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Soziale Netzwerke Google+ ist auch ein Angriff auf Twitter

 ·  Google+ ist deutlich mehr als Facebook. Der wichtigste Unterschied ist die Art und Weise, Kontakte zu knüpfen: Google+ gruppiert und sortiert stärker - und wird von vielen Experten als Herausforderung für Twitter gesehen. Die Social-Media-Elite zeigt sich begeistert.

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Ende Juni startete Google sein neues soziales Netzwerk Google+ im Versuchsbetrieb. In der ersten Wahrnehmung schien dieses Experiment vor allem ein Angriff auf Facebook zu sein. Google war bis dahin in den sozialen Netzwerken alles andere als erfolgreich, und das Layout von Google+ erinnert stark an Facebook: In der Mitte der privaten Startseite landen die Beiträge der Freunde und Bekannten, mit denen man vernetzt ist, links zeigt eine Personenleiste, wer gerade online ist und für einen Chat zur Verfügung steht.

Aber Google+ ist deutlich mehr als Facebook. Der wichtigste Unterschied ist die Art und Weise, Kontakte zu knüpfen. Facebook besteht aus Eins-zu-eins-Freundschaften mit der Möglichkeit, Listen und Gruppen anzulegen, Dinge zu verstecken, und man versinkt schnell in der Unendlichkeit der Optionen.

Ergebnisse nach individueller Relevanz

Google+ hingegen zieht seine eigenen Kreise und nennt sie „Circle“. Man gruppiert und sortiert stärker. Das Verhältnis der digitalen Mitbürger untereinander ist ein komplexes Gemenge aus symmetrischen und asymmetrischen Beziehungen. Mit den Kreisen beginnt der Spagat, einerseits persönliche Vernetzungen der realen Welt nachbilden zu wollen und andererseits die Prinzipien der Online-Vernetzung abzubilden, indem sich Personen in die eigenen Kreise ziehen lassen, die man vielleicht noch nie gesehen oder gesprochen hat.

Ferner verknüpft Google sein Plus mit dem Googlemail-Konto, mit den Abfragen in der hauseigenen Suchmaschine und mit den individuellen Bewertungen der Trefferliste einer Suchabfrage. Denn in dieser Trefferliste lassen sich (schon länger) einzelne Ergebnisse markieren und damit personalisieren. Die Suchmaschine arbeitet wie gehabt nach generalisierten Verfahren, erzeugt aber Ergebnisse nach individueller Relevanz. Mit Google+ entsteht eine weitere Verdichtung jener Informationen, die Google über seine Nutzer hat. Über die soziale Struktur kommt Neues hinzu, wenn Anwender diese Struktur zugänglich machen. Und wer das tut, landet in den Ergebnissen der Suchmaschine ganz oben. Auch bei der Suchfunktion innerhalb von Google+, „Sparks“ genannt, zeigt sich die Tendenz, dass Google stärker denn je ein digitaler Torwächter der Inhalte wird. Die angezeigten Suchergebnisse sind so hochselektiv wie die zugrundeliegenden Algorithmen intransparent.

„Google+ könnte Twitter zu schaffen machen“

Ferner wird Google+ von vielen Experten als Herausforderung für den Nachrichtendienst Twitter gesehen. „Google+ könnte Twitter zu schaffen machen“, schrieb Tom Anderson, Mitgründer des sozialen Netzwerks Myspace. Google wiederum hatte in der vergangenen Woche seine Allianz mit Twitter beendet. Wie Twitter bietet Google+ die Möglichkeit, einzelne Beiträge an andere weiterzugeben, also ein Pendant des Twitter-Retweets.

Vieles ist einfacher: Die Twitter-Beschränkung auf 140 Zeichen gibt es nicht, es lassen sich also längere Beiträge verfassen und Links zu Artikeln müssen nicht mit einem URL-Verkürzer gesetzt werden, sondern können (wie Fotos oder Videos) direkt eingefügt werden. Mit den „Kreisen“ ist das Weiterreichen von Neuheiten zudem selektiv einsetzbar, und wie bei Twitter gibt es „Follower“, nur dass das Arrangement von Google+ komplizierter ist. Wer einen anderen Nutzer in einen seiner Kreise hineinzieht, sieht dessen Beiträge auf der eigenen Pinnwand.

Tummelplatz für die Social-Media-Elite

Ungeachtet des eingeschränkten Versuchsbetriebs hatte der amerikanische Journalist Robert Scoble in der vergangenen Woche bereits rund 20.000 Fans. Wenig im Vergleich zu seinen rund 200.000 Followern auf Twitter. Aber Scoble schrieb, dass die Resonanz auf seine Beiträge in Google+ kaum geringer sei als die auf Twitter, und diese subjektive Beobachtung lässt sich durch die Auswertung von Zugriffszahlen auf „verlinkte“ Artikel bestätigen. Angeblich hat Google+, das seit dem Wochenende für alle Interessierten geöffnet ist, schon mehr als 5 Millionen Nutzer.

Die große Resonanz mag darin gründen, dass Google+ derzeit ein Tummelplatz für die Social-Media-Elite ist. Bereits wenige Tage nach dem Start waren die prominenten amerikanischen Journalisten und Meinungsbildner aus der Welt der Technik und des Internet nahezu vollständig auf Google+ vertreten, und ihre Begeisterung schlägt hohe Wellen. „Google+ ist derzeit wie eine Religion“, schrieb der amerikanische Journalismus-Professor Jeff Jarvis: „Man muss glauben und getauft sein. Google+ von außerhalb zu beurteilen ist nur verwirrend.“

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Jahrgang 1964, Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

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