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Internet Der legale Musik-Download kommt in Schwung

09.08.2004 ·  Apple hat es vorgemacht, Karstadt, Sony, AOL und Coca-Cola haben es nachgemacht, Ebay testet es, und Microsoft wird wohl bald folgen: Der Verkauf digitaler Musikstücke im Internet lohnt sich und wächst stark.

Von Holger Schmidt
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Apple hat es vorgemacht, Karstadt, Sony, AOL und Coca-Cola haben es nachgemacht, Ebay testet es, und Microsoft wird wohl bald folgen: Der Verkauf digitaler Musikstücke im Internet ist zu einem lohnenden Geschäftsmodell geworden. Das Geschäft, das lange Zeit vor sich hin dümpelte, gewinnt plötzlich rasant an Fahrt: „Die Musik-Downloads haben bei AOL zwischen März und Juli um 400 Prozent zugelegt“, sagte AOL-Sprecher Jens Nordlohne.

Bis zu 15.000 bezahlte Musiktitel werden dort täglich aus dem Netz gesaugt. Musik-Pionier Apple verkauft in seinem deutschen I-Tunes-Musikstore sogar mehr als 35.000 Titel täglich, schätzen Branchenkenner. T-Online kann bei diesen Zahlen nicht mithalten, spricht aber immerhin von mehr als 100.000 verkauften Titeln im Monat bei schnell steigenden Verkaufszahlen.

Initialzündung kam von Apple

Die Gründe für den Anstieg sind vielfältig. Die Initialzündung ging vom innovativen Computerbauer Apple aus. Um den Verkauf seines digitalen Musikspielers iPod anzukurbeln, hat Apple den Musikstore I-Tunes ins Netz gestellt und damit einen völlig überraschenden Erfolg erzielt: Mehr als 100 Millionen Songs wurden bisher verkauft. Zur Zeit gehen in den vier I-Tunes-Ländern jede Stunde rund 20.000 Titel über die virtuelle Ladentheke.

Neben dem Überraschungscoup von Apple haben die Klagen der Musikindustrie viele Internetnutzer abgeschreckt, die Tauschbörsen zu nutzen, in denen die Musik kostenlos zu haben ist. Allerdings darf sich die Musikindustrie nicht zu früh freuen, wie neue Untersuchungen aus Amerika zeigen: Die Nutzer haben zwar den populären Tauschbörsen Kazaa und Grokster den Rücken gekehrt. Statt dessen sind sie auf andere Tauschbörsen ausgewichen, die nicht so stark im Visier der Musikindustrie stehen.

Dieser Effekt ist auch in Deutschland zu beobachten: Die Zahl der deutschen Kazaa-Besucher ist seit dem vergangenen November um rund zwei Drittel eingebrochen. Dagegen haben andere Tauschbörsen wie WinMX und Emule ihre Nutzerzahlen gehalten oder sogar ausbauen können, wie Nielsen-Netratings gemessen hat. Die Tauschbörsen erreichen zur Zeit noch weit höhere Besucherzahlen als die Download-Plattformen I-Tunes, T-Online (Musicload) und AOL.

Internetradio bereitet Sorgen

Das Gespenst der Musiktauschbörsen ist noch nicht ganz verdrängt, da taucht bereits das nächste Sorgenkind der Musikindustrie auf: das Internetradio. Viele Sender rund um den Globus übertragen Musikstücke in bester digitaler Qualität, oft mit Daten über den Sänger und das Stück angereichert. Inzwischen sind im Internet Dutzende Programme frei verfügbar, mit denen sich die Musikstücke - ganz legal - aufnehmen lassen. Sogenannte Stream-Ripper-Programme filtern sogar gewünschte Titel heraus und speichern die Stücke einzeln auf der Festplatte ab. Da viele Programme nicht nur einen, sondern viele Sender parallel überwachen, kann auf diese Weise schnell eine umfangreiche Musiksammlung entstehen.

Diese Programme sind Grund genug für den amerikanischen Musik-Branchenverband RIAA, Alarm zu schlagen. „Ungeschütztes Internetradio kann ein populärer Ersatz für die nichtautorisierten Tauschbörsen werden, da die Konsumenten jedes gewünschte Musikstück kostenlos in CD-Qualität erhalten können“, argumentiert RIAA. Die ökonomischen Konsequenzen seien groß, denn 56 Prozent der Konsumenten unter 55 Jahre hätten angegeben, weniger Musik zu kaufen, wenn sie Internetradio hören könnten. RIAA fordert deshalb, daß die Musikstücke nicht einzeln herausgefiltert werden können und ein entsprechender Kopierschutz den Tausch der Stücke im Internet unterbindet.

Angst vor Raubkopien

Neben der Musikindustrie greift auch die Filmindustrie auf eine Mischung extremer Vorsicht und Hilfe der Justizbehörden zurück. Nachdem Blockbuster wie „Herr der Ringe“ oder „Harry Potter“ bereits vor dem offiziellen Kinostart als Raubkopien im Internet auftauchten, wurde der Film „(T)Raumschiff Surprise - Periode 1“ wie ein Staatsgeheimnis behandelt. Zu groß war die Angst, irgend jemand könnte eine Kamera in einem Kinosaal mitlaufen lassen oder gar an eine digitale Kopie gelangen. Der Aufwand lohnte: Zum Kinostart war keine illegale Fassung im Internet zu finden. Erst zwei Tage später tauchte ein Mitschnitt aus einem Kinosaal in den Tauschbörsen auf. Aber auch dessen Ursprung wurde rasch gefunden.

Die Ermittlungsbehörden, die in den vergangenen Monaten sehr aktiv gegen professionelle Raubkopierer tätig waren, haben in der vergangenen Woche wieder zugeschlagen: Die Frankfurter Polizei und die Staatsanwaltschaft haben einen Rechner an der Frankfurter Johann Wolfgang Goethe Universität sichergestellt, auf dem Raubkopien aktueller Filme gespeichert waren. Dort war auch eine Version des aktuellen Kinofilms "I, Robot" gespeichert. Nach Angaben eines Polizeisprechers waren auf dem Netzwerkrechner rund 200 Filme und Spiele gespeichert. Er war über eine Standleitung des Universitäts-Rechenzentrums an das Internet angebunden.

"Video on demand" im Kommen

Parallel zur Verfolgung der illegalen Anbieter bauen Internetunternehmen das legale Angebot aus. T-Online verkauft nach eigenen Angaben mehr als 500 Filme an Wochentagen und mehr als 1000 Filme an den Wochenendtagen. Die Nachfrage der Internetnutzer steige stetig an, sagte ein Sprecher. Konkurrent Arcor hat rund 1300 Filme im Angebot: "Im Durchschnitt werden bei Arcor 7000 Filme im Monat heruntergeladen", sagte Arcor-Sprecher Paul Gerlach. Die Qualität der Filme entspreche inzwischen einer DVD. Große Umsätze werden mit dem neuen Geschäftsmodell aber noch nicht erzielt. "Video on demand ist ein langsam anlaufendes Geschäft, aber profitabel", sagte Arcor-Chef Harald Stöber dieser Zeitung.

Ein entscheidender Faktor für den Erfolg der Internetvideotheken ist die Zeitspanne zwischen dem Kinostart und dem Vertrieb im Netz. Sie darf nicht zu lang sein, da der Film sonst in Vergessenheit gerät. "Zur Zeit beträgt diese Spanne bei populären Filmen ein Jahr", sagte Gerlach. T-Online zeigt sich jedoch optimistisch, die Zeitspanne zu verkürzen: "Wir nähern uns im Internet dem Zeitpunkt, an dem die DVD in die Videothek kommt", sagte ein Sprecher.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.08.2004, Nr. 183 / Seite 15
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