http://www.faz.net/-gqe-7myhk

Gegen die Datenschutz-Hysterie : Sammelt mehr Daten!

Vor Whatsapp und Facebook haben alle Angst. Ein Teil der Angst ist Hysterie. Bild: AP

Daten können Leben retten. Das muss man so deutlich sagen. Denn Deutschland ist in eine Datenschutz-Hysterie verfallen, die uns unserer Zukunftschancen beraubt.

          Daten können Leben retten. Man muss das mal laut sagen. Zum Beispiel in der Medizin: Jahrelang haben Ärzte ihren Patienten zu viele Schilddrüsenhormone verordnet. Die lösen manchmal Herzrhythmusstörungen aus und Kammerflimmern – dabei waren die Hormone oft gar nicht nötig. Aber das haben die Mediziner erst bemerkt, als sie die gesammelten Verschreibungsdaten von 52.000 Patienten ausgewertet haben.

          Eigentlich wissen alle, dass solche Untersuchungen wichtig und richtig sind. Aber es scheint so, als hätte die halbe Welt das im Moment vergessen. Wer würde heute schon zustimmen, dass Daten aus seiner Krankenakte weitergegeben werden? Nach den Geheimdienst-Enthüllungen von Edward Snowden ist die Welt in eine ausgewachsene Datenschutz-Hysterie verfallen. Alle drei Tage warnt irgendjemand vor irgendeiner Datensammlung, und bald entsteht der Eindruck, Daten seien des Teufels.

          Hans Magnus Enzensberger verlangt von den Deutschen allen Ernstes, ihr Handy wegzuwerfen. Und auch weltzugewandtere Zeitgenossen bauen Barrikaden auf, als schwappte die nächste Tsunami-Welle auf ein Atomkraftwerk. Schleswig-Holsteins umtriebigster Datenschützer Thilo Weichert fordert den Boykott von Whatsapp, und auf Facebook verbreitet sich seit Wochen ein „EDV-Experte“ aus Hohenlimburg, der raunt, dass Whatsapp Gespräche wie eine Wanze abhöre – ohne Belege. Tatsächlich erbittet Whatsapp Zugriff auf das Handymikrofon: weil man damit Sprachnachrichten verschicken kann. Es erbittet sich Zugriff auf die Kontaktliste: um SMS an die Kontakte verschicken zu können. Alles weitere sind Verschwörungstheorien.

          Die Deutschen nutzen Daten. Deshalb sind sie nicht blöd

          Wer der Menschheit etwas Gutes tun will, muss eben manchmal Daten auswerten. Damit kann man tatsächlich das Leben verbessern. Zum Beispiel: Staus bekämpfen. Dabei helfen schon seit einigen Jahren die Daten von Vodafone-Handys. Bewegen die sich schnell oder langsam über die Autobahn? Computer analysieren das – und wissen so viel genauer als die alten Verkehrsmeldungen, wo Stau herrscht. Und das Navigationsgerät kann die Autofahrer dann umleiten. Die Fahrtzeit sinkt um fast ein Fünftel, Benzin und Abgas werden gespart.

          Im Prinzip wissen die Deutschen das auch. Sie nutzen die Dienste ja täglich. Sie klagen laut über fehlenden Datenschutz in Facebook und Whatsapp – aber sogar wenn man sie direkt fragt, will nur jeder Dritte überhaupt über einen Verzicht auf Whatsapp nachdenken. Nur ein Bruchteil tut es wirklich. Ganze drei Prozent der Deutschen halten Datenschutz für ein drängendes Thema.

          Das kann man als „Markthörigkeit“ abtun oder die Deutschen als dumm bezeichnen, wie es Schleswig-Holsteins Datenschützer Thilo Weichert schon getan hat. Man kann aber auch zur Kenntnis nehmen, dass die Deutschen seit Monaten mit Datenschutz zugedröhnt worden sind. Sie sind voll informiert, sie sind nicht blöd – sie wägen einfach zwischen Kosten und Nutzen ab.

          Der Nutzen ist konkret, der Schaden höchst unsicher

          Der Nutzen der Datensammlungen ist konkret: Facebook führt alte Freunde zusammen, Whatsapp verschickt kostenlose Nachrichten, Amazon schickt alle möglichen Bücher innerhalb von Sekunden auf das E-Book und gibt auch noch gute Tipps für das nächste Buch – und zwar auch in Fachgebieten, in denen kein Buchhändler mehr mithalten kann.

          Dagegen ist der Schaden, der aus der Datensammelei entstehen kann, auch nach monatelanger Diskussion noch abstrakt und höchst unsicher. Sicher: Ständig spekuliert irgendjemand darüber, was Unternehmen und Geheimdienste mit den gesammelten Daten alles theoretisch anfangen könnten. Ob sie aber praktisch überhaupt genügend Computer haben, um dieser riesigen Datenmengen Herr zu werden, ist zweifelhaft. Im wahren Leben dagegen waren die Folgen bisher nur selten sichtbar. Die meisten Leute bemerken nur, dass Amazon ganz brauchbare Einkaufsvorschläge macht und Facebook es trotz aller Datenanalyse immer noch nicht immer schafft, Anzeigen auch nur halbwegs auf unsere Interessen zuzuschneidern.

          Da muss es niemanden überraschen, dass sich zwar viele Deutsche mit der Datensammelei ein bisschen unwohl fühlen, aber trotzdem im Ernstfall immer noch den Nutzen der einzelnen App höher bewerten als den möglichen Schaden – und so weitermachen wie bisher.

          Daten sind das Erdöl des 21. Jahrhunderts. Man sollte nicht verschwenderisch damit umgehen, aber die Chancen nutzen, die sie bieten. Politiker und Behörden sollten von ihrer Hysterie wieder herunterkommen und kleinen wie großen Unternehmen Mut machen, diesen enormen Schatz zu nutzen. Deutschlands Bürger tun das nämlich sowieso. Im Zweifel eben mit Hilfe von Unternehmen aus dem Ausland.

          Erinnert sich noch jemand an StudiVZ, die deutsche Kopie von Facebook, die einst die sozialen Netzwerke in Deutschland bekannt gemacht hat? Dessen Niedergang fällt in eine Zeit, in der StudiVZ sich ganz dem Datenschutz verschrieb und sogar mit dem deutschen Datenschutz Werbung machte. Geholfen hat das nicht.

          Patrick Bernau

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft Online.

          Folgen:

          Quelle: F.A.Z.

          Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben.

          Topmeldungen

          Chinas Einfluss : Die Schlinge in Hongkong zieht sich zu

          Lange haben sich die Bewohner Hongkongs gegen den Einfluss Chinas gewehrt. Selbst bei Regen gingen sie auf die Straße, um demokratische Rechte einzufordern. Nun erhöht China den Druck.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.