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Fernsehen ProSiebenSat.1 übernimmt Neun Live

22.03.2005 ·  Vom Aschenputtel zur begehrten Braut: Der Fernsehsender Neun Live, der sein Geld mit umstrittenen Gewinnspielen verdient, gehört künftig zur Senderfamilie ProSiebenSat.1. Der Kaufpreis beträgt 155 Millionen Euro.

Von Michael Hanfeld
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Erwartet wurde der Deal seit langem, seit gestern Nacht ist er spruchreif: Die Pro Sieben Sat.1 Media AG übernimmt zu einem Kaufpreis von 155 Millionen Euro sämtliche Anteile an der Euvia Media, welche die beiden Sender Neun Live und Sonnenklar TV betreibt.

Pro-Sieben-Sat.1 hielt bis dato bereits 48,4 Prozent an der Euvia, jetzt kommen die 48,6 Prozent der H.O.T. Networks GmbH des amerikanischen Medienunternehmers Barry Diller und jene drei Prozent hinzu, welche die Vorstandsvorsitzende der Euvia, Christiane zu Salm, selbst besitzt. Netto aufwenden muß der Pro-Sieben-Sat.1-Eigentümer Haim Saban, der an dem Geschäft mit Diller über Monate verhandelte, wie Pro-Sieben-Sat.1 mitteilt, 115 Millionen Euro, vierzig Millionen Barmittel aus der Euvia Media werden angerechnet.

Die Kartellbehörden müssen noch zustimmen

Die Chefin der Euvia Media, Christiane zu Salm, wird ihre Firma als Tochterunternehmen von Pro-Sieben-Sat.1 weiterführen, sie ist der Position nach in etwa den Geschäftsführern der anderen Sender wie Pro Sieben und Sat.1 gleichgestellt. An dem Verkaufspreis hat sie ihrer bisherigen drei Prozent entsprechend Anteil. Ihr Vertrag läuft dem Vernehmen nach noch ein Jahr. Das Bundeskartellamt, das österreichische Kartellamt und die Kommission zur Ermittlung der Konzentration im Medienbereich (Kek) müssen der Übernahme noch zustimmen. Die Transaktion soll innerhalb der nächsten vier Monate abgeschlossen sein.

Die Erfolgsgeschichte des sogenannten „Mitmachfernsehens“ Neun Live vom Aschenputtel zur begehrten Braut erfährt somit ein weiteres Kapitel. Angefangen vor dreieinhalb Jahren als Garagenfirma, deren Methoden, die Zuschauer zum Anrufen und Geldausgeben zu bewegen nicht ohne Grund mißtrauisch beäugt werden, hat die Euvia Media im vergangenen Jahr einen Umsatz von 102,4 Millionen Euro erwirtschaftet, das Ergebnis von Steuern, Zinsen und Abschreibungen lag bei 28,2 Millionen Euro.

Geschäftsmodell als Branchenseller

Dabei hat sich das Geschäftsmodell von Neun Live zum Branchenseller entwickelt, es paßt perfekt zu den Überlegungen der großen Sender, ihren abbröckelnden Umsatz im Werbegeschäft durch Direktmarketing zu ersetzen. Das Fernsehen wird - ob man es mag oder nicht - vom Unterhaltungs- zum Verkaufsmedium, zum Freizeitgestalter wie Bauchladen. Die Auswirkungen dieses Trends werden vor allem für den Handel gewaltig sein.

Und sowohl die RTL-Gruppe als auch Pro-Sieben-Sat.1 stellen sich darauf ein, nicht mehr nur Sender, sondern Großwarenhaus zu sein. Haim Sabans Sender haben zuerst die Anrufsendungen à la Neun Live in ihr Programm aufgenommen, jetzt wird die Anrufmaschine Teil des Unternehmens und - sie wird sich dort ausbreiten. Im vergangenen Jahr erwirtschaftete Pro-Sieben-Sat.1 rund sieben Prozent seines Umsatzes mit dem Nichtwerbegeschäft, bis 2007/2008 soll sich dieser Anteil verdoppeln.

„Beeindruckende Erfolgsstory“

Mit der Euvia Media „als integrativem Teil der Gruppe“ verfüge man künftig über einen eigenen Dienstleister für interaktive Fernsehformen wie Call TV oder T-Commerce, sagte der Vorstandsvorsitzende von Pro-Sieben-Sat.1, Guillaume de Posch, und lobt das Geschäftsmodell über den grünen Klee: „Die beeindruckende Erfolgsstory von Euvia Media ist das Verdienst von Christiane zu Salm und ihrem Management.“

Die Lebensgefährtin von Georg Kofler schreibt somit eine vergleichbare Erfolgsstory wie der Premiere-Chef, wenngleich mit inhaltlich ganz anders gelagerten Mitteln. Kofler hat den Kapitalmarkt davon überzeugt, daß man mit einem Aboprogramm, das rund ein Jahrzehnt lang als Kirchscher Pleitegeier über der Branche kreiste, Geld verdienen kann - alte Schulden hat er ausgelagert oder durch den Börsengang vor drei Wochen mit einem Volumen von 1,18 Milliarden Euro abgelöst.

Ein neuer Markt

Christiane zu Salm hingegen zieht einen Sender auf, dem man ein Programm im eigentlichen Sinn kaum zuschreiben kann, hier zählt das Erlösmodell, das einen neuen Markt erschließt. Den zu kontrollieren die hypertrophen Landesmedienanstalten übrigens kaum in der Lage sind, wenn man vergleicht, welche Klagen von Zuschauern über erfolglose Anrufversuche es gibt und was die Medienkontrolleure daraus machen.

Sie werde sich nun, sagte Christiane zu Salm im Gespräch, „auf die Integration der beiden Sender Neun Live und Sonnenklar TV konzentrieren“. 9Live schlage für das Privatfernsehen ein neues Kapitel auf. Den bisherigen Erfolg wolle man „unter dem Dach“ von Pro-Sieben-Sat.1 ausbauen: „Vom Transaktionsfernsehen werden die Wachstumsimpulse im deutschen Free-TV ausgehen.“ Das Fernsehen als Dienstleistung ist auf dem Vormarsch.

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Von Kerstin Schwenn

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