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Informations-Technologie Teures Indien

18.07.2007 ·  Bislang galt Indien als günstiger Standort für die IT-Branche. Doch die Löhne für Spezialisten steigen in Indien rasch. Viele Anbieter liebäugeln vor allem mit China. In wenigen Jahren dürfte Schanghai dem indischen Bangalore den Rang ablaufen.

Von Christoph Hein, Singapur
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Rasch steigende Löhne und Gehälter, die immer stärkere Währung und das Infrastrukturchaos in Indien gefährden das Wachstum der Informationstechnologie (IT), bislang das Aushängeschild des indischen Wirtschaftsaufschwungs. Indiens IT-Zentren, allen voran Bangalore, geraten unter Druck von konkurrierenden Standorten. Gewinner könnte vor allem China sein. Aber selbst das kalifornische Silicon Valley erscheint Investoren vor dem Hintergrund steigender Preise in Indien wieder attraktiver.

Auf mittlere Sicht dürfte die chinesische Wirtschaftsmetropole Schanghai Bangalore den Rang ablaufen. Derzeit sind mit Bangalore, Neu-Delhi und Bombay (Mumbai) noch drei indische Städte und ist mit Dalian nur eine chinesische Stadt unter den besten fünf Metropolen der Outsourcing-Branche. In nur einigen Jahren wird sich das Blatt zugunsten Chinas gewendet haben: Dann sind mit Schanghai, Dalian und Peking drei chinesische Städte unter den ersten fünf. Zu diesem Ergebnis kommt das Forschungsinstitut IDC in seiner jüngsten Studie. Darin werden 35 Standorte für Ausgliederung von Geschäftsprozessen (Outsourcing) verglichen.

Für kleine Firmen lohnt sich Indien nicht mehr

Zu den Maßstäben zählten Arbeitskosten, Immobilienpreise, aber auch Sprachvermögen, sagt Conrad Chang, Forschungsdirektor für IDC in Asien. „Schon heute besitzt China im Outsourcing-Geschäft eine starke Bindung zu Japan und Korea, Märkten, in denen die Inder immer Probleme hatten“, sagt Chang. Auch hätten die Chinesen genau studiert, wo die Vorteile Indiens lägen, und vieles davon kopiert, ohne freilich die Fehler zu wiederholen. So stelle China - gerade im Gegensatz zu Indien - heute oftmals eine hervorragende Infrastruktur zur Verfügung, vom Hochtechnologie-Park über Breitbandkabel bis zur sicheren Stromversorgung.

Doch wächst die Konkurrenz nicht nur in China: „In Zukunft werden eine ganze Reihe von Schwellenländern im unteren Bereich der IT-Dienstleistungen mit Indien und China konkurrieren. Zu ihnen zählen wohl Malaysia, Brasilien und Vietnam genauso wie Russland, Ungarn und Polen“, heißt es in einer gerade vorgelegten Studie der Business Software Alliance, die die Economist Intelligence Unit durchgeführt hat. Doch selbst der entwickelte Standort Amerika macht wieder Punkte: Denn gute indische Ingenieure kosten heute schon etwa 75 Prozent ihrer Kollegen in Amerika. Dafür aber lohnt gerade für kleinere Firmen das „Experiment Indien“ nicht mehr.

Größter Software-Anbieter verkündet Rückgang

Schon schwächt sich das Wachstumstempo von Indiens Vorzeigebranche - auf sehr hohem Niveau - langsam ab: Für dieses Fiskaljahr (31. März) rechnet der Industrieverband nur noch mit einem Zuwachs der IT-Dienstleistungsexporte zwischen 26 und 29 Prozent auf einen Wert von dann etwa 40 Milliarden Dollar. Im vergangenen Jahr hatte die Wachstumsrate noch bei 33 Prozent gelegen.

Indiens größter Software-Anbieter, Tata Consultancy Services (TCS), verkündete zu Wochenbeginn aufgrund der starken Währung und steigender Gehälter einen Rückgang der Marge vor Abschreibung, Steuern und Zinsen von 25,6 auf 23 Prozent für das letzte Quartal seines Geschäftsjahres (31. März). Die Währung kostete das Unternehmen 258 Basispunkte beim operativen Gewinn, die anziehenden Löhne weitere 208 Basispunkte. In der Branche heißt es, ein einprozentiger Kursanstieg der Rupie verringere die Gewinnspannen indischer Export-Unternehmen um bis zu einen halben Prozentpunkt.

Gehaltskosten ziehen um bis zu 15 Prozent an

Der Außenwert der Rupie liegt jenseits der Einflusssphäre der Unternehmen und dürfte problematisch bleiben. Er schmälert die Gewinne, die indische Unternehmen auf ihrem wichtigsten Auslandsmarkt, in Amerika, erzielen. Auf der anderen Seite raubt er dem Standort Indien aus Sicht ausländischer Investoren Attraktivität. Getrieben vom Wirtschaftswachstum von etwa 9 Prozent, legte die indische Währung allein im zweiten Quartal um 6,8 Prozent gegenüber dem Dollar zu, schon im ersten Quartal waren es 6,6 Prozent. Die Folgen liegen auf der Hand: Ausländer rechnen mit spitzem Bleistift nach, wie hoch die Kostenvorteile angesichts rasch zulegender Löhne und der teuren Rupie in Indien denn nun wirklich sind.

Die Gehaltskosten in Indien ziehen im Jahresrhythmus zwischen 10 und 15 Prozent an, heißt es bei TCS-Konkurrent Infosys Technologies Inc. Zurzeit berechnet Infosys in Indien umgerechnet durchschnittlich 29 Dollar pro Mannstunde. TCS erklärte, seine Löhne im Ausland zögen zwischen 3 und 5 Prozent an.

„Finishing schools“ erhöhen die Kosten weiter

Inder und ausländische Unternehmen leiden zudem unter der weiterhin schlechten Infrastruktur. In Bangalore wehren sich die Firmen gemeinsam immer wieder gegen die politischen Verzögerungen des Ausbaus, Hotelbetten sind knapp und außerhalb der Monsunzeit kaum noch zu bezahlen, die Staus kosten Mitarbeiter und Besucher Stunden und Indien an Ansehen. Längst sind die Firmen dazu übergegangen, nicht nur einen jeweils eigenen, westlichen Standards entsprechenden Campus zu bauen, sondern auch eigene Gästehäuser zu errichten.

Auch der Talentpool Indiens sieht schwächer aus, als es auf den ersten Blick erscheint: Nur 30 Prozent der Hochschulabgänger in Indien seien in der Software-Industrie überhaupt einsetzbar, heißt es in der Studie von BSA. Viele der IT-Großunternehmen sind inzwischen dazu übergegangen, neue Mitarbeiter durch halbjährige „finishing schools“, berufsvorbereitende Seminare, zu schicken. Erst danach sind sie in den Berufsalltag einzugliedern. Aber dies erhöht die Kosten weiter. Kiram Karnik, Vorstandsvorsitzender von Nasscom, erwartet, dass Indiens IT-Industrie 2010 mehr als eine halbe Million Stellen nicht wird besetzen können.

„Qualifizierte Mitarbeiter gehen nach Singapur“

War bis vor wenigen Jahren diese Branche die einzige, in der qualifizierte Hochschulabgänger Karriere machen konnten, haben sie inzwischen die Wahl unter einer Vielzahl von Sektoren - von der Automobilindustrie über Banken und Versicherungen bis zu Unternehmensberatungen. Das aber treibt die Preise. „Kein Land kann allein über Kosten konkurrieren. Indische Dienstleister spüren inzwischen Konkurrenz aus Russland, aus Ungarn und sogar aus Vietnam“, warnt BSA.

Nutznießer der Sättigung Indiens sind auch Standorte, die bislang allenfalls an zweiter Stelle genannt wurden - wie der südostasiatische Stadtstaat Singapur etwa. Ein Beispiel dafür ist die Entscheidung von Bosch, hier seine asiatischen IT-Aktivitäten zu bündeln. Singapur? Dort explodieren die Immobilienpreise, Vorstände auch deutscher Unternehmen lassen Abwanderungspläne ausarbeiten. Bosch aber sieht nach eingehender Prüfung die Vorteile: „Wir haben verschiedene Standorte in Asien intensiv geprüft, auch Bangalore in Indien“, sagt Heinz Derenbach, Technischer Leiter der Informationsdienstleistung bei Bosch.

„Qualifizierte Mitarbeiter etwa aus Australien oder Japan lassen sich nach Singapur versetzen, nach Indien ist dies ein Problem.“ Für Singapur sprächen auch dessen zentrale Lage zwischen China und Indien, seine hervorragende Infrastruktur, die langfristige politische Sicherheit und der Anschluss an wichtige Unterseekabel zum Datentransport. Hinzu käme die tatkräftige Hilfe der Regierung bei der Ansiedlung. Ausgerechnet die staatliche Bürokratie aber ist es, die die Ausländer in Indien immer wieder zur Verzweiflung treibt.

Quelle: F.A.Z., 18.07.2007, Nr. 164 / Seite 18
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