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„iCloud“ Der Lehrer folgt seinen Schülern

 ·  Jetzt geht auch Apple in die digitale Datenwolke Cloud. Andere waren schneller als Steve Jobs. In Ohio gibt es schon einen Schulbezirk, der seine Schüler die Cloud-Revolution erleben lässt.

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Ohne große Dieselmotoren läuft im Silicon Valley nichts mehr. Am allerbesten läuft es aber, wenn die grünen Dieselmaschinen des amerikanischen Herstellers Cummins gar nicht laufen. Denn wenn die Hightechregion der Welt auf Dieselbetrieb umschaltet, droht etwas heißzulaufen – und damit sind nicht die schweren Dieselaggregate hinter den Stahltüren gemeint, die einer der Chefs der Rechenzentren von Netapp, eines führenden amerikanischen Herstellers von Speicherrechnern, soeben geöffnet hat: „Die haben wir noch nie gebraucht“, sagt er mit Blick auf die blitzblanken Aggregate in der Größe eines Schiffsdiesels. „Aber wir müssen sie im besten technischen Zustand halten. Wenn es darauf ankommt, müssen sie sofort anspringen.“

Denn wenn die Technik aus dem vergangenen Jahrhundert, also der (Diesel-)Motor der traditionellen Industrie, gebraucht würde, dann wäre bei Netapp die normale Stromversorgung für die hauseigenen, hochmodernen Rechenzentren des 21. Jahrhunderts gerade zusammengebrochen – und schneller Ersatz müsste her, vorübergehend mit Dieselantrieb. Der muss dann die aufwendige Kühlung der zahlreichen Speicher- und Netzwerkrechner (Server) aufrechterhalten. Die sind in den sogenannten „Racks“ untergebracht, die hier bei Netapp in der kalifornischen Valley-Gemeinde Sunnyvale, aber eben auch an immer mehr anderen Orten in Kleiderschrankgröße und in langer Reihe nebeneinander stehen, um die stetig wachsende digitale Datenmenge der Welt dezentral – und damit künftig möglichst auch energieeffizienter – zu speichern.

Apple springt verspätet auf den Zug

Für das, was in den eigentlich langweiligen Rechenzentren passiert, gibt es einen Begriff, der in der Welt der Informationstechnologie (IT) seit knapp zwei Jahren immer schneller die Runde macht: Denn die Diesel halten im Notfall die „Cloud“ am Leben. Und kein Geringerer als der Apple-Mitbegründer und Vorstandsvorsitzende Steve Jobs hat der Cloud auf großer Bühne in dieser Woche seinen magischen Werbebuchstaben „i“ vorangestellt. Damit wird die Cloud begrifflich auf eine Stufe mit den Massenphänomenen iPod, iPhone und iPad gehoben. Mit Jobs’ neuer iCloud dürfte der Fachbegriff, der bisher nur Computerfans alter Schule elektrisieren konnte, in den kommenden Monaten im Bewusstsein breiter Bevölkerungsschichten ankommen. Prompt ließ auch Jobs hinter sich große Bilder des Rechenzentrums projizieren, das eigens für rund 1 Milliarde Dollar in North Carolina für die Aufnahme der Apple-Datenwolke gebaut worden ist. Wenn im Herbst alles läuft, dann legt auch Apple die Musik, die man bisher auf seinem eigenen Personalcomputer hüten musste, in die Cloud, die E-Mails, die man über sein Telefon verschickt, die Kontrakte, die dort gespeichert sind, die Fotos – und vieles, vieles mehr. Das kann und wird dann sogleich mit den übrigen elektronischen Geräten von Apple synchronisiert werden, die der Mensch in stetig steigender Zahl bei sich trägt – und natürlich auch noch mit dem Personalcomputer daheim, der aber zunehmend ein Nischendasein fristet. „Wir reduzieren den Personalcomputer auf die Rolle, nur noch ein Gerät unter anderen zu sein.“ So hat es Jobs in seiner Präsentation zu Beginn der Woche beschrieben, in San Francisco, keine Fahrstunde von den grünen Dieselaggregaten in Sunnyvale entfernt.

Damit springt Apple – verspätet und beinahe wie ein Lehrer, der seinen Schülern folgt – auf einen Zug auf, den andere längst auf die Reise geschickt haben. Andere, das sind Wettbewerber wie die Internetkonzerne Google und Amazon, aber auch klassische IT-Anbieter wie IBM, Hewlett-Packard, Microsoft oder in Deutschland zum Beispiel T-Systems. Die setzen sich schon seit einiger Zeit mit den IT-Abteilungen ihrer Unternehmenskunden darüber auseinander, wie sicher die Daten in der Cloud sind. Und sie beschäftigen sich mit der Frage, für welche Anwendungen und Programme in einem Unternehmen das Angebot der dezentralen Datenspeicherung und -verarbeitung überhaupt in Frage kommt. Denn manchmal gehen in der Cloud mitsamt ihrer Zugangstechnik auf der Basis von Internetstandards auch Daten verloren. Amazon ist das jüngst passiert. Aber seit der Ankündigung von Jobs redet darüber schon wieder keiner mehr.

In der Kantine von Netapp hingegen warten an diesem Tag Gesprächspartner, die ein Gefühl dafür vermitteln können, warum Datenpannen wie die von Amazon den Weg der Computerwelt hin zur jetzt wieder vermehrt dezentralen Datenverarbeitung kaum aufhalten werden. Bei den Gesprächspartnern handelt es sich, leider noch immer ganz ungewöhnlich für die Welt der IT, um zwei Frauen: Sharon Blanton und Tracy Pirkle. Sie arbeiten für kein Unternehmen. Sie wohnen auch nicht im Valley. Blanton und Pirkle sind vielmehr für die Computer und deren Betrieb in einem der größten Schulbezirke des amerikanischen Bundesstaats Ohio verantwortlich, für den Oak Hills Local School District in Western Hamilton County.

In den zugehörigen Schulen werden 8100 Schüler unterrichtet. Blanton und Pirkle sind dabei mit Schwierigkeiten konfrontiert, die jedem IT-Verantwortlichen auf der Welt bekannt vorkommen, nicht zuletzt in Unternehmen. Sie zählen die Gründe auf, die derzeit den Umbau zu Cloud-Infrastrukturen antreiben, ob innerhalb („private Cloud“) oder außerhalb („public Cloud“) der hauseigenen IT eines Unternehmens. Denn die Budgets für den Betrieb von Computer-Infrastrukturen sinken. Die Schüler beziehungsweise die Mitarbeiter sind stets mit moderneren Computern ausgerüstet, als die Schule oder das Unternehmen sie bereitstellen kann oder will. Die Nutzer sind daran interessiert, möglichst schnell die neusten Gerätetypen wie zum Beispiel Tabletcomputer oder internetfähige Mobiltelefone in ihren (Schul-)Alltag einzubinden. Kurzum: Privat-, nicht Geschäftskunden treiben derzeit den Innovationszyklus in der IT an. Gefragt ist deshalb mehr Flexibilität für weniger Geld.

Kein geringer Fortschritt

Der Oak Hills School District hat sich entschieden, aus dieser Not eine Tugend zu machen. Anstatt selbst eine große Zahl neuer Computer anzuschaffen, dürfen die Schülerinnen und Schüler nun ihre eigenen Geräte mit in die Schule bringen und dort einsetzen. Das gilt für Laptops, für Tabletcomputer oder iPhones gleichermaßen. Über die Geräte bekommen sie Zugang zu einem „virtuellen Computer“, den ihnen ihr Schulbezirk in einem, wenn man so will, eigenen kleinen Rechenzentrum bereitstellt. „Virtuell“ heißt, dass sich im Internetzugangsprogramm (dem Browser) des jeweiligen Schülers eine Arbeitsoberfläche öffnen lässt, die den Nutzern alle Programme zugänglich macht, die für die Arbeit an der Schule gebraucht werden. „Wir haben nun die Möglichkeit, jedem unserer Schüler einen virtuellen Computer zur Verfügung zu stellen“, berichtet Blanton. Das ist kein geringer Fortschritt. Die neuesten „normalen“ Computer, die die Schule danach noch selbst angeschafft hat, mussten längst nicht mehr so leistungsfähig sein wie ursprünglich geplant. Die Anschaffungskosten fielen von 1200 auf 450 Dollar je Stück. Es müssen zudem weniger Geräte mit einem geringeren Aufwand gewartet werden, neue Programme (Updates) können in kürzester Zeit auf die virtuellen Computer verteilt werden. „In der Summe spart das den Schulbezirk innerhalb von drei Jahren knapp 1,3 Millionen Dollar“, sagt Pirkle.

Das Angebot enthält alle Elemente moderner IT-Infrastrukturen, die auch für die Cloud nötig sind. Es setzt in diesem Fall auf Technik des Netzwerkausrüsters Cisco, des Softwarespezialisten VM Ware und von Netapp. Nach den Worten von Blanton und Pirkle ist die Konstruktion dazu in der Lage, eine Vielzahl von Speicherzugriffen in Stoßzeiten reibungslos abzuwickeln. Die Schüler sind begeistert und haben Teile des neuen Angebots schon genutzt, bevor davon offiziell überhaupt berichtet worden war. Das können sie nun, ebenfalls anders als früher, rund um die Uhr und an allen Tagen der Woche tun. „Das war schon einmal sehr hilfreich, als die Schüler wegen eines Schneesturms nicht in die Schule kommen konnten“, sagt Blanton. Denn an jenem Tag konnten sie sich über ihre Geräte daheim an ihren virtuellen Computerarbeitsplätzen an der Schule anmelden und so einfach weiterlernen.

Sicherheitslücken aufdecken

Blanton und Pirkle räumen zwar ein, dass noch nicht alle Lehrer die neuen Möglichkeiten nutzen, doch sprächen sich die Vorteile, auch dank des Einsatzes besonders engagierter Lehrerkollegen, schnell herum. Und mit Blick auf die Sicherheit habe es auch noch keine Schwierigkeiten gegeben. „Das Wissen eines Schülers, der unsere Systeme hacken wollte, setzen wir nun ein, um eventuelle Sicherheitslücken zu finden“, berichten die beiden – das sei doch viel sinnvoller als eine Strafe.

So pragmatisch nähern sich amerikanische Schulen den Möglichkeiten der neuen Technik. Die Schüler treiben die Lehrer an – und umgekehrt. So bekommen Blanton und Pirkle kurz nach dem Kantinengespräch eine E-Mail, die sie zu ihrer Reise nach Kalifornien beglückwünscht: „Wow, jetzt seid ihr nur noch ein paar Meilen vom Mutterschiff entfernt“, ist darin zu lesen. Das Mutterschiff – damit ist die Zentrale von Apple in Cupertino, einer Nachbargemeinde von Sunnyvale, gemeint. Und dort will Steve Jobs gerade ein neues Mutterschiff bauen, das seinem Namen alle Ehre macht. In der neuen, kreisrunden Unternehmenszentrale sollen im Jahr 2015 bis zu 12.000 Mitarbeiter arbeiten. Ganz gewiss ist bei den Planungen der künftige Erfolg der iCloud schon berücksichtigt.

Und hoffentlich müssen die Diesel in den Rechenzentren der Welt bis dahin auch weiterhin nur selten anspringen. Denn ein Datenverlust darf auch in der Cloud nicht passieren, höchstens dann, wenn die auf den Rechnern gespeicherten Schulnoten zu schlecht sind.

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Jahrgang 1969, Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für die Unternehmensberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.

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