"Meine Leser wissen mehr als ich", schreibt Dan Gillmor auf seiner Internetseite. Gillmor, selbst ein Vierteljahrhundert lang Zeitungsjournalist, leitet nun das Zentrum für Bürgerjournalismus der Universitäten Harvard und Berkeley und ist oberster Verfechter eines Paradigmenwechsels im Journalismus: "Die Medien erleben zurzeit eine Demokratisierung - jeder kann teilnehmen. Als der amerikanische Präsident Kennedy ermordet wurde, war nur zufällig ein Mensch mit einer Kamera dabei, der die Szene fotografierte. Künftig haben Tausende Menschen hochauflösende Kameras in ihren Taschen, die Fotos von solchen Ereignissen direkt ins Internet stellen können. Das ändert den Journalismus grundlegend", sagte Gillmor auf einer Diskussionsveranstaltung der Kölner Journalistenschule in Köln.
„Journalisten müssen zuhören - das ist nicht ihre Stärke“
Wenn aus Bürgern Journalisten werden, bleibe dies nicht ohne Folgen für die Profis: "Das Berufsbild eines Journalisten, alles zu wissen oder zumindest zu glauben, alles zu wissen, ist veraltet", sagte Gillmor. Aus der Vorlesung werde eine Unterhaltung mit den Lesern, sagte Gillmor. "Journalisten müssen zuhören können. Das gehört bisher nicht zu ihren Stärken", sagte Gillmor. Journalisten sollten ihren Lesern künftig lieber zeigen, wo die guten Inhalte im Internet sind. "Damit sendet der Journalist die Leser zwar auf andere Internetseiten, aber wenn der Inhalt, den sie dort finden, gut ist, kommen sie zurück", sagte Gillmor.
Von den Nutzern erzeugte Inhalte wie Blogs oder Videos seien in kurzer Zeit ein fester Bestandteil der Medienwelt mit einer ähnlichen Breitenwirkung geworden. "Als Apple-Chef Steve Jobs seine Idee zur Abschaffung des digitalen Rechtemanagements in die Welt tragen wollte, hat er die Geschichte keinem Journalisten erzählt. Er hat sie in einem Blog veröffentlicht. Das reichte, um in die traditionellen Medien zu gelangen. Er hat auf diesem Weg sogar mehr Leser bekommen", sagte Gillmor.
Junge Entscheider bevorzugen das Internet
Steve Jobs' Weg über das Internet war erfolgreich, weil für seine Zielgruppe der jungen Entscheidungsträger das Internet inzwischen die wichtigste Quelle für Wirtschaftsinformationen ist - knapp vor der Tageszeitung, hat eine Umfrage der Unternehmensberatung Roland Berger ergeben. Magazine, Fernsehen und Radio spielen in dieser Zielgruppe nur eine untergeordnete Rolle. Unter den Medienmachern selber liege die Tageszeitung noch klar vor dem Internet, dicht gefolgt von Magazinen, sagte Roland-Berger-Partner Karl Ulrich in Köln.
Überhaupt schätzt die Mehrheit der Medienmanager das Internet nicht als Bedrohung, sondern als verlängerten Arm der Printmedien ein. In einer Umfrage des World Editors Forum und der Nachrichtenagentur Reuters unter 435 verantwortlichen Redakteuren sehen 80 Prozent der Befragten die Online-Medien als wertvolle Ergänzung zu den traditionellen Medien. Vier von fünf Chefredakteuren sehen auch den Bürgerjournalismus positiv; als Bedrohung wird er nur von 5 Prozent der Befragten angesehen.
Blogs ziehen Werbung an
Der Wandel in der Mediengunst wirkt sich allerdings auch auf die Werbemärkte aus. "Ebay oder Craigslist erfüllen die Bedürfnisse der Menschen, die etwas verkaufen wollen, besser, als es die Rubrikenmärkte der Zeitungen können. Da Craigslist seine Dienste weitgehend kostenlos anbietet, können die Printmedien kaum mithalten", sagte Gillmor. Auch erfolgreiche nutzergenerierte Inhalte wie die Huffington Post in Amerika oder die Ohmy News in Korea, die von 40 000 Bloggern geschrieben wird, ziehen immer mehr Werbung an, die den traditionellen Medien verlorengehe. "Die Werbung wird vom Journalismus getrennt. Ich habe keine Lösung für das Problem. Die Medien müssen experimentieren, um neue Geschäftsmodelle auszuprobieren", sagte Gillmor. Er warnte aber davor, zu stark auf die Kraft einer etablierten Marke zu vertrauen. "Junge Menschen richten sich nicht mehr so stark an Medienmarken aus. Vielmehr werden Journalisten selber zu individuellen Marken", sagte Gillmor.
Warum in die Ferne schweifen...
Armin Meier (Duese5)
- 02.04.2007, 12:40 Uhr
Herr Meier: FAZ lesen
Holger Schmidt (FAZ-ht)
- 02.04.2007, 14:13 Uhr
Danke für die Antwort
Armin Meier (Duese5)
- 02.04.2007, 17:07 Uhr
