27.03.2006 · Er ist einer der Väter des Internet und wurde vor einem halben Jahr von Google angeheuert: als „Chief Internet Evangelist“. Vint Cerf über die Pläne von Google, das Netz und die Medienlandschaft der Zukunft.
Von Holger SchmidtDie Charakterköpfe im Internet sind meistens jung, haben eine Geschäftsidee entwickelt und in kurzer Zeit erfolgreich an die Börse gebracht. Vint Cerf ist anders: Er hat schon in den siebziger Jahren das Internetprotokoll TCP/IP erfunden. Als einer der Väter des Internet hat Cerf seitdem alle wichtigen Funktionen im Internet innegehabt und ist heute quasi der Verwaltungschef im Netz.
Seit dem vergangenen Jahr ist der 62 Jahre alte Mathematiker als „Chief Internet Evangelist“ bei der Suchmaschine Google für die Visionen zuständig. Seine Lieblingsvision ist die totale Vernetzung, die weit über Internetrechner hinausgeht. „Geräte aller Art werden künftig zusammenarbeiten. Ein Beispiel: Wenn ich in einem Auto sitze, kann die Antwort auf die Frage, wo die nächste Tankstelle ist, nur im Zusammenspiel vieler technischer Geräte erfolgen: Mein Handy verfügt über ein Spracherkennungssystem und ist mit dem Internet verbunden. Mein Auto ist mit einem Satellitennavigationssystem ausgestattet und besitzt eine Internetadresse, so daß mein Aufenthaltsort bestimmbar ist. Dieser Ort wird an einen Internetrechner übermittelt, der als Antwort eine Landkarte mit dem Weg zur nächsten Tankstelle zum Auto sendet“, beschreibt Cerf die Zukunft des Internet. Doch damit ist noch nicht Schluß. Auch Gegenstände aller Art, die mit Funketiketten (RFID) ausgestattet sind, können schon bald zum Internet gehören.
Über Funketiketten ins Internet
„Man kann sich vorstellen, daß RFID-Chips Teil einer Internetadresse werden. Wenn man etwas über ein Produkt mit den selbstfunkenden Chips wissen will, lassen sich im Internet die nötigen Informationen finden“, sagte Cerf dieser Zeitung. RFID ist daher Teil der Google-Strategie: „Google hat großes Interesse an RFID“, sagte Cerf und bringt zugleich eines seiner Lieblingsthemen ins Spiel: IPv6, die sechste Version des Internetprotokolls. „Wir brauchen dringend einen größeren Adreßraum für alle mobilen Internetgeräte. Mit IPv6 lassen sich auch vielen Gegenständen Internetadressen zuordnen, so daß das Internet noch viel größer wird, als es heute ist“, erwartet Cerf. Die Zahl der verfügbaren Adressen sei im heutigen System viel zu gering.
Google sei auch sehr interessiert an geographisch indexierten Informationen. „Die ersten Anwendungen dieser Daten lassen sich in Google Earth, Maps oder Local ansehen. Ich denke, daß die Nachfrage nach lokalen Informationen stark steigen wird. Denkbar sind aber nicht nur Informationen über nahe gelegene Restaurants oder Krankenhäuser, sondern auch, wo sich meine Freunde gerade aufhalten und ob sie Lust haben, sich mit mir zu treffen“, sagte Cerf.
„Zeitungen müssen sich anpassen, oder sie sterben“
Google werde zudem eine wichtige Rolle in der Medienwelt spielen. „Google wird den Film finden, den ein Nutzer gerade sehen möchte, oder die Nachricht, die ihn in diesem Moment interessiert. Aber nicht im Sinne eines Flaschenhalses. Wir produzieren die Inhalte nicht. Google hilft nur, diese Inhalte zu finden“, sagte Cerf, der die Zukunft der Printmedien in der digitalen Welt positiv sieht. „Zeitungen haben eine Zukunft, denn hochwertige Informationen werden immer benötigt. Aber die Fähigkeit, die Nachrichten im Netz zu präsentieren, ist extrem wichtig. Zeitungen haben die Chance, sich im Internet neu zu erfinden. Denn in der Zeitung hat man die Restriktion des begrenzten Platzes. Im Internet gibt es keine Grenzen. Damit wachsen auch die Möglichkeiten, Nachrichten in verschiedenen Medien zu präsentieren, sei es im Internet oder auf mobilen Geräten. Ich glaube, noch nicht alle Verlage haben verstanden, welche Möglichkeiten sie heute haben, Nachrichten zu präsentieren und zu monetarisieren. Zeitungen müssen sich anpassen, oder sie sterben“, sagte Cerf.
Und die Zukunft von Google? „Wir werden wachsen“, erklärt er wenig überraschend. Auf jeden Fall werde Google mehr Präsenz in seinen Märkten zeigen. „Google wird viel mehr Büros in aller Welt eröffnen, um sich an die jeweiligen nationalen Eigenheiten anzupassen.“
Kein Verständnis für Forderung nach Kostenbeteiligung
Wenig Verständnis zeigte Cerf für die Forderung von Kai-Uwe Ricke, dem Chef der Deutschen Telekom, die großen Internetunternehmen wie Google oder Ebay sollten sich an den Kosten der Infrastruktur beteiligen. „Das klingt verrückt. Eine Telekommunikationsgesellschaft sagt, wir bauen ein Datennetz, aber wir können dem Nutzer nicht alles in Rechnung stellen, also sollen auch die Internetunternehmen dafür zahlen. Das ist völlig inakzeptabel. Google ist kein Kunde der Telekom. Außerdem darf ein Telekommunikationsunternehmen, das die Infrastruktur bereitstellt, nicht bestimmen, welche Internet-Dienste besonders gut genutzt werden können. Kleine Start-ups, die nichts für die Nutzung zahlen können, hätten dann keine Chance mehr. Das Internet war eine Innovationsmaschine im vergangenen Jahrzehnt. Diese Innovationen werden gebremst. Das wäre ein schrecklicher strategischer Fehler der Telekommunikationsunternehmen. Das ist sogar eine Bedrohung für das freie Internet. Aber diesen Bestrebungen wird von den Kartellbehörden ein Riegel vorgeschoben“, hofft Cerf.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| DAX | 6.692,96 | −1,41% |
| FAZ-INDEX | 1.495,13 | −1,32% |
| TecDAX | 769,89 | −0,43% |
| MDAX | 10.249,10 | −1,04% |
| SDAX | 4.985,13 | −0,71% |
| REX | 421,06 | −0,02% |
| Eurostoxx 50 | 2.480,76 | −1,65% |
| F.A.Z. EURO INDEX | 80,01 | −1,60% |
| Dow Jones | 12.801,20 | −0,69% |
| Nasdaq 100 | 2.547,32 | −0,65% |
| S&P500 | 1.342,64 | −0,69% |
| Nikkei225 | 8.947,17 | −0,61% |
| EUR/USD | 1,3195 | −0,67% |
| Rohöl Brent Crude | 117,61 $ | −0,91% |
| Gold | 1.711,50 $ | −2,09% |
| Bund Future | 138,62 € | +1,01% |