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Google-Verwaltungsratschef Eric Schmidt „Jeder Mensch will online sein“

 ·  In Hannover hat Google-Verwaltungsratschef Eric Schmidt zusammen mit der Kanzlerin die Cebit eröffnet. Im Interview spricht er über Nutzerdaten, den Kauf von Motorola und seine Sorge, dass Regierungen die Freiheit im Netz gefährden.

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Herr Schmidt, vor kurzem sprachen Sie von Robotern, die stellvertretend für Menschen an Messen und Kongressen teilnehmen können. Sind Sie jetzt wirklich hier auf der Cebit?

Ich habe solche Roboter auf der Mobilfunkmesse in Barcelona als ein Beispiel für die schnelle Entwicklung der Computertechnik genannt. Es gibt Unternehmen in Amerika, die Roboter mit Augen, Ohren und einer Kamera bauen. Der könnte hier an die Tür klopfen, und wenn man „Herein“ ruft, würde er eintreten. In den nächsten zehn Jahren ist das Wirklichkeit. Aber einen Roboter als Stellvertreter zu schicken, wird nie dasselbe sein, wie als Person vor Ort zu sein.

Lassen Sie uns von der Zukunft auf die Gegenwart kommen: Vor welchen Herausforderungen stehen Internetunternehmen wie Google heute?

Diese Frage kann man aus verschiedenen Perspektiven beantworten. Die Erste ist das Internet an sich. Hier besteht die größte Herausforderung darin, dass verschiedene Regierungen rund um den Globus begonnen haben, das Netz zu filtern. Sie machen es unmöglich, im Netz gegensätzliche politische Meinungen zu äußern. Es beunruhigt mich, wenn das Internet dadurch geschlossener und segmentierter wird. Es wäre schlecht für die Meinungsfreiheit und für offene Gesellschaften, wenn einzelne Länder ihre eigenen isolierten Netze aufbauen.

Und wie sieht es auf anderen Ebenen aus?

Für Unternehmen bestehen viele Chancen: Es werden neue Plattformen entwickelt. Facebook ist dafür das bekannteste Beispiel, aber es gibt noch eine Reihe anderer, die aufzeigen, was Investitionen in das Internet bewirken können. Das Empfehlungsnetzwerk Yelp ist gerade an die Börse gegangen, Facebook wird folgen.

Was macht Ihrer Meinung den Erfolg dieser Unternehmen aus?

Viele Internetunternehmen haben einen großen Schritt gemacht: Sie haben Netzwerke aufgebaut und sie so ausgestaltet, dass sich das Internet zu einem Konsumentennetz entwickeln konnte. Denken Sie nur an Geräte wie das iPhone oder unsere Android-Handys: Man schaltet sie an, kann sie einfach bedienen und ist sofort online. Das wäre niemals möglich gewesen in der Ära der Microsoft-Personalcomputer.

Aber das Netz ist nur für eine Minderheit verfügbar, fünf Milliarden Menschen haben keinen Zugang.

Aber jeder will online sein. Also gibt es Milliarden Menschen, die sich Zugang zum Internet wünschen, es sich aber noch nicht leisten können. Die Aufgabe von Regierungen ist es, ihren Bürgern eben das zu ermöglichen. Sorge dafür, dass Deine Bürger online sind - für die Erstellung guter Inhalte sorgen sie dann selbst.

Welche Rolle spielt Google dabei?

Wir versuchen zu helfen, indem wir etwa günstige Smartphones ermöglichen. Es wird im nächsten Jahr eine Reihe von Herstellern geben, die internetfähige Telefone herausbringen, die nur zwischen 100 und 200 Dollar kosten. Das sind Geräte, die zwar nicht ganz so hochentwickelt sind wie manch anderes Handy auf dem Markt, aber immer noch gut genug. In fünf bis zehn Jahren wird ein internetfähiges Handy nur noch 70 Dollar kosten. Das wird die weltweite Onlinebevölkerung stark vergrößern.

Gute Nachrichten für Google.

Sicher, aber nicht nur für uns. Natürlich sind das alles potentielle neue Kunden, die vielleicht auch irgendwann einmal auf Anzeigen klicken, die Google oder andere schalten. Man muss das jedoch langfristig aus Sicht der Menschen betrachten: Für sie ist es von Vorteil, online zu sein, weil sich ihr Lebensstandard dadurch erhöhen kann.

Wie muss sich Google als amerikanisch geprägtes Unternehmen ändern, um auf neuen Märkten in Asien oder Afrika bestehen zu können?

Der einzige wirkliche Unterschied, den es gibt, ist der zwischen Arm und Reich. Wer sich unsere Entwicklung in Afrika anschaut, der wird sehen, dass wir erfolgreich in Kenia, Ghana oder Ruanda sind. Gleichzeitig gibt es Länder, in denen die Menschen von einem Dollar am Tag leben müssen. Der Besitz eines Handys ist für sie in weiter Ferne und dennoch: Die Menschen wollen im Internet sein. Und jeder der denkt, dass sich Menschen in anderen Gegenden von uns unterscheiden, liegt falsch: Sie machen sich genauso Gedanken über Mode, Kultur, Information. Menschen in Schwellenländern werden im Netz die gleichen Phänomene erleben wie wir – und Google wird sie dabei begleiten. Und Facebook und die anderen natürlich auch.

Ein Weg, um die Menschen mit der Welt zu verbinden, könnte Ihr soziales Netzwerk „Google +“ sein. Zuletzt hieß es jedoch, dass es eine „virtuelle Geisterstadt“ sei, weil seine Nutzer weniger aktiv seien als bei der Konkurrenz. Hier auf der Cebit bewerben sie Google + massiv. Wie dringend brauchen Sie die Aufmerksamkeit?

Wir versuchen, den Menschen die Vorteile von Google + näher zu bringen. Wenn sie es verwenden, erhalten wir Informationen von unseren Nutzern, die ihre Erfahrung mit unseren Produkten verbessert.

Wie funktioniert das?

Ein klassisches Beispiel ist unsere Videoplattform Youtube. Wenn ein Nutzer virtuell mit anderen bei Google angemeldeten Nutzern verbunden ist, erkennen unsere Algorithmen, welche Inhalte sich die Freunde auf Youtube anschauen. Das erzeugt ein Signal, um dem Nutzer wiederum bessere Empfehlungen geben zu können, selbstverständlich immer anonymisiert. Wir nennen das, den „social graph“ integrieren, also das soziale Geflecht, das einen Nutzer umgibt. Darum geht es bei Google +.

Mit der anvisierten Akquisition des Smartphone-Produzenten Motorola wird Google zum Gerätehersteller. Wie wird das das Unternehmen verändern?

Wenn die Transaktion abgeschlossen ist, wollen wir Motorola als eigenständige Tochter führen und ein eigenes Smartphonegeschäft aufbauen. Gleichzeitig werden wir auch weiter Wettbewerbern unser Betriebssystem Android zur Verfügung stellen. Dabei werden wir natürlich fair vorgehen und Samsung, HTC, Motorola und andere Partner gleich behandeln.

Anfang dieser Woche tauchten Gerüchte auf, dass Google an einer neuen Spracherkennungstechnik arbeitet, die dem Apple-System „Siri“ Konkurrenz machen soll. Wann ist das Programm marktreif?

Nun, solche Gerüchte gibt es schon lange, und wie immer gilt: Wir kommentieren sie nicht. Was aber feststeht ist, dass wir schon seit gut fünf Jahren eine sehr gute Spracherkennung haben. Aber ich werde mich nicht an Spekulationen beteiligen, was wir damit in Zukunft machen.

Haben Sie denn abseits von Spracherkennung andere Pläne für neue Dienste oder Software?

Der wichtigste Mehrwert, den wir Kunden bieten möchten, ist und bleibt unser Kerngeschäft: die Verbesserung von Suchergebnissen. Wir wollen davon wegkommen, dem Nutzer Links zu präsentieren nach dem Motto: Hier sind zehn Dinge, die interessant sein könnten. Wir müssen den Menschen bessere Antworten geben. Wenn sie in der Suche „Wetter“ und „Hannover“ eingeben, dann wissen wir jetzt, dass wir Ihnen sagen sollten, wie das Wetter in Hannover ist und nicht: „Klick auf diesen Link, oder den hier.“ Je schneller wir auf solche Fragen eine Antwort geben, desto schneller können Nutzer ihre Zeit für andere Dinge aufwenden.

Müssen Sie mehr Nutzerdaten speichern, um solche Dienste anbieten zu können?

Nein. Nutzerdaten sind aber nützlich als ein Signal: Wenn ich weiß, dass ein Nutzer Deutsch spricht, und er gibt eine Anfrage auf Englisch ein, dann könnte es etwa sein, dass er sich als Deutscher anders als ein Muttersprachler ausdrückt. Wir nutzen dann das Wissen über den Nutzer - in diesem Fall Deutschland als seinen Aufenthaltsort - als Signal, das uns ermöglicht, den kulturellen Kontext eines Nutzers einzuordnen.

In Deutschland wird gerade ein Entwurf für ein Gesetz über ein Leistungsschutzrecht für Verlage diskutiert. Es soll Suchmaschinenbetreiber wie Google dazu verpflichten, für Inhalte zu bezahlen, die sie verwenden. Was halten Sie von der Idee, die Verleger an Ihren Werbeeinnahmen zu beteiligen?

Wenn Deutschland das Leistungsschutzrecht einführt, wäre das ein Alleingang, und es würde sich somit von anderen europäischen Ländern unterscheiden. Ich bin besorgt, dass das Reibungen erzeugt, die das Internet gefährden. Es gibt eine Menge Menschen, die derzeit auf Inhalte Dritter verlinken. Und Gesetze, die das verhindern wollen, würden das Internet langsamer und geschlossener machen.

Wenn der Leistungsschutz eingeführt wird, werden Sie dann deutsche Publikation von Google News ausschließen?

Ich hoffe nicht, dass es zu einer Einführung kommt.

Im Herbst wird Barack Obama möglicherweise abermals amerikanischer Präsident. Beim letzten Mal hieß es, dass Sie Wirtschaftsminister werden sollten, aber es wurde ein anderer. Ist es diesmal so weit?

Ich unterstütze Barack Obama seit langem, und ich denke, dass er ein sehr guter Präsident ist. Aber ich bin glücklich mit dem, was ich gerade mache. Ich finde die Themen Internet und Globalisierung auch in Zukunft so spannend, dass ich weitermachen will.

Bis zum Ruhestand?

Ich denke momentan nicht daran, mich zur Ruhe zu setzen. Das Internet ist eine der großen Erfindungen der Menschheit. Ich bin schon seit 25 Jahren dabei und will es auch bleiben.

Die Fragen stellte Martin Gropp.

Quelle: F.A.Z.
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