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Fernsehsender „Der Markt für politische Talkshows ist gesättigt“

 ·  Anke Schäferkordt über den Abgang von Günther Jauch, Gebühren im Privatfernsehen und TV-Programme auf dem iPod. Die RTL-Chefin erklärt im Interview, warum Polit-Talkshows nicht zu ihrer Zielgruppe passen und warum RTL ins Pay-TV einsteigt.

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Anke Schäferkordt beschreibt im Interview, wie sie die Zukunft des Fernsehmarktes und die Rolle von RTL sieht. Seit knapp einem Jahr sitzt die 43jährige an der Spitze der RTL-Sendergruppe. Dort hat die für Showbiz-Verhältnisse unprätentiöse Dame nach Ansicht von Kritikern gute Arbeit geleistet. Ein wenig am Macher-Image kratzte die Absicht von Günther Jauch, bei der ARD die Nachfolge von Sabine Christiansen antreten zu wollen.

Frau Schäferkordt, warum zocken Sie eigentlich Ihre Kunden ab?

Das ist Unsinn. Unsachlich und polemisch.

Aber viele RTL-Zuschauer werden künftig für Ihr Programm bezahlen müssen.

Sie sprechen unser Vorhaben an, künftig die Ausstrahlung über digitale Satelliten zu verschlüsseln. Da gibt es wenige Argumente dagegen und viele dafür.

Letztendlich kostet die Entschlüsselung Geld: 3,50 Euro pro Monat, um RTL über Astra zu empfangen.

Richtig ist: Astra plant für die neue digitale Plattform eine technische Zugangspauschale, wie sie im Kabel und in vielen europäischen Nachbarländern längst üblich ist. Die Verschlüsselung ist dringend notwendig, denn sie schützt die einmalige Vielfalt im deutschen Free-TV. Sie verhindert unzulässige Nutzung wie Raubkopien in der digitalen Zukunft. Die Musikbranche hat gezeigt, was passiert, wenn wir darauf nicht achten.

Sie haben Angst, daß man Ihre kostbare Werbung technisch einfach herausschneidet oder ersetzt.

Daß jemand das Sendesignal und somit unser Programm generell auf illegale Weise zu eigenen Geschäftszwecken mißbraucht. Das ist in Einzelfällen in der Vergangenheit bereits geschehen. Unser Programm wurde kopiert, verändert und gegen Bezahlung im Internet angeboten. Wir mußten uns juristisch wehren.

Wir bezweifeln, daß diese Argumente den normalen TV-Zuschauer überzeugen, wenn es an sein Portemonnaie geht.

Denjenigen, der sich sachlich mit dem Thema auseinandersetzt, überzeugt es. Allerdings werden die Zuschauer, offen gesprochen, im Moment noch nicht überall wirklich sachlich informiert.

Aber Sie wollen doch tatsächlich RTL zum Pay-TV-Sender machen.

Das behaupten die Öffentlich-Rechtlichen und sie machen es sich damit zu einfach. Ich bin sicher, daß sie spätestens bei den nächsten Verhandlungen über Spielfilmpakete und Sportrechte vor der gleichen Problematik stehen. Denn nicht zuletzt sind es die Lizenzgeber, die den Signalschutz zur territorialen Abgrenzung verlangen.

Ausgangspunkt der Diskussion ist die Digitalisierung des Fernsehens. Brauchen wir die wirklich?

Ja, denn sie bringt den Zuschauern neben einer besseren Empfangsqualität vor allem ein deutlich breiteres Angebot. Zum Beispiel ist sie die Voraussetzung für Video on Demand, also das Abrufen einzelner Programme. Und für digitale Spartenkanäle, die es in ein paar Jahren zu so ziemlich jedem Interessengebiet geben wird.

Wollen Jäger und Angler tatsächlich ihren eigenen Fernsehsender?

Ja, sie werden sich die Frage stellen: Abonniere ich mir eine Fachzeitschrift oder ein spezielles TV-Programm? Schon heute haben wir im digitalen Satelliten mehr als 200 Kanäle. Das Angebot wird noch weiter steigen.

Wenn die Segmentierung tatsächlich wächst - gefährdet dieser Trend nicht die großen Universalsender wie RTL?

Wir haben Erfahrungswerte aus viel weiter entwickelten Fernsehmärkten wie dem amerikanischen. Dort hat sich in den vergangenen zehn Jahren die Fernsehlandschaft nicht wirklich umgekrempelt. Die großen Sender haben zwar leicht an Reichweite verloren, aber gleichzeitig viele neue Zusatzangebote auf den Markt gebracht. Auch wir werden voraussichtlich noch in diesem Jahr mit drei Spartenkanälen starten: zwei fiktionalen mit Serien und Spielfilmen sowie einem non-fiktionalen mit Real-Life-Formaten und Reportagen.

Ihr Einstieg ins Pay-TV.

Ja. Dabei bleiben unsere werbefinanzierten Free-TV-Sender jedoch unser Kerngeschäft.

Mit fallender Tendenz, wie Gruppenchef Gerhard Zeiler jüngst ankündigte. Von derzeit 62 auf demnächst 50 Prozent.

Das bezieht sich vor allem auf die Entwicklung im Ausland. In Deutschland ist und bleibt das werbefinanzierte Free-TV das Kerngeschäft der deutschen RTL-Senderfamilie. Rund 85 Prozent des Umsatzes kommen heute aus diesem Geschäftsbereich. Unabhängig davon werden wir den Anteil unserer werbeunabhängigen Geschäfte von derzeit rund 15 Prozent weiter ausbauen.

Machen Ihnen Internet und Online-Werbung keine Sorgen? Die boomt wie nie und dürfte Sie Kunden kosten.

Wir sind selbst sehr aktiv in diesem Bereich. Rtl.de ist eine der erfolgreichsten General-Interest-Sites. Zuschauer können Sendungen auf Geräte wie den iPod herunterladen. Und bei clipfish.de können sie sich aktiv mit eigenen Filmen einbringen, ähnlich wie bei der Video-Community YouTube. Diese Websites vermarkten wir zunehmend gemeinsam mit unseren anderen Angeboten. Kunden können ihre Werbung in all unseren Medien plazieren - im Internet, im Teletext und natürlich im Fernsehen.

Und das wird genutzt?

Ja. Die Werbekunden begrüßen es sehr, für ihre Kampagnen ein crossmediales Angebot aus einer Hand zu bekommen.

TV-Kritiker klagen, das Programm verflache immer mehr . . .

. . . das höre ich seit über zehn Jahren - und kann absolut nicht zustimmen.

Sie sagen, es entwickele sich zu einem Nebenher-Medium, ähnlich wie das Radio.

Das sehe ich nicht. Große Abendunterhaltung können Sie nicht nebenher verfolgen. Alle fiktionalen Formate haben eine hohe Zuschauerbindung. Einem guten Krimi können Sie nur folgen, wenn Sie dranbleiben, sonst verpassen Sie was.

Wenn der Fernseher in der Küche oder im Kinderzimmer läuft, ist er aber doch nur Beiwerk.

Die Art der TV-Nutzung ist abhängig von Tageszeit und Programmgenre - und sie ist über die letzten Jahre konstant gestiegen. Bei Erwachsenen ändert sich das Medienverhalten kaum, bei Kindern dagegen zeigt sich ein anderes Bild. Sie wachsen mit unterschiedlichen Medien auf und nutzen sie gleichzeitig: Internet, Fernsehen, Spielekonsolen. Das würde uns Erwachsene wahrscheinlich überfordern. Aber Kinder verfügen über die Fähigkeit des Multi-Tasking, sie können viele Dinge gleichzeitig tun.

Beunruhigt Sie das als Geschäftsführerin eines TV-Anbieters?

Langfristig stellt sich die Frage: Wie führen wir die jungen Menschen an das Medium Fernsehen heran? Deshalb ist es wichtig, in anderen Medien präsent zu sein, und das sind wir längst. Wir holen die Zuschauer dort ab, wo sie die Medien nutzen. Wir werden nicht nur Fernsehen fürs Wohnzimmer bieten. Es ist wichtig, daß wir mobil empfangbar sind.

Handy-TV hat aber trotz Fußball-WM noch nicht den großen Durchbruch erlebt. Viele haben sich mit ihren kleinen Displays gefragt: Ist dieser Pixel da der Ball?

Es war ein erstes Testprojekt. Und Tests sind wichtig, um Erfahrungen zu sammeln. Die Empfangsgeräte kommen bei uns gerade erst raus. In Märkten wie Korea ist mobiles Fernsehen bereits weit verbreitet. Da haben sie sehr gute Fernsehbilder im mobilen Empfang. Die Geräte liefern gestochen scharfe Bilder, das sieht schon sehr gut aus. In jedem Fall ist es eine Technik, die uns stark beschäftigt.

Sie stehen jetzt knapp ein Jahr an der Spitze der deutschen RTL-Senderfamilie. Ihr Resümee?

Programmlich haben wir sehr viel von dem erreicht, was wir uns vorgenommen haben. Die Neustarts sind fast alle gelungen, Serien wie "Die Familienanwältin" mit Mariele Millowitsch haben gut funktioniert. Mit Shows wie "Let's dance" haben wir einen gesellschaftlichen Trend gesetzt. Auch Formate wie "Bauer sucht Frau" sind erfolgreich. Deshalb steigen wir jetzt mit einer zweiten Staffel ein.

Sie scheinen das Krawall-Image von RTL abstreifen zu wollen.

Von der Tendenz her geht es bei allen Sendern weg von den eher lauteren Formaten hin zu harmonischeren. Im Segment Real Life stehen Themen wie Familie und persönliches Leben im Vordergrund.

Wollen die Leute wirklich sehen, wie sie Wände richtig tapezieren?

Vor 15 Jahren hätten Sie einem 25jährigen nicht mit dem Thema „Wie gestalte ich mein Zuhause schöner und attraktiver“ kommen brauchen. Die Leute waren kaum zu Hause. Heute spielt dieses Thema bei jungen Leuten eine viel größere Rolle. Deshalb der Erfolg der Heimwerker- und Kochsendungen. Es müssen aber keine klassischen Ratgeber-Programme sein, sie sollten gut unterhalten und gute Geschichten erzählen.

Vor Ihrem Start als Geschäftsführerin hat RTL beständig Marktanteile verloren. Ist der Trend gestoppt?

Ja, wir liegen über den Gesamttag inzwischen nahezu stabil. Durch die Verluste der Wettbewerber hat sich der Abstand vergrößert. In der Primetime haben wir deutlich auf über 17 Prozent zugelegt. In der für uns wichtigsten Sendezeit beträgt der Abstand zu Pro 7 und Sat.1 inzwischen über fünf Prozentpunkte. Wir können wirklich zufrieden sein.

Wenn da nur Günther Jauch nicht fremdgehen würde. Er beerbt Sabine Christiansen im kommenden Jahr in der ARD.

Das ist nicht schön für uns. Wir werden aber künftig weiter so erfolgreich mit ihm zusammenarbeiten, wie wir das in der Vergangenheit getan haben - unter anderem mit "Wer wird Millionär?" und "Stern TV".

Jauch wollte eine Polit-Talkshow - warum haben Sie ihm keine angeboten?

Ich glaube, daß ein solches Projekt für RTL nicht von Erfolg gekrönt wäre. Denn wir sind der Ansicht, daß der Markt für politische Talkshows schon heute gesättigt ist.

„Sabine Christiansen“ hat doch ganz ordentliche Einschaltquoten.

In unserer Kernzielgruppe nicht. Marktanteile um die fünf Prozent sind für einen Sender, der deutlich zweistellig laufen möchte, bei weitem nicht genug.

Der Schaden durch Jauchs Wechsel hält sich also in Grenzen?

Für uns ist entscheidend, daß die gute Zusammenarbeit weitergeht. Darüber sind wir uns einig.

Das Gespräch führte Thiemo Heeg.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 13.08.2006, Nr. 32 / Seite 31
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