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Internet Die Wissenschaft vom Internet

16.08.2006 ·  Als Tim Berners-Lee vor sechzehn Jahren am europäischen Zentrum für Elementarteilchenforschung (Cern) bei Genf das World Wide Web erfand, hat er wohl kaum geahnt, welche Bedeutung das Internet erlangen würde. Nun sei die Zeit reif, das WWW wissenschaftlich zu betrachten.

Von Manfred Lindinger
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Als Tim Berners-Lee vor sechzehn Jahren am europäischen Zentrum für Elementarteilchenforschung (Cern) bei Genf das "World Wide Web" erfand, hat er wohl kaum geahnt, welche Bedeutung das Internet erlangen würde. Zunächst nur dazu gedacht, Wissenschaftlern den Austausch von Daten und die Kommunikation zu erleichtern, hat sich das World Wide Web mittlerweile zu einem weltumspannenden Computernetzwerk entwickelt, das E-Mail, Online-Banking, Suchmaschinen, Online-Auktionshäuser und virtuelle Kaufläden hervorgebracht hat. Inzwischen nimmt das Netz sogar für sich in Anspruch, das gesamte Weltwissen zu repräsentieren. Für Berners-Lee sind die Möglichkeiten des Internets aber längst noch nicht ausgeschöpft, auch wenn das ständig expandierende Netzwerk bisweilen an ein chaotisches Konvolut aus digitalisierten Daten und vernetzten Rechnern erinnert. Um die Entwicklung voranzutreiben und in die richtigen Bahnen zu lenken sowie unerwünschten Wildwuchs zu verhindern, fordert er jetzt gemeinsam mit vier Kollegen eine neue wissenschaftliche Disziplin, die sich systematisch mit dem World Wide Web befassen soll. Die Wissenschaft vom Netz soll Erkenntnisse der Computerwissenschaften nutzen, aber auch die Methoden der Lebenswissenschaften und der Physik.

Der Weg zum schlauen Internet

Der Begründer des World Wide Web, der 1994 an das Massachusetts Institute of Technology in Cambride ging, arbeitet seit einigen Jahren selbst an einer neuen Generation des Internets, dem sogenannten "semantischen Web". Berners-Lee will das Kommunikationsmedium so aufrüsten, daß die Computer verstehen, was die Benutzer meinen. Als Fernziel steht die Spracherkennung. Der Satz: "Ich will über das Wochenende nach Paris fliegen, welche Flüge gibt es noch?", soll für den Rechner dann mehr sein, als nur eine Aneinanderreihung von Zeichen.

Bis ein Rechner die eingegebenen Daten ihrer Bedeutung nach erfassen, interpretieren und in entsprechende Aktionen umwandeln kann, wird allerdings noch viel Entwicklungsarbeit notwendig sein. Das weiß auch Berners-Lee. Doch das semantische Web ist nur ein Teil dessen, was ihm und seinen Kollegen vorschwebt. Für dringlicher hält man derzeit die systematische, sich nach naturwissenschaftlichen Maßstäben orientierende Auseinandersetzung mit dem bestehenden und sich rapide weiterentwickelnden weltweiten Computernetzwerk. Unter dem Titel "Creating a Science of the Web" stellen Berners-Lee, Daniel J. Weitzner, ebenfalls vom MIT, Wendy Hall und Nigel Shadbolt von der University in Southampton sowie James Hendler von der University of Maryland ihre Ideen und Ansätze in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift "Science" (Bd.313, S.769) vor.

Die interdisziplinäre Denkeweise

Die fünf Forscher gebrauchen in ihrem Artikel den Begriff "Wissenschaft" sowohl im Sinn der klassischen Naturwissenschaften, die die Welt hinsichtlich makroskopischer Gesetzmäßigkeiten analysieren und deren Entwicklung mit Modellen beschreiben, als auch im Sinn der Computerwissenschaften, die weniger analysieren, als vielmehr neue Sprachen und Algorithmen hervorbringen, dank derer die Rechner noch mehr Fähigkeiten erlangen. Da die neue Disziplin beide Aspekte abdecken soll, ist nach Ansicht der Forscher eine interdisziplinäre Denkweise erforderlich.

Das Ziel einer Web-Wissenschaft sei es, zum einen die Prinzipien zu verstehen, nach denen sich das Internet entwickelt. Zum anderen sollen leistungsstarke und nutzbringende Werkzeuge geschaffen werden, die das Netz noch leistungsfähiger machen. Dadurch würden sich neue Medien, Datenquellen und Zugangsmöglichkeiten besonders im mobilen Sektor eröffnen. Das berge allerdings Gefahren, die rechtzeitig erkannt werden müßten. Soziale Werte und Belange wie Vertrauenswürdigkeit, der Respekt vor der Privatsphäre und vor sozialen Randgruppen dürften auch in einem Internet der Zukunft nicht außer acht gelassen werden. Schließlich soll vom World Wide Web nach Ansicht der Forscher um Berners-Lee auch künftig die gesamte Gesellschaft profitieren können.

Die Visionäre wollen auch besser verstehen, wie die Gesellschaft mit den neuen Möglichkeiten und den aufkommenden Informationsströmen umzugehen lernt. Doch auch bei der Entwicklung des World Wide Web der Zukunft will Berners-Lee jenen ideellen Werten treu bleiben, die ihn seinerzeit am Cern angetrieben haben: Freiheit, Universalität und Transparenz.

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