschland 2004 noch einmal verdoppelt, wagt sie allerdings nicht. "Das Handelsvolumen ist mit mehr als fünf Milliarden Dollar schon recht groß, so daß es schwer ist, die hohen Wachstumsraten beizubehalten. Viel wird vom Weihnachtsgeschäft abhängen. Aber ich bin sicher: Es werden E-Christmas."
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| DAX | 6.692,96 | −1,41% |
| FAZ-INDEX | 1.495,13 | −1,32% |
| TecDAX | 769,89 | −0,43% |
| MDAX | 10.249,10 | −1,04% |
| SDAX | 4.985,13 | −0,71% |
| REX | 421,06 | −0,02% |
| Eurostoxx 50 | 2.480,76 | −1,65% |
| F.A.Z. EURO INDEX | 80,01 | −1,60% |
| Dow Jones | 12.757,10 | −1,03% |
| Nasdaq 100 | 2.542,41 | −0,84% |
| S&P500 | 1.351,95 | +0,15% |
| Nikkei225 | 8.947,17 | −0,61% |
| EUR/USD | 1,3166 | −0,88% |
| Rohöl Brent Crude | 117,36 $ | −1,12% |
| Gold | 1.748,00 $ | 0,00% |
| Bund Future | 138,69 € | +1,06% |