Home
http://www.faz.net/-gqm-7rguo
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
CIO View

Tausende Anträge bei Google Löschen oder nicht löschen?

Die Entscheidung des EuGH, jeder könne die Löschung von Suchergebnissen verlangen, stellt Suchmaschinen vor neue Herausforderungen. Der Chefjustiziar von Google gibt einen Einblick, wie knifflig die praktische Umsetzung des Richterspruchs ist.

© dpa Google muss den richtigen Weg finden um Löschanträge ordnungsgemäß bearbeiten zu können

Jede Online-Suche erfolgt unter der Annahme, sofort Antworten zu erhalten. Wer „tiefer bohren“ will, kann auch weiter gehende Informationen finden. Dies alles ist möglich, weil verschiedene Unternehmen in den vergangenen zwei Jahrzehnten viel Geld und Know-how in die Entwicklung von Suchtechnologien investiert haben. Heute stehen Suchmaschinen in ganz Europa jedoch vor einer neuen Herausforderung – und wir hatten gerade einmal zwei Monate Zeit, um damit klarzukommen. Wir müssen nun herausfinden, welche Informationen wir gemäß einer Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs in unseren Suchergebnissen bewusst weglassen müssen.

In der Vergangenheit haben wir Suchergebnisse nur in einem sehr begrenzten Umfang gelöscht. Dazu zählten Suchtreffer für Seiten, die von einem Gericht als illegal betrachtet werden (etwa wegen Verleumdung), die das Urheberrecht verletzen (nachdem wir vom Rechteinhaber informiert wurden), die Schadsoftware enthalten, die personenbezogene Informationen wie Bankdaten beinhalten, Missbrauchsdarstellungen von Kindern zeigen oder andere Dinge, die nach dem jeweiligen Recht verboten sind (in Deutschland Material, das den Nationalsozialismus verherrlicht). Wir stützen uns bei diesem Ansatz auf Artikel 19 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte: „Jeder hat das Recht auf Meinungsfreiheit und freie Meinungsäußerung; dieses Recht schließt die Freiheit ein, Meinungen ungehindert anzuhängen, sowie über Medien jeder Art und ohne Rücksicht auf Grenzen Informationen und Gedankengut zu suchen, zu empfangen und zu verbreiten.“

Entfernung von Informationen

Allerdings hat der Europäische Gerichtshof vor kurzem entschieden, dass Personen das Recht auf Entfernung von Informationen aus Suchergebnissen mit Erwähnung ihres Namens haben, wenn sie „unangemessen, gegenstandslos, nicht mehr aktuell oder überzogen“ sind. Daneben sollen Suchmaschinen bei ihrer Entscheidung über Löschungen auch das öffentliche Interesse berücksichtigen. Das sind natürlich sehr ungenaue und subjektive Kriterien. Der Gerichtshof hat auch entschieden, dass Suchmaschinen keine „journalistische Ausnahme“ für sich in Anspruch nehmen dürfen. Das bedeutet, dass zum Beispiel die F.A.Z. rechtmäßig einen Artikel über eine Person auf ihrer Website zeigen kann, uns jedoch der Verweis auf ebendiesen Artikel in unseren Suchergebnissen bei einer Suche nach dem Namen dieser Person untersagt wäre. Das ist in etwa so, als würde man sagen, ein Buch kann in der Bibliothek bleiben, darf aber nicht in das Karteiregister der Bibliothek aufgenommen werden.

Mehr zum Thema

Aus all diesen Gründen sehen wir das Urteil sehr kritisch. Gleichzeitig respektieren wir natürlich die Vorgaben des Gerichts und bemühen uns nach Kräften um eine schnelle und verantwortungsbewusste Umsetzung. Das ist angesichts von über 70000 seit Mai eingegangenen Löschanträgen mit mehr als 250000 betroffenen Websites eine riesige Aufgabe. Unser Team überprüft jeden einzelnen Antrag individuell, meistens mit begrenzten Informationen und fast ohne Kontext.

Die bisher bei uns eingegangenen Anträge belegen die schwierige Werteabwägung, die Suchmaschinen und die europäische Gesellschaft zu treffen haben: Da gibt es ehemalige Politiker, die die Entfernung von Einträgen verlangen, die ihre Politik während ihrer Amtszeit kritisieren; Schwerstkriminelle verlangen die Löschung von Artikeln über ihre Verbrechen; das Löschen schlechter Beurteilungen von Architekten und Lehrern wird verlangt oder auch von Kommentaren, die Personen über sich selbst verfasst haben und nun bereuen. In jedem dieser Fälle möchte jemand, dass die Informationen unterdrückt werden, während andere möglicherweise vorbringen, dass sie weiterhin auffindbar sein sollten.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
()
Permalink

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Recht auf Vergessen Google widersetzt sich weltweitem Löschen von Einträgen

In Europa gelöschte Google-Ergebnisse werden auch weltweit nicht angezeigt? Nicht mit dem amerikanischen Suchmaschinen-Giganten. Der Streit zwischen dem Konzern und der französischen Datenschutzbehörde spitzt sich zu. Mehr

30.07.2015, 21:08 Uhr | Wirtschaft
Brüssel EU leitet weitere Untersuchung gegen Google ein

Die EU wirft dem Internetunternehmen Google Verfälschung von Suchergebnissen im Internet vor. In seiner Suchmaschine würde Google Treffer für eigene Dienste bevorzugen. Man habe auch eine kartellrechtliche Untersuchung gegen das Betriebssystem Android eingeleitet, teilte die Wettbewerbskommission in Brüssel mit. Mehr

16.04.2015, 11:57 Uhr | Wirtschaft
Google Alle Asylbewerberheime auf einen Blick

Eine Karte erfasst auf Google Maps die Adressen von Asylbewerberheimen in Deutschland. Das abfällige Vokabular offenbart die fremdenfeindlichen Absichten der Macher. Mehr Von Kornelius Friz

16.07.2015, 18:12 Uhr | Feuilleton
Fahrerlos Google lässt selbstfahrendes Auto auf öffentliche Straßen los

Google lässt seine selbstfahrenden Autos jetzt auch auf öffentliche Straßen los. Das drollige Gefährt mit den großen Augen ist zunächst nahe dem Firmensitz in Kalifornien unterwegs. Für alle Fälle ist sicherheitshalber immer noch ein speziell geschulter Fahrer mit an Bord. Mehr

29.06.2015, 11:18 Uhr | Technik-Motor
Soziales Netzwerk Google degradiert Google+

Kehrtwende bei Google: Die Nutzer können bald bei Youtube auch Videos hochladen und Kommentare hinterlassen, ohne ein Google+-Profil zu haben. Der Schritt kommt einer Teilkapitulation gleich. Mehr Von Roland Lindner, New York

28.07.2015, 16:14 Uhr | Wirtschaft

Aktualisiert: 11.07.2014, 11:00 Uhr


Googles Aktienkurs
Name Kurs Änderung
  Google Inc. --  --

Aktienkurse
Name Kurs Änderung
  Nasdaq 100 --  --
  Facebook --  --
  Google --  --
  Apple --  --
  Zynga --  --

Die Zweifel des IWF

Von Tobias Piller

Der IWF stellt seine Beteiligung an einem neuen Rettungspaket für Griechenland immer heftiger in Frage. Damit wankt das fragile Rettungsgleichgewicht. Mehr 10 20