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Handy-TV Fernseher in der Hosentasche

02.09.2006 ·  Die vier großen Mobilfunk-Riesen möchten den Handy-TV-Markt unter sich aufteilen und rufen damit das Kartellamt auf den Plan. Obwohl noch nicht alle technischen Fragen geklärt sind, gilt für die Mobilfunker der Markt als Hoffnungsträger.

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Die Augen starr auf den Bildschirm ihres Mobiltelefons gerichtet, laufen sie über die Berliner Funkausstellung. Nichts lenkt sie ab, kein noch so großer oder flacher Bildschirm kann sie beeindrucken. Trotzdem schauen sie fern - auf dem Mobiltelefon.

Um die wenigen Tester des neuesten Lieblingsspielzeugs der Handyhersteller und Mobilfunkanbieter bilden sich kleine Gruppen von faszinierten Besuchern, die es kaum glauben wollen. Es funktioniert. Bewegte Bilder im Daumenkinoformat.

Mobiles Fernsehen nicht zum Nulltarif.

Die Ifa zeigt: Das Mobiltelefon wird auch zum Fernseher. Bis dahin ist es aber noch ein weiter Weg. Es ist weder geklärt, auf welchen Frequenzen und mit welcher Technik das Handy-TV gesendet wird, noch wer das entsprechende Netz betreibt. Nur eines ist jetzt schon sicher: Das mobile Fernsehen gibt es nicht zum Nulltarif.

Derzeit gibt es drei Wege, das Handy-TV zum Zuschauer zu bringen. Schon seit zwei Jahren bietet etwa die Fernsehgruppe Pro Sieben Sat.1 Vorabsendungen der erfolgreichen täglichen Seifenoper "Verliebt in Berlin" über UMTS-Handy an.

Allerdings gilt UMTS, zumindest wenn es nicht um den individuellen Programmabruf (Video on Demand), sondern um Fernsehen geht, als wenig effizient. Die aus dem Mobilfunk stammende Technik ist teuer und funktioniert bei stark steigenden Nutzerzahlen nicht mehr.

Sendelizenzen aller Landesmedienanstalten

Vielversprechender erscheinen vielen Fachleuten da die beiden anderen Kanäle für das Handy-TV. Einerseits ist das die unter dem Kürzel DMB (Digital Multimedia Broadcasting) bekannte Technik, die inzwischen fast bundesweit zur Verfügung steht.

Mit der Mobiles Fernsehen Deutschland GmbH (MFD) gibt es auch einen Plattformbetreiber, der über die Sendelizenzen aller Landesmedienanstalten verfügt und daher überall ausstrahlen darf. MFD arbeitet derzeit unter anderem mit Debitel und Pro Sieben Sat.1 zusammen.

Der Stuttgarter Mobilfunkanbieter hat das bisher einzige kommerzielle Handy-TV in Deutschland im Programm. DMB-Handys sind auf der Messe unter anderem beim koreanischen Hersteller Samsung zu sehen.

Hosentaschen-Fernsehen

Außerdem kann das Hosentaschen-Fernsehen auch über die Konkurrenztechnik DVB-H (Digital Video Broadcasting for Handhelds) gesendet werden. Hier ist aber weder geklärt, wer den Netzaufbau übernimmt und die dafür notwendigen 400 bis 600 Millionen Euro bezahlt, noch, wer das Netz betreiben wird.

Gleichwohl hat DVB-H einen großen Vorteil: Es können bis zu 20 Fernsehkanäle übertragen werden und damit rund viermal so viele wie bei DMB. Deshalb geben wichtige Marktteilnehmer DVB-H den Vorzug.

DMB-Technik links liegen gelassen

So läßt die Fernsehkette RTL die DMB-Technik links liegen und plant nur mit DVB-H. Vor allem aber haben sich die vier Marktführer im deutschen Mobilfunkgeschäft für diesen Standard entschieden: T-Mobile, Vodafone, O2 und E-Plus wollen ein gemeinsames DVB-H-Netz betreiben.

Die Unternehmen bewerben sich um die nötigen Lizenzen und hoffen, diese bis Mitte des Jahres 2007 zu erhalten. Handys mit DVB-H-Empfang kommen unter anderem von Sagem und Nokia.

Einheitliche Handy-TV-Plattform umstritten

Der Vorstoß der vier Mobilfunk-Riesen ins Fernsehen ist allerdings umstritten. Das Bundeskartellamt prüft, ob die vier Anbieter überhaupt zusammen eine Handy-TV-Plattform betreiben dürfen. Eine Entscheidung sei bis Jahresende zu erwarten, sagt eine Sprecherin der Behörde auf Anfrage.

Medienrechtlich ist außerdem offen, nach welchen Kriterien und von wem die Programmplätze im Handy-TV verteilt werden. Im traditionellen Kabelfernsehen haben die Aufseher von den Landesmedienanstalten das letzte Wort. Aber soll das auch im Handy-TV gelten?

5 und 10 Euro im Monat für Handy-TV

Die großen Mobilfunkanbieter wollen jedenfalls die Kontrolle über das Netz, denn sie wollen Geld verdienen. Das geht aber nur, wenn das Fernsehsignal mit einer Grundverschlüsselung ausgestrahlt wird, was wiederum die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten ARD und ZDF kritisch sehen.

Erst dann können jedoch die Netzbetreiber ihre Kunden einzeln für den Handyempfang freischalten. In Branchenkreisen werden derzeit Beträge zwischen 5 und 10 Euro im Monat für ein solches Handy-TV-Abonnement diskutiert.

Stundenlang auf das Daumenkino starren

Die Anstrengungen der Mobilfunker werden von den hohen Erwartungen getrieben: Das Marktforschungsinstitut Informa schätzt, daß bis zum Jahr 2011 rund 210 Millionen Kunden international das Handy als Fernseher nutzen. Bis dahin sollen rund 10 Prozent der verkauften Handys fernsehtauglich sein.

Doch stundenlang auf das Daumenkino starren werden die Zuschauer wohl auch in Zukunft nicht, erwartet Manfred Neumann, der das Mobilfunkgeschäft von Pro Sieben Sat.1 leitet: "Im Schnitt schauen die Zuschauer nach unserer Erfahrung etwa zwei bis fünf Minuten am Stück Handy-TV."

Quelle: jcw./theu. / F.A.Z., 02.09.2006, Nr. 204 / Seite 17
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