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Hewlett-Packard : Carly, Compaq und die große Wende

Die frühere HP-Chefin Carly Fiorina hatte vor Jahren den Einstieg ins PC-Geschäft durchgesetzt, obwohl die Familien Hewlett und Packard vor mehr PCs gewarnt hatten. Bild: AP

Hewlett-Packard gab Milliarden aus, um zum weltgrößten Computer-Hersteller zu werden. Jetzt leitet HP-Chef Léo Apotheker die Kehrtwende ein. Er macht genau den Schritt rückgängig, mit dem seine Vor-Vorgängerin Carly Fiorina in eine neue Dimension führen wollte.

          Vergleicht man die Kursentwicklung seit den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, ergibt sich ein klares Bild: Hewlett-Packard (HP), das agile Unternehmen aus dem kalifornischen Silicon Valley, war für Aktionäre die sehr viel bessere Geldanlage als das früh schwerfällig gewordene Unternehmen IBM aus dem Bundesstaat New York. Doch seit der Jahrtausendwende hat sich das Bild gewandelt, ironischerweise seit dem Zeitpunkt, zu dem man bei HP den Eindruck gewonnen hatte, das Geschäftsmodell sei etwas angestaubt.

          Carsten Knop

          Chefredakteur digitale Produkte.

          Damals wurde mit Carly Fiorina eine Managerin geholt, die neuen Schwung in das Unternehmen bringen sollte. Das ist seither zu einem Teil gar nicht, zu einem anderen Teil nur unter großen Verwerfungen gelungen. Mit Blick auf die vergangenen zwölf Monate ist die Lage ohnehin eindeutig: IBM hat HP aus Aktionärssicht abgehängt - trotz der zahlreichen Zukäufe, die das wechselnde Management von HP in den vergangenen Jahren getätigt hat. Und mit dem Plan, sich vom Geschäft mit Personalcomputern zu trennen, macht der heutige Vorstandsvorsitzende Léo Apotheker - jedenfalls zum größten Teil - genau den Schritt rückgängig, mit dem seine Vor-Vorgängerin Fiorina HP in eine neue Dimension führen wollte.

          Spannend daran ist, dass Apotheker damit rückblickend auch den Familien der beiden Unternehmensgründer recht gibt, die in den Jahren 2001 und 2002, als es um die rund 19 Milliarden Dollar teure Übernahme des texanischen PC-Herstellers Compaq durch HP ging, erbitterten Widerstand geleistet haben. Damals hatte sich nicht nur die David and Lucile Packard Foundation gegen das Geschäft ausgesprochen, die zu jener Zeit mit einem Anteil von 10,4 Prozent der größte Einzelaktionär von HP war. Auch Walter Hewlett und David Woodley Packard, die beiden ältesten Söhne der Gründer, machten Opposition gegen den Zusammenschluss. Hewlett und Packard hatten gemeinsam Einfluss auf 7,5 Prozent der HP-Anteile. Wie schnell sich mit Managern die Moden ändern, zeigte sich schon damals an einer brisanten Personalie: im Verwaltungsrat der Packard-Stiftung saß auch Lewis Platt, der Amtsvorgänger von Fiorina bei HP.

          Walter Hewlett hatte vor allem strategische Gründe für seine Entscheidung geltend gemacht. Hewlett befürchtete durch den Zusammenschluss eine Schwächung der profitablen HP-Druckersparte und eine Stärkung des bei beiden Unternehmen angeschlagenen Geschäfts mit Personalcomputern. Zudem sei die Service-Sparte von Compaq für HP uninteressant, da es Compaq weniger um die strategische Beratung, die ein für HP wichtiges Wachstumsfeld sei, als um die Wartung von Computern gehe. Auf dem Gebiet der Netzwerkrechner (Server) bringe die Übernahme ebenfalls nichts. Darüber hinaus sei die Gefahr groß, dass das HP-Management wegen des Fusionsprozesses zu sehr abgelenkt werde. Die Unsicherheit könne sich negativ auf die Kundenbeziehungen auswirken.

          Im Nachhinein wird wohl jeder einräumen müssen, dass Hewlett mit seiner Einschätzung in weiten Teilen recht hatte: Nach dem Compaq-Kauf war HP lange mit sich selbst beschäftigt, verlor gute Manager wie den heutigen Henkel-Chef Kasper Rorsted und auf manchem zukunftsrächtigen Gebiet Boden gegenüber dem Wettbewerb. Fiorina kam aus der Defensive nie wieder heraus und musste gehen. Ihr Nachfolger Marc Hurd machte vieles richtig, fuhr das Unternehmen und seine Mitarbeiter aber offenbar auf Verschleiß - und arbeitet heute für den Wettbewerber Oracle.

          Jetzt versucht mit Léo Apotheker wieder ein anderer sein Glück - und führt die Überzeugungen zum Compaq-Kauf, die HP und Fiorina erst im Jahr 2002 in einer echten Kampfabstimmung unter den Aktionären durchsetzen konnten, ad absurdum. Was Fiorina schon damals hätte stutzig machen sollen: Von der Konkurrenz waren zu jener Zeit zu keinem Zeitpunkt Einwände gegen den Zusammenschluss der zwei auf ihrem Markt so bedeutenden Anbieter HP und Compaq zu hören gewesen. In einem Kommentar dieser Zeitung unter der Überschrift „Carly Fiorinas bitterer Sieg“ hieß es damals: „Es bleibt unklar, wie IBM bei den lukrativen Beratungs- und Fremdfertigungsverträgen geschlagen werden soll, welche Netzwerkrechner (Server) denen von Sun und IBM das Leben schwermachen sollen und warum EMC noch mehr als bisher um die Margen in seinem Geschäft mit Speicherrechnern bangen sollte.“ Und weiter: „Unterdessen sinkt der Anteil des profitablen Geschäfts mit Druckern und den dazugehörigen Toner- und Tintenpatronen von mehr als 40 Prozent auf gut 20 Prozent, während der Anteil des margenschwachen PC-Geschäfts von gut 20 Prozent auf ein Drittel steigen wird. Vor ihrem nächsten Sieg wird Fiorina daher viel verlieren.“

          Auf die Bemerkung, große Fusionen hätten in der Technologiebranche noch nie funktioniert, hat Fiorina damals selbst geantwortet, der Fall HP/Compaq unterscheide sich von vorangegangenen Zusammenschlüssen, da hier das Ziel der Konsolidierung im Vordergrund stehe. Ein Aufbruch in die Zukunft war die Konsolidierung allein aber auch nicht. Die Packard-Stiftung jedenfalls begann kurz danach, ihre Anteile am Unternehmen, das den Namen des Stifters trägt, Schritt für Schritt zu reduzieren.

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