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Internet Anschubfinanzierung

Was als eine clevere Geschäftsidee begonnen hat, wird ein staatlich bezuschußter Betrieb: Der „Perlentaucher“ lernt für 1,4 Millionen Euro Englisch.

Morgen will das Online-Magazin „Perlentaucher“ seine schon länger angekündigte englische Ausgabe unter der Adresse www.signandsight.com freischalten. Das neue Internet-Angebot soll ähnlich wie die elektronische Kultur-Rundschau funktionieren, die seit fünf Jahren jeden Morgen in Stichworten über die Themen und Thesen der deutschsprachigen Feuilletons berichtet, nur eben auf Englisch.

Drei Journalisten hat das Berliner Unternehmen eingestellt, die täglich zusammentragen und auf ein paar Zeilen eindampfen sollen, was in den Kulturteilen der Zeitungen rezensiert und diskutiert wird. Die Übersicht wird auf der Presseschau des deutschen „Perlentauchers“ basieren, soll aber kürzer und wählerischer ausfallen sowie gelegentlich um Hintergründe und Hinweise ergänzt werden, die dem ausländischen Publikum die deutschen Debatten erst erschließen.

Fünfhunderttausend Besucher im Monat

An drei, vier Artikeln, die den Perlentauchern besonders bemerkenswert erscheinen, wird „signandsight“ zudem jede Woche die Rechte erwerben, um sie komplett ins Englische zu übertragen und ungekürzt ins Netz zu stellen. Diese immerwährende Übersetzungsarbeit, so „Perlentaucher“-Gründer Thierry Chervel, solle nicht weniger als die Sprachgrenzen überwinden und die kulturelle Öffentlichkeit internationalisieren helfen. Das Netz und die englische Sprache seien die idealen Transmissionsriemen dafür.

Betriebswirtschaftlich setzt der „Perlentaucher“ mit der englischen Ausgabe seine Expansionsstrategie der vergangenen Jahre fort. Schrittweise hat der Online-Dienst sein anfangs sehr schmales Angebot erweitert; mittlerweile werden neben der Feuilletonrundschau auch Hinweise auf Zeitschriftenartikel, Literatur-Rezensionen und Kultursendungen im Fernsehen sowie mehrere eigene Kolumnen publiziert. Nach Angaben von Chervel nutzen den Service knapp fünfhunderttausend Besucher im Monat, von denen nicht wenige den Weg zu den Internet-Feuilletonisten über die Seiten von „Spiegel online“ finden dürften, mit dem die „Perlentaucher Medien GmbH“ einen Kooperationsvertrag unterhält.

Finanzierung über Sponsoring und Werbung

Es wäre allerdings ein Irrtum, den Start von „signandsight“ nur für den gewissermaßen logischen nächsten Wachstumsschritt eines Kleinbetriebs zu halten. Das Projekt verändert den Charakter des „Perlentaucher“. Nicht so sehr wegen der hochgespannten Ambitionen des Vorhabens, sondern wegen dessen Finanzierung. Für „signandsight“ erhält die „Perlentaucher GmbH“ nach Chervels Worten bis September 2007 knapp 1,4 Millionen Euro von der Bundeskulturstiftung, die ihren Jahresetat von gut vierzig Millionen Euro ihrerseits in voller Höhe aus dem Bundeshaushalt bezieht.

Nach Auslaufen der Anschubfinanzierung soll sich das neue Projekt über Sponsoring und Werbung selbst tragen. 1,4 Millionen Euro: Das mag, verglichen mit gängigen Investitionen im Straßenbau oder in der Forschungspolitik, wie ein minimaler Betrag wirken, ist aber im permanent klammen Markt der Online-Medien eine riesige Summe, die die Risiken der Darstellung des deutschen Feuilletons im Ausland ziemlich komfortabel abpolstert und den journalistischen Service des „Perlentaucher“ wie nebenbei zu einem Kulturprojekt adelt. Was als typisches Start-up-Projekt in den späten Boomjahren der new economy begonnen hat, wird ein öffentlich gefördertes Instrument der deutschen Außendarstellung; aus einer cleveren Geschäftsidee wird ein staatlich bezuschußter Betrieb - keine ganz untypische Karriere in der Bundesrepublik.

Keine gute Basis

Mehr noch, zum erstenmal wird mit dem Geld der Bundeskulturstiftung Realität, was zuletzt auf dem Höhepunkt der Zeitungskrise als finaler (und reichlich fiktiver) Rettungsanker erwogen wurde: die direkte oder indirekte Subventionierung der Qualitätspresse aus Steuermitteln nämlich. Alle Fragen, die damals nach den möglichen Folgen einer solchen Beihilfe für die Unabhängigkeit der Redaktionen gestellt wurden, stellen sich auch jetzt, selbst wenn es sich um ein ach so wunderbar menschenfreundliches Vorhaben zur Förderung des geistigen Austauschs über Grenzen hinweg handelt, dessen Charme gewiß kein Kulturpolitiker widerstehen konnte.

Der „Perlentaucher“ und sein neuer englischer Dienst jedenfalls werden gut daran tun, die inhaltliche Distanz zu ihren institutionellen Förderern strikt einzuhalten. Und es kann gewiß nicht schaden, wenn sie - ähnlich wie andere öffentlich geförderte Institutionen, die sich seit jeher um die Vermittlung deutscher Kultur im Ausland kümmern - möglichst unabweisbare Kriterien für ihre täglichen Auswahlentscheidungen entwickeln.

Der zuletzt anschwellende Brummton, die wachsende Schludrigkeit und die bisweilen durchklingende Gelangweiltheit der Perlentaucher-Redaktion, der als Kommentar zu manchen Artikeln nur mehr ein schnodderiges „Gähn!“ einfiel, mag nach fünf Jahren professioneller Lektüre eine halbwegs verständliche Ermüdungserscheinung sein. Angemessen ist diese Haltung nicht. Und für die hehre Absicht, eine europäische, potentiell globale Öffentlichkeit für die intellektuellen Debatten der Bundesrepublik zu interessieren, ist es keine gute Basis.

Quelle: F.A.Z., 28.02.2005, Nr. 49 / Seite 40

 
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